Wenn Gewalt alltäglich wird

Theater Pavillon, Luzern, 16.03.2019: Dass auch mit leisen Tönen tiefgründige Fragen gestellt werden können, beweist Yael Inokai in ihrem Roman «Mahlstrom». Am Literaturfest Luzern gab die Autorin Einblicke in ihr Werk – subtil, dafür umso wirkungsvoller.

Neben den grossen Namen wie Klaus Merz oder Publikumsliebling Pedro fanden sich im Rahmen des Luzerner Literaturfests auch jüngere Autor*innen in Luzern ein – darunter die 1989 geborene Yael Inokai. Ohne grosse einleitende Worte las sie am Samstag im Theater Pavillon Luzern in melancholischem Ton drei Kapitel aus ihrem Roman «Mahlstrom».

Am Anfang ihres zweiten Romans steht der Tod einer jungen Frau. Der Körper Barbaras wird im Fluss in der Nähe des Dorfes gefunden, in dem sie aufgewachsen ist. Durch den Todesfall beginnen sich drei ihrer damaligen Freund*innen, Nora, Adam und Yann, an die gemeinsame Kindheit zu erinnern.

Damit werden nicht nur Erinnerungen an Waldspaziergänge und ans Kirschen-Klauen, sondern auch eine von ihnen begangene Gewalttat geweckt. Was sich als dunkler Kern des Romans entpuppt, dringt immer tiefer in ihr Bewusstsein. Durch die sich abwechselnde Erzählperspektive fächert sich das gemeinsam Erlebte in drei individuelle Welten auf, die mit jedem Kapitel genauer nachgezeichnet und ergründet werden.

Dabei unterscheiden sich die Erzählstimmen in ihrem Ton zwar merklich, erhalten jedoch durch die verbindenden Ereignisse einen gemeinsamen Rhythmus. Dieser führt in ruhigem, poetischem Ton durch den Roman.

Das Tal wird als rauer Ort skizziert, an dem Verschwiegenheit und Einsamkeit Einzug halten. «Das Dorf war alles andere, was ich zuvor gesehen hatte, eine Ansammlung von Häusern und Gärten und Wegen, grob in den Berg hineingeschnitten, so dass überall scharfe Kanten übrig geblieben waren», wird der Schauplatz an einer Stelle beschrieben. An diesen scharfen Bergkanten scheinen jegliche abweichenden Lebensentwürfe abzustumpfen.

Lediglich die klaffende Lücke, die Barbaras Tod im Dorf hinterlässt, passt nicht in die sonst behütete Gemeinschaft. Sie, von der gesagt wird, ihr «unmöglicher Körper» sei immer im ganzen Raum gleichzeitig gewesen, bleibt eine Leerstelle, widersetzt sich der Verdrängung aus der Erinnerung und lässt schliesslich den Bann des Schweigens über die in der Kindheit begangene Gewalttat brechen.

Inokai schafft es, in einer fliessenden, sehr präzisen Sprache, Fragen nach menschlicher Schuld und Gewalt aufzuwerfen. Die Kindheit wird dabei für einmal nicht als ein immerwährenden Sommernachtstraum, sondern als raues, verschlungenes Erwachsenwerden dargestellt. Ähnlich einem Halbwach-Zustand wird Ungeheuerliches in «Mahlstrom» plötzlich ganz alltäglich.

Sanft und leise brachte Inokai dem überwiegend grauhaarigen Luzerner Publikum zwar nicht den Unterhaltungswert, den andere Autor*innen versprechen, überzeugte jedoch mit thematischer Tiefgründigkeit und Subtilität.

Yeal Inokai: Mahlstrom (Rotpunktverlag, 2017).