
29.04.26
«Solidarität steht gerade nicht hoch im Kurs»
Zum Tag der Arbeit am spricht Gewerkschafterin Amanda Probst über prekäre Arbeitsbedingungen in der Kultur, schwindende Arbeitskämpfe und wie der 1. Mai in Luzern wieder an Relevanz gewinnen kann.
Jonas Frey (Interview) und Claudia Schildknecht (Bilder)
Amanda Probst, welchen Stellenwert haben Arbeitskämpfe in der Kultur für die Gewerkschaft?
In der Kultur tätig zu sein, bedeutet harte Arbeit. Unvorhersehbare Einsätze in der Nacht oder am Wochenende gehören in zahlreichen Betrieben dazu. Weil viele Kulturschaffende ihre Arbeit mit Leidenschaft machen, geht das oft unter. Das macht sie anfällig für schlechte Arbeitsbedingungen.
Der VPOD Zentralschweiz hat vor vier Jahren mit dem Luzerner Theater einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ausgehandelt. Wie wirkte sich dieser auf die Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden am Haus aus?
Das Luzerner Theater ist die einzige Kulturinstitution, mit der wir bisher einen GAV aushandeln konnten. Dieser deckt die Rechte der Mitarbeitenden aus Administration, Marketing und Betrieb ab, etwa der Maskenbildner:innen, der Technik oder der Werkstatt. Dieses Personal steht oft im Hintergrund, hat keine laute Stimme in der Öffentlichkeit. Das künstlerische Personal ist in den meisten Fällen bei Szene Schweiz organisiert, dem Berufsverband der darstellenden Künste. Mit dem neuen GAV haben wir zum Beispiel die Einführung einer verbesserten Regelung bei Erfassung, Kompensation und Entlohnung der Überstunden erreicht. Im Hinblick auf viele Punkte stellt der GAV aber lediglich sicher, dass die Arbeitsbedingungen so bleiben, wie sie aktuell sind.
Das klingt nur bedingt nach einer Verbesserung.
Das ist so. Die Leitung ist besorgt um die Finanzierung und die Zukunft des Hauses. Das führte dazu, dass vorgeschlagene Veränderungen abgelehnt wurden, beispielsweise die Garantie auf zwei aufeinanderfolgende freie Tage, die wichtig für die Erholung der Angestellten wären. Wegen Personalengpässen wollte die Leitung dies nun aber nicht definitiv im GAV festhalten. Auch die Löhne werden selten erhöht, sondern nur an die Teuerung angepasst. Es gibt keine Lohnverhandlungen.
Liegt die Verantwortung für faire Arbeitsbedingungen nicht auch bei Stadt und Kanton, die mit den entsprechenden Kulturinstitutionen eine Leistungsvereinbarung eingehen?
Die mangelhafte Finanzierung des Theaters durch Stadt und Kanton führt dazu, dass der Stiftungsrat eine sparsame Budgetierung vornimmt. Da die Lohn- und Personalkosten eine grosse Budgetkomponente darstellen, ist es leider häufig der Fall, dass auf Kosten der Angestellten gespart wird.
Am Theater Basel wurde im vergangenen Jahr in Begleitung des VPOD ein neuer GAV ausgearbeitet. Diese Verhandlungen waren als partizipativer Prozess gestaltet, bei dem auch das technische Personal direkt eingebunden war. Können Sie mehr zu diesem Prozess und dessen Besonderheiten erzählen?
Diese Praxis geht auf eine Bewegung zurück, die fordert, solche Verhandlungen nicht länger im stillen Kämmerlein zu führen, sondern dass die Angestellten mitdiskutieren. In Basel sassen ein Dutzend Personen einer Delegation der Geschäftsleitung gegenüber und verhandelten über jeden einzelnen Punkt. Das machte den Prozess deutlich zeitintensiver und erforderte eine präzise Abstimmung.
Sind offene Verhandlungen wie diese auch in der Zentralschweiz denkbar?
Auf jeden Fall. Im Theater Basel wurde vielen Angestellten klar, dass es ihre Mitsprache braucht, damit die Anliegen bei den Arbeitgeber:innen gehört werden.
