
30.04.26
Theater
«Auf allen vieren»: Über die Lebensmitte hinaus
Man muss Miranda Julys Roman nicht gelesen haben, um von «Auf allen vieren» beeindruckt zu sein – doch die Lektüre prägt den Blick. Das Luzerner Theater zeigt eine intensive Inszenierung, die viel wagt, nicht alles hält, was sie verspricht und dennoch überzeugt.
Anna Chudozilov (Text) und Ingo Höhn (Bilder)
Auch wenn kaum jemand die Frage stellt, beantworten sie im Foyer nach der Premiere fast alle: «Hast du das Buch gelesen?» Es ist, als würde sich das Publikum entlang dieser Linie sortieren. Die einen zählen auf, was die Inszenierung vom Buch unterscheidet – am häufigsten fällt dabei die Feststellung, auf der Bühne komme «Auf allen vieren» mit deutlich mehr Humor daher als zwischen den Buchdeckeln. Eine Entscheidung, die gleichermassen gelobt wie bedauert wird. Wer den Roman noch nicht gelesen hat, behauptet, das bald nachzuholen. Einig scheinen sich beide Fraktionen, dass der erste Teil eine Intensität entwickelt, die sich nach der Pause nicht mehr einzustellen vermag. Und ob man Miranda Julys Bestseller gelesen hat oder nicht: Kaum jemand verlässt den Abend unbeeindruckt, fast niemand ohne Vorbehalte.
Auf Selbstfindungstrip
Die Ausgangslage ist so schlicht wie radikal: Eine Frau Mitte vierzig – beruflich durchaus erfolgreich, mehr verheiratet als verliebt geblieben, durch eine traumatische Geburt zur Mutter geworden – bricht ihre als Roadtrip von Los Angeles nach New York geplante Reise ab und macht sich stattdessen in einem Motel kurz nach Abfahrt zu einem wochenlangen Selbstfindungstrip auf. Der 2024 publizierte Roman wurde für seine eigenwillige Mischung aus Intimität, Absurdität und scharfsinniger Analyse der Wechseljahre gefeiert. Während die Midlife-Crisis von Männern schon immer einen Platz im Kanon hatte, schafften es weibliche Figuren selten, über die Lebensmitte hinaus erzählwürdige Leben zu führen. Anna Karenina, Effi Briest, Julia Capulet und Catherine Earnshaw: Sie alle sterben, bevor sie sich mit den Auswirkungen von Östrogenmangel auseinandersetzen konnten. Höchste Zeit also, das tastende, oft widersprüchliche Erleben einer Frau auf die Bühne zu bringen, die ihr Leben in dessen Mitte neu vermisst.
Höchste Zeit also, das tastende, oft widersprüchliche Erleben einer Frau auf die Bühne zu bringen, die ihr Leben in dessen Mitte neu vermisst.
Regisseurin Friederike Heller, die regelmässig im deutschsprachigen Raum Regie führt, steht für körperbetonte, dichte Inszenierungen. Am Luzerner Theater entscheidet sie sich für ein vielstimmiges, sinnliches Erzählen, das wie schon die Berliner Erstinszenierung im deutschsprachigen Raum auch auf Humor setzt. Das Bühnenbild ist schlicht und opulent zugleich, es bildet die Grundlage für den Raum, in dem sich die Hauptfigur gleichermassen zurückziehen und entfalten kann. Im ersten Teil gelingt es der Inszenierung, Begehren in der Lebensmitte als kaum aushaltbaren Zustand zu zeigen; es geht nicht darum, ein Ziel zu erreichen oder eine Handlung voranzutreiben, sondern diese unheimlich intensive Sehnsucht spürbar zu machen. Während Tini Prüfert als «ich» durch das Stück trägt, schlüpfen Bastian Inglin, Oliver Losehand und Carina Thurner immer wieder in andere Rollen. Mal sind sie Facetten der namenlosen Ich-Erzählerin, bringen all ihre widersprüchlichen Regungen und Gedanken in einer unmittelbaren, oft witzigen Gleichzeitigkeit auf die Bühne. Dann sind sie wieder Ehemann, Objekt der Begierde oder spielen das Kind der Protagonistin; Stimmen überlagern sich, Perspektiven verschieben sich, Identitäten lösen sich auf. Die fluiden Figuren unterstreichen, dass die Ich-Erzählerin in ihrem Leben endlich und kompromisslos die Rolle des «main character» beansprucht. Dank den plakativen Kostümen verliert das Publikum trotz all den Schichten und Perspektiven den Überblick nicht – und wird sicherheitshalber auch mal mit Erklärungen unterstützt. Allerdings muss man kein Genie sein, um zu erkennen, dass einheitliche Kostüme als Code für «Facetten einer Figur» stehen. Da braucht es nicht auch noch den Zeigefinger, der auf alle zeigt, die das Publikum gerade als «ich» lesen soll.
Nahbar wird das alles nicht zuletzt dank der musikalischen Begleitung durch Solong alias Klara Germanier. Ihr Sound ist wie die Protagonistin: massiv und fragil zugleich. Mal rau und kratzend, mal schwebend und klar, strukturiert und verstärkt Solong die Erzählung, ohne sie zu übertönen. Eindrücklich ist ihre fast schon zärtliche Zugewandtheit, mit der sie das Geschehen auf der Bühne mitzuerleben scheint. Sie hört zu, reagiert, betont – und lädt damit auch das Publikum ein, genauer hinzusehen, sich einzulassen, in derselben Offenheit wahrzunehmen.

Nach der ÖSTROGENKLIPPE
Ob mit oder ohne Kenntnis der literarischen Vorlage: Viel Lob gibt es nicht nur für die Musik, sondern auch die sinnliche Dichte, formale Konsequenz und die Bereitschaft zur Zumutung – ohne dabei aus purer Sensationswut zu provozieren. Die Inszenierung findet eine eigene Sprache, die dem Roman nicht einfach folgt, sondern ihn für die Bühne denkt. Nach der Pause wirkt es allerdings so, als habe man nun noch die wichtigsten Szenen des zweiten Teils abzuhaken versucht; so wie der Zusammenschnitt eines Fussballspiels weckt der in Fragmente zerfallende Abend dann allerdings nicht mehr die gleichen Emotionen, obwohl doch alles Wichtige gezeigt wurde. Wer das Buch gelesen hat, vermisst das eine oder andere: Meiner Begleitung etwa fehlt jene lesbische Beziehung, die sie für die Selbstfindung der Protagonistin als entscheidend empfindet. Der Ehemann sei im Buch weniger holzschnittartig gezeichnet, bemerken andere. Dass die komplexe Dynamik einer langjährigen Beziehung zugunsten klarerer Kontraste fast schon karikiert wird, bedauern wohl allerdings alle, deren Erfahrungshorizont über die Lebensmitte hinausreicht.
Trotz aller Kritik bleibt am Ende vor allem das Bild einer Frau, die sich nicht mehr aufrecht durch die Welt bewegt, sondern auf allen vieren (wobei man auch hier darauf hätte verzichten können, dieses Bild für das Publikum auszudeutschen). Tastend, suchend, verletzlich bewegt sich diese Frau und wirkt dabei nicht ungeschickt, sondern klug und eigenständig. Das Stück bleibt sich treu in dem Anspruch, Unsicherheit auszuhalten. Gerade dort, wo nicht alles glatt aufgeht. Denn der Abend entlässt das Publikum nicht mit eindeutigen Botschaften, sondern lädt ein zum Weiterdenken, Weiterlesen und ja: zum Weiterleben und Weitererzählen nach der Östrogenklippe.






