
05.06.26
Anna Pepe und Ippazio Calabrese: Ist es wie bei Schwarzenbach?
In unserer Interviewserie werfen wir Schlaglichter auf Perspektiven aus dem Migrations- und Asylbereich auf die SVP-Initiative zur «10-Millionen-Schweiz». Diesmal: Anna Pepe und Ippazio Calabrese. Er führt die Colonia Libera Italiana in Luzern, sie ist regelmässige Besucherin.
Giulia Bernardi (Interview) und Kim da Motta (Bild)
Anna Pepe, Sie und Ihr Ehemann sind Ende der Fünfzigerjahre von Italien in die Schweiz gekommen. Wie war es damals?
Anna Pepe: Die Wirtschaft in der Schweiz hat geboomt, es brauchte keine Fach-, sondern Arbeitskräfte. Diese hat die Schweiz dann aktiv gesucht und rekrutiert. Schindler, die Firma, bei der ich gearbeitet habe, hat so dringend Leute gesucht, dass sie den bestehenden Mitarbeitern sogar etwas bezahlt hat, wenn ihr jemand vermittelt wurde.
In Bezug auf das Saisonnierstatut wird oft der folgende Satz von Max Frisch zitiert: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Durch Ihre Erzählung wird deutlich, dass die Vorstellung, dass Menschen «einfach kamen», nur bedingt stimmt.
AP: Für viele Migranten war es keine freie Entscheidung, in die Schweiz zu kommen, sie mussten, zum Beispiel aus wirtschaftlicher Not.
Wie war es bei dir, Ippazio?
Ippazio Calabrese: Ich bin in den Achtzigerjahren, im Alter von knapp zwanzig Jahren, als Saisonnier in die Schweiz gekommen. Ich habe im Hotel National in Luzern im Service gearbeitet. Ich bin immer eine halbe Stunde zu früh gekommen und erst gegangen, wenn der Chef es mir gesagt hat. Im National haben damals Italiener, Leute aus Ex-Jugoslawien und Spanier gearbeitet. Niemand sprach deutsch, aber wir haben uns trotzdem verstanden.
Anna Pepe, was ist Ihnen aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben?
AP: Als wir uns um eine Wohnung in Luzern bewerben wollten, hat mich die Vermieterin gefragt, ob wir zu den sauberen oder den dreckigen Italienern gehören. Was erlauben sich diese Menschen, so über uns zu urteilen? Auf der Arbeit hatten wir nie Probleme, wir haben uns an die Regeln gehalten. Mit der Sprache war es am Anfang schwierig, ich habe zunächst versucht, mich mit Französisch durchzuschlagen, weil mir das Geld für Deutschkurse fehlte. Vieles habe ich später mit meinen Töchtern gelernt, die hier zur Schule gingen.
Wie haben Sie 1970 die Schwarzenbach-Initiative erlebt?
AP: Wir waren damals schon seit zwölf Jahren in der Schweiz, unsere Familie war hier, unsere Töchter gingen zur Schule. Wir haben uns natürlich gefragt: Was passiert, wenn wir gehen müssen? Wo gehen wir hin? Als die Initiative abgelehnt wurde, haben wir gefeiert.
Am 14. Juni stimmt die stimmberechtigte Bevölkerung über die SVP-Initiative ab …
AP: Es ist wieder genau das Gleiche. Heute kann ich wählen, damals konnte ich das nicht.
IC: Ich stelle immer wieder fest, dass sich die Leute nicht an das Saisonnierstatut erinnern, lediglich der Name Schwarzenbach ist ihnen noch ein Begriff. Viele realisieren nicht, was die Schweiz gewonnen hat, als das Saisonnierstatut endlich abgeschafft wurde. Und was alles verloren geht, wenn ein solches System wieder eingeführt wird. Diese Initiative ist radikal.
In der Debatte um die Initiative wird oft von den negativen Folgen gesprochen, die Migration hat, nicht aber über die positiven. Gleichzeitig frage ich mich: Müssen Migrant:innen der Schweiz überhaupt etwas bringen?
AP: Wir haben die Küche hierhin gebracht, Kultur und Arbeitskraft. Viele Kinder von Italienern haben heute anerkannte Berufe und Karriere gemacht.
IC: Es wird nicht wertgeschätzt, was die Migranten gemacht haben: Wenn alle Brücken und Strassen sprechen könnten, dann wäre das italienisch oder spanisch.
Anna Pepe lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann Carmine seit 68 Jahren in der Schweiz. In der Colonia Libera Italiana in Luzern ist sie eine regelmässige Besucherin.
Ippazio Calabrese kam in den Achtzigerjahren als Saisonnier in die Schweiz. Heute führt er die Colonia Libera Italiana in Luzern.


