Horizontlose Musiklandschaften

Sedel, 10.05.2014: Die ILM-Night im Sedel verspricht maximales Experiment bei minimalem Kompromiss. Insgesamt vier Musikprojekte wagten sich an die ambitionierte Vorgabe. Ein Abend im Zeichen der Ohrmuschelodyssee. Von Michael Sutter und Stoph Ruckli
Musikalische Rohkost Die Rolle des Openers geht an das Schweizer Quartett Sonar mit minimalistischen Rockattitüden. Ein langsamer Beginn, dumpfe Geräusche und zelebrierte Monotonie füllen den Veranstaltungsraum im Sedel. Nach dem Credo «Weniger ist mehr» spielen Stephan Thelen (Gitarre), Bernhard Wagner (Gitarre), Christian Kuntner (Bassgitarre) und Manuel Pasquinelli an den Drums ein kompaktes und in sich schlüssiges Set aus dem neuen Album Static Motion. Rigoros bleiben die vier Musiker ihrem minimalisierten Konzept treu, ohne die sich punktuell einschleichende Einseitigkeit zu brechen. Routiniert und professionell werden harmonische Soundstrukturen bis zu einer gewissen Dramaturgie aufgebaut, um sie anschliessend gleich wieder zu dekonstruieren. Die Musikstücke wirken systemimmanent, ohne Effekte, Loops oder Computers und reihen sich feinsäuberlich in eine Auswahl an 9/4-, 7/4- und 6/4-Takten ein. Man fühlt sich an Progressive- sowie Math-Rock erinnert und wünscht sich doch an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr Abwechslung als nur Rohkost. Ganz nebenbei mal die Frage, was genau mit den Visuals von Chantal Kaufmann und Nico Sebastian Meyer auf der ungeeignetsten aller Sedelwände ausprobiert wurde? Wie wäre es, wenn die Visuals auf der Bühnenwand platziert werden? Walfischmagen oder das, was man hört, wenn einem der Mausmaki auf den Kopf springt Wenn die Luzerner Jazzszene im Sedel auftaucht, müssen deren Protagonisten unweit der Bühne sein. Eine erstmalig-einzigartige Kollaboration des hiesigen Stimmorchesters mit Artjom Uruslan a.k.a. Tom Kuhn folgte als nächster Programmpunkt. Alles improvisiert, munkelte man im Vorfeld. Und dies schien auch der Fall zu sein. Die vier Skarface-Vertreterinnen (oder was war der schwarze Strich im Gesicht jeder Sängerin?) vom Stimmorchester, namentlich Rahel Kraft, Ursina Giger, Sabrina Schorro und Claudia Greber sind bekannt für stimmliche Improvisationen in Agitation und Reaktion zu Bestehendem. Das Vorgegebene können Räume, Situationen, Werke der bildenden Kunst oder im heutigen Falle, die elektronischen Klangskulpturen von Artjom Uruslan sein. Der aufmerksame Zuhörer wagt die Performance in drei Teile zu zerschneiden. Das erste Drittel ist geprägt von gegenseitigem Abtasten. Der elektronische Rhythmus wird mit den Stimmen gekonnt gebrochen und es kommen Erinnerungen an Hugo Balls dadaistische Lautgedichte zum Vorschein. Im zweiten Drittel droht die Gegenseitigkeit zu kippen. Man verliert sich ein wenig und der Zuhörer wähnt sich abwechselnd in einem Walfischmagen, begibt sich in das Geräuschewirrwarr eines Dschungels oder findet sich in der Notaufnahme eines Kinderspitals wieder. Der teils zarte, teils überbordend quietschende Sirenengesang wirkt höchst einlullend, hat etwas von Onomatopoesie und wird schlussendlich im dritten Teil sogar etwas groovig, was den Leuten besonders gefällt. Und wirft gleichzeitig die Frage auf, wo sich das Stimmorchester an der Schnittstelle zwischen Performance-Kunst und Musik befindet. Der Switch gelingt ihnen auf jeden Fall immer wieder aufs Neue.

Eine Sache der Menge, Teil 1 Im Prinzip sollten Nerdereien ab einem gewissen Grad nicht mehr in Rezensionen zelebriert werden. Trotzdem erschien gerade der Kontrast zwischen Artjom Uruslans Gearküche und dem Equipment des nachfolgenden Musikers besonders lustig. Was zum Nerd-Philosophieren verführen könnte. Der Schweizer Künstler schaffte seine Klangkonstrukte nämlich zwischen Analog und Digital mittels Pads, Effektgeräten, Laptop und weiteren spannenden Instrumentarien. Dem darauffolgenden Wunderkind Mtendere Mandowa alias Teebs reichte hingegen lediglich ein Sampler der Roland-Reihe. Dank diesem wurden dichte Beats produziert, vollgepackt mit unzähligen Schichten an verschiedenen Elementen. Wer das beschäftigte Hin- und Herswitchen von Kuhn zwischen seinen Geräten beobachtet hat, musste auf jeden Fall ein wenig grinsen bei Teebs. Viel oder wenig Equipment? Jedem das seine. Gute Musik ist die Hauptsache. Und die war auch beim dritten Act des Abends vorhanden. Kein Wunder. Mandowa gehört in seiner Heimat zur Speerspitze der experimental beat scene und misst sich auf einer Stufe mit Szeneberühmtheiten wie Flying Lotus oder Nosaj Thing. Und wenn er darauf keine Lust habe, wie der Pressetext mitteilt, dann male er und sorge in den Galerien seiner Heimat Los Angeles für Furore. Im Moment scheint der Produzent aber gerne Musik zu machen, was man auch an seiner Performance sah. Dank viel Lust und Groove versetzte er das Sedel-Publikum in einen Zustand zwischen Tanz und Trance, hüpfte gar für eine Zugabe auf die Bühne. Toll!

Eine Sache der Menge, Teil 2 Die gelungene Tracklist von Dominik Bienz in den Pausensets erhielt nach Teebs nur wenig Zeit zum sich ein weiteres Mal angenehm zu entfalten. Denn relativ schnell betrat Sebastian Gainsborough alias Vessel die Bühne für seinen Abschlussslot. Aufgrund des etwas späten Beginns des Gesamtanlasses leerte sich der Konzertraum jedoch vergleichsweise schnell. Schade eigentlich. Das Soundgemisch vom Engländer gefällt ausserordentlich gut. Allein der Song «Court of Lions» beschallte die eigenen Kopfhörer im Vorfeld öfters. Dass Gainsborough quasi direkt vom Berliner Kultlokal Berghain zum Sedel auf dem «Rotseehill» reiste, sagt weiter über seine Qualitäten aus. Im Fazit erschien der Abend in musikalischer Hinsicht für beide Autoren folglich mehr als gelungen. Anlässe im Zeichen des Experiments? Bitte bitte bitte mehr davon! Konträr enttäuschend erschien in diesem Zusammenhang zwar die eher schwache Anzahl Gäste. Diese produzierten jedoch Applaus sowie Jubel in zehnfacher Ausführung und verliehen dem Musikabend einmal mehr die magische Marke Sedel. Stark!