Literarische Vokalkunst und Mückenschwärme

Neubad, 18.04.2017: Ein begnadeter Sprachklang-Ästhet, märchenhafte Geschichten: Diese verheissungsvolle Verschmelzung verhiess einen erfrischend ungewöhnlichen Literaturabend im Neubad.

Michael Fehr tritt gemächlichen Schrittes in den Pool des Neubads, fasst sich mit der Hand an die Stirn, wuschelt sich die James-Dean-Frisur zurecht und beginnt mit seiner sonoren Stimme die Rezitation seiner ersten Erzählung «Indien-Sri Lanka». Das Licht im Pool ist grell und die Fläche, die für Fehrs Auftritt parat steht, weitläufig. Etwas lieblos und unpersönlich erwartet ihn die Bühne – nur ein Ledersessel und ein Whiskyglas, das ziemlich verloren im Raum steht. Ob da drin nicht auch Michael Fehr verlorengeht mit seiner One-Man-Show, denkt man sich.

«Glanz und Schatten»

Fehrs Lesung ist seinem neusten Erzählband «Glanz und Schatten» gewidmet, sein drittes Buch, das sich nun neben seinen zwei erfolgsgekrönten Vorgängerwerken «Kurz vor der Erlösung» (2013) und «Simeliberg» (2015) zu behaupten hat.

Bei Fehrs Auftritt von einer Lesung zu sprechen, hiesse jedoch, sein literarisches Programm durch eine Simplifizierung zu verkennen. Michael Fehr produziert und erfreut mit Literatur – vom Lesen aber sieht er bewusst ab.

Michael Fehr liest im Neubad-Pool aus seinem neuesten Werk «Glanz und Schatten».

Lyrisch-pulsierende Prosa

Fehr erzählt, wie er mit 25 zum Schreiben kam, als er sein Jurastudium abgebrochen hatte und ihm in punkto Ausbildung «das Wasser bis zum Hals stand». Da entschied er auf Rat seines Berufsberaters, sich am Schweizerischen Literaturinstitut zu bewerben. Denn, so hat er sich dabei gedacht, «schreiben kann ja jeder». Fehr schreibt seine Texte wegen seiner Sehschwäche nie auf, sondern diktiert sie in ein Tonband. Die oft gestellte Frage, ob und inwiefern diese ungewöhnliche literarische Produktionsweise sein Kunstschaffen prägt, war gestern nebensächlich. 

Es folgt ein kurzes Innehalten, dann wechselt Fehr seine Pose und setzt an zur nächsten Erzählung, die sogleich beweist, dass vielleicht doch nicht jede/r so schreiben und das Geschriebene mündlich vortragen kann, Fehr darin aber ein Virtuose ist. Komplexe Sprachkompositionen, eindringliche Sprachbilder und mantrische Wortwiederholungen, durchsetzt mit Helvetismen, aufdringlichen Farben und unzähligen Tieren prägen seine Texte. Dabei bleibt seine Kunstsprache überraschend karg und prägnant. Seine Bücher versteht Fehr selbst als Partituren, die ihre Wirkung erst in der mündlichen Aussprache entfalten. Diese Wirkung weiss er mit seiner rauchigen, bluesigen Stimme à la Tom Waits sehr gut zu erzeugen – präzise Artikulation, die schnittige Sprenglaute mit stimmhaften, weichen Lauten in Abwechslung treten lassen.

Fehr rezitiert seine Texte allesamt auswendig, hält dabei immer wieder die Augen geschlossen, als hole er die Geschichten aus seinem Innersten. Dabei streicht er sich wiederholt durch die Haare, fasst sich an die Stirn. Sein Körper vibriert mit zu seinem virtuosen Sprachspiel, zittert, atmet und seine Hände begleiten die Ausdrücke der gesprochenen Bilder.

_.

Gebrauchsanweisung für Zuhause

Wer Fehrs Texte zuhause im Stillen liest, mag von diesen schnell überfordert sein. Denn die harmlos wirkenden Buchseiten schleudern dem angestrengten Leserauge eine so pralle versprachlichte Klang- und Lautakrobatik entgegen, dass dieses vielleicht vorschnell davor resigniert. Zu einer Erfahrung ganz neuartiger Weise werden seine Texte aber, wenn man sich diese laut vorliest. Die einzelnen Zeilen funktionieren dann nämlich tatsächlich wie Partituren und so wird die eigene Stimme davon fast automatisch geführt. Dabei droht die eigene Stimme nach Einwirken der Sogkraft dem lesenden Auge sogar davonzurennen.

Von Männern und Mücken

Spätestens jetzt ist das Publikum der bannenden Kraft seiner Sprache verfallen, die rhythmisch wie wild um sich schlägt und die Fülle der oralen Dimension eines literarischen Textes unter Beweis stellt. Der krönende Abschluss bildet die Kurzgeschichte «Im Schwarm», die von einem Mann und von Mücken handelt, wie Fehr dem Publikum schmunzelnd verlautbart. Tatsächlich geht es, inhaltlich zumindest, um einen lästigen Schwarm Mücken, der es auf den Erzähler abgesehen hat. In der Reduktion das Wesentliche zu erzählen, das ist Fehrs Anspruch an seine Kunst – und diesen weiss er auch einzuhalten. Nicht aber, ohne sich dabei gereizt einen Mückenstich aufzukratzen. 

Dass seinem Auftritt etwas Konzeptloses anhaftet, hat nicht gestört – im Gegenteil. Es hat ihn von einer sehr persönlichen Seite gezeigt. Sein sporadischer, beiläufiger Blick auf das Smartphone, um die verbleibende Zeit abzuschätzen, hat dann aber doch abgelenkt. Da hat man sich einen Bühnenpartner gewünscht, der sich dieser koordinatorischen Angelegenheiten annimmt. Und Fehr mit neugierigen Fragen löchert ...

Aber statt zu bemängeln, was alles noch hätte da sein dürfen – ist zu loben, was da war: Ein charismatischer, sympathischer und begabter Michael Fehr, der mit seiner Präsenz und seinem spoken word den Raum innert Kürze zum Schmelzen brachte.