Elegische Klangkapriolen

Neubad Luzern, 4.4.2015: Hanreti tauften am Samstagabend im Pool des Neubads im metaphorischen Sinne ihre «Platte» «Alt F». Die vierköpfige Formation bot ein abwechslungsreiches Bouquet aus Klangfarben und Musikstilen, ohne sich jemals allzu lange vom melancholischen Grundtenor, den ihre Musik durchzog, zu distanzieren. Mit Maren Montauk als Vorband schien der gestrige Abend ganz dem Motto «schwermütig-verträumte Multiphonie» verpflichtet gewesen zu sein… Von Tiziana Bonetti
Weder Fisch noch Vogel Nicht etwa zu dritt, wie die Pressebilder suggerieren, sondern zu viert musizierten Hanreti im ehemaligen Luzerner Schwimmbecken. Hanreti, das sind Mario Hänni (Drums), Rees Coray (Bass), Timo Keller (Gesang, Gitarre und Klavier) und Jeremy Sigrist (Gitarre). Man wittert im nordisch anmutenden Bandnamen ein Akronym. Die klanglich vielschichtige Musik der frischgepressten Luzerner Formation trotzt der Einordnung in ein ehernes Schublädchen. Umso erstaunlicher, dass die Band ihre Musik mit dem Label «Alternative Funk», beziehungsweise «Alt F» bewirbt. Hanreti Hybride Timbres statt eingängige Motive Hanretis Stücke lebten nicht von musikalischen Höhepunkten oder Ohrwurmmelodien. Ganz im Gegenteil: Mit spannungsgeladenen Anfängen, abrupten Stimmungswechseln sowie unberechenbaren Übergängen unterwanderte das Kollektiv permanent die Erwartungshaltung der zahlreich angetrabten Zuhörer. Erwartungsvoll verfolgte man den Ablauf des musikalischen Geschehens, lauschte dem mäandernden Fluss der kontrastreichen Musik. Trotz des breitgefächerten Timbrespektrums, mit dem Hanreti aufwartete, lösten sich ihre vor Elegie triefenden Songs kaum von ihrem schwermütigen Grundtenor. Leider behinderte die stark hallende Akustik des Neubads die verdichtete Palette der dargebotenen Klangvielfalt. Auf diese Weise gingen musikalische Feinheiten unter, die wohl, um besser zur Geltung zu kommen, eine ungeheuer präzisen Abmischung oder einfach eine Räumlichkeit anderer Akustik erfordert hätten. Einzig Schlagzeuger Mario Hänni konnte der dichtgedrängte Klangdschungel nichts anhaben. Ganz anders stand es um den Leadgesang Timo Kellers: Nicht selten wurde seine Stimme musikalisch überdeckt. Oder war es die bescheidene Bühnenpräsenz des Sängers, welche diesen Effekt im Sinne eines Trompe-l'oeil evozierte? Schade war es auf jeden Fall, dass sich Keller nie vom Klavierstuhl erhob, selbst wenn er über mehrere Songs hinweg nicht auf der Tastatur des Flügels spielte. Nachteilhaft wirkte sich nicht nur sein ungebrochener Sitzmodus aus, sondern auch die geknickte Kopfhaltung hinter dem Mikrophon. Kein Champagnerkorken geknallt Getauft wurde «Alt F» nicht im klassischen Sinne: Das Debutalbum von Hanreti ist nämlich nicht im CD-Format erhältlich, sondern kann auf iTunes heruntergeladen werden. Auf diese Weise erübrigte sich gestern Abend das prickelnde Ritual der Champagnertaufe. Nicht nur alkoholtechnisch, sondern auch wortpraktisch hielten sich die Musiker von Hanreti mit Ansprachen und Reden ans Publikum in Grenzen. Ausser kurzen Ansagen und einer vagen Vorstellungsrunde der Musiker durch Timo Keller, wurde kein weiteres Wort mehr an die Zuhörer gerichtet. Auch Blickkontakt suchte das Kollektiv keinen. Der so entstandene Barriere-Effekt schien der musikalischen Darbietung jedoch keinerlei Abbruch getan zu haben: Es regnete zu Recht Applaus. Graziöse Stimme aber schrill-schrulliger Tanz Auch das deutsche Trio Maren Montauk, das den Konzertabend einleitete, erntete grossen Applaus. Die ausgebildete Sängerin, Maren Kessler variierte gekonnt ihre Stimme zu schleppenden Beats und kristallklaren Gitarrenakkorden. Eine spektakuläre, zirkuswürdige Performance bot Multiinstrumentalist David Schwarz, der nicht nur Schellenkranzschlagzeugpianistsänger in einem, sondern sogar zur selben Zeit war. Die zarten, teils fragilen Melodien, dominiert von Maren Kesslers Gesang, luden zum Wachträumen ein. Abenteuerlich oder zumindest couragiert wirkte der Tanz der zarten Sängerin: Zu den zephirisch-gehauchten Akkorden des Gitarristen Michael Büschelmann gab die singende Virtuosin spektakuläre Robot-Moves zum Besten. Was dem schwelgerischen Charakter der Musik gut getan hätte, wäre ein bodenständiger Bass gewesen. Trotz seines Fehlens beköstigte das deutsche Kollektiv die Ohren des Publikums.