Welche Bedingungen machen es den Arbeitnehmer:innen schwerer, für ihre Rechte einzustehen?
Die Kulturszene in der Zentralschweiz ist klein, alle wissen alles voneinander, es wird viel geredet. Diese Ausgangslage erschwert es, sich zu wehren. Man will ja nicht auf einmal bei allen Arbeitgeber:innen schlecht dastehen. Ein weiterer Faktor ist, dass vielen Menschen aufgrund hoher Arbeitsauslastung schlicht die Zeit fehlt, sich neben dem Beruf zum Beispiel gewerkschaftlich zu engagieren. Ich verstehe, dass es eine Hürde ist, einen Mitgliederbeitrag zu zahlen. Aber wenn man einmal selbst Hilfe braucht, wird es auch nicht günstig.
Gewerkschaften stecken nicht nur in Luzern, sondern generell in der Krise. Woran liegt das?
Ein Grund besteht darin, dass das Klassenbewusstsein abnimmt. Leute, die sich als Teil des Mittelstands betrachten und bürgerliche Parteien wählen, realisieren oft nicht, dass auch sie mit 55 Jahren ihren Job verlieren könnten. Solidarität steht gesellschaftlich gerade nicht hoch im Kurs.
Wie nehmen Sie das schwindende Solidaritätsgefühl in Ihrer täglichen Arbeit wahr?
Einmal wöchentlich kommt jemand zu uns mit einem Problem und möchte unsere Unterstützung. Aus individueller Sicht jener, die vorbeikommen, verstehe ich das. Sie haben ein Problem und suchen Hilfe. Für uns als Gewerkschaft allerdings ist es fatal, wenn Arbeitnehmer:innen uns lediglich in schwierigen Situationen aufsuchen. Wir sind darauf angewiesen, dass sie Mitglieder werden. Der VPOD finanziert sich zu 80 Prozent von Mitgliederbeiträgen.
Der 1. Mai ist ein Tag, der stark von den Gewerkschaften geprägt ist. Es gab Jahre, in denen der Tag der Arbeit in Luzern kaum wahrgenommen wurde. Was braucht es, damit dieser wieder fest im Bewusstsein verankert wird?
Jahrelang wurde der Tag in Luzern gleich gestaltet. Immer weniger Leute kamen zum Fest, bis es fast gar nicht mehr existierte. Es brauchte ein paar junge Leute, die den 1. Mai neu aufstellten. Seit letztem Jahr stehen hinter der Organisation nicht mehr nur die Gewerkschaften, sondern auch andere politische Vereine und Gruppen, und die braucht es auch, damit die Bewegung grösser wird.
«Die Kulturszene in der Zentralschweiz ist klein, alle wissen alles voneinander. Diese Ausgangslage erschwert es, sich zu wehren.»
Auf welche Errungenschaften des VPOD Zentralschweiz blicken Sie zurück?
2024 beschloss die Stadt Luzern, dass alle Kinder automatisch für die schulergänzende Betreuung angemeldet werden. Diesen Sommer wird das nach und nach an verschiedenen Standorten eingeführt. Das ist ein wichtiger Schritt, vor allem für Familien mit tieferen Einkommen. Allerdings hat man das dafür notwendige Personal nicht in die Organisation miteinbezogen in Sachen Infrastruktur, Pensen oder Betreuungsschlüssel. Also haben wir mit dem Personal eine Gruppe aufgebaut und sind mit der Stadt in einen Dialog getreten. Diese macht uns nun einen Vorschlag, wie man in Zukunft die Bedürfnisse der Mitarbeitenden besser abholt. Das ist ein schöner Erfolg unserer Arbeit.
Welche Vision haben Sie für Kulturinstitutionen?
Eine Solidarität, die auf Selbstwirksamkeit beruht: dass die Maske auch mal der Technik aushilft oder die Künstler:innen hinter den Forderungen derjenigen stehen, die den ganzen Abend die Kasse bedienen. Wenn wir es hinbekommen, die Angestellten abzuholen und sie mit unserer Hilfe selbst aktiv werden zu lassen, wachsen auch wir als Gewerkschaften wieder.






