Gipfeltreffen auf dem Kulm

Die Luzerner Prog-Math-Djent-Formation Zirrus taufte ihr erstes Album «Kulm». Zusammen mit Insanity, Slowdrive und Golden Crandy wurden die harten Klänge zelebriert. Ein Gipfeltreffen der Sonderklasse mit herausragenden Vokalisten. Von Stoph Ruckli
Doch wie schade. Die sagenumwobenen Golden Crandy haben wir verpasst. Glückspilze munkelten aber, dass das im Geheimen stattgefundene Konzert (noch nicht einmal auf der Treibhaus'schen Tafel war die Band vermerkt) ein Highlight sondergleichen war. Vor allem der Bart des Bandleaders wurde als ungemein imponierend und inspirierend empfunden. Welch ein Verlust, einen solch beeindruckenden Bruder im Barte verpasst zu haben. Doch die Hoffnung auf eine weitere sagenhafte Show stirbt zuletzt. Slowdrive profitierten anschliessend und konnten trotz früher Spielzeit vor einer ansehnlichen Konzertschar auf die Bretter treten. Das Rezept der drei Luzerner ist ebenso simpel wie genial: Gitarre. Bass. Schlagzeug. Keine Effekte, kein Schnickschnack. Groovy Hard Rock at it's finest. Oder «North-Eastern Lu-Town Rock'n Fuckin Roll». Man wünschte sich an dieser Stelle, ein Germanistik-Professor würde dieses Wort einmal fein säuberlich vorlesen. Zurück im Kontext: Die Slowdrive-Walze schnaufte sich so gar nicht langsam in die Gehörgänge. Gerade das Gesangsorgan von Sänger Risi hat noch einmal an Varianz zugenommen, vom Scream bis zu seiner üblichen Rockröhre überzeugte er. Eine Mischung aus Tiger und Derwisch auf der Bühne. Das Publikum wurde so intensiv erhitzt und zum Kochen gebracht, wie dies sonst bei den Töpfen in der Treibhaus-Küche gang und gäbe ist. Nach vierzig Minuten war der Gspass vorbei. Sie hätten gerne noch doppelt so lange gespielt, meinten die Jungs. Aber so ist das halt an einer Plattentaufe: Der Täufling ist das Kind der Stunde. Bevor dieser aber antanzte, hüpfte aber noch das Entlebucher Hardcore-Quintett Insanity auf die Bühne. Auch sie keine Unbekannten. Ungemein aktiv und umtriebig im Internet (unbedingt auf Facebook verfolgen) als auch im realen Hartklang-Leben. Ihr Mix aus American Hardcore, gespickt mit Metalelementen (und nein, es ist deswegen kein Metalcore) groovt sich wie ein schwitzendes, wütendes Monster durch die Strassen und fräst weiter an den vorgeschliffenen Ohrmuscheln. Zu diesem Zeitpunkt kristallisierte sich heraus: Es musste der Abend der Frontmänner gewesen sein. Wie bei den beiden vorhergehenden Bands dominierte Sänger Tobi das Geschehen. Einem wütenden Eisbär gleichend, stampfte, hüpfte, schrie und kämpfte er sich vollgeschwitzt durch das Set. Hotpants und Unterleibchen, mehr braucht's bei ihm nicht. Seine Mannschaft ergänzte die NY-Attitüde perfekt. Die Jungs könnte man ohne weiteres in einem dreckigen Hardcore-Keller in der amerikanischen Weltmetropole vermuten. Grandios, einmal mehr und immer wieder eine Empfehlung wert. Davon konnte auch das Publikum ein Liedchen singen, Verzeihung, shouten. Es wurde gemosht und getanzt. Waren die Töpfe, angelehnt an die Küchenmetapher im vorhergehenden Absatz, am Kochen, so waren sie jetzt am Überkochen, ja sogar am Explodieren. Trotz Zugabe-Rufen und Bad in der Menge war dann aber auch für Insanity Schluss nach rund vierzig Minuten Schluss, denn jetzt trat der Taufpate in Richtung Musik. Zirrus, die man trotz der vergleichsweise jungen Bandhistorie getrost als Luzerner Metal-Institution bezeichnen darf, tauften ihr erstes Album «Kulm». Jener Begriff steht für den Gipfel eines Berges. Dementsprechend war der Luzerner Hausberg Pilatus auf dem Plattencover vertreten. Nach fast einem Jahr Funkstille ist der Fünfer in neuer Formation bereit für neue Taten. Mit personeller Verstärkung von Serge Hauri (g) und Claudio Berger (b) zelebrierten Dorian Bellwald (v), Jonathan Banz (g) und Michael Schmid (dr) ihre neuen Songs. Unterstützt wurden sie in visueller Hinsicht von Chregi Felber. Wenn wir gerade bei visuellen Elementen sind, muss an dieser Stelle auch Stefan Schauenburg erwähnt werden. Sitzt der Mann an den Lichtreglern und bringt seine LEDs mit, bekommt jede Show noch einmal einen sphärischen Push in Richtung Kunstwerk. Grossartig, was er und sein Assistent an jenem Abend einmal mehr mit dem Licht zauberten. Die Mischung Audio und Visio gelang dann auch bei Zirrus grandios. Begleitet von beeindruckenden Bildern und Lichtspielen zeigte die Band, wieso sie gerade technisch zur musikalischen Spitze der lokalen Szene gehört. Was bei ihnen zusammengetrommelt, geshreddert, gesweept und gegriffen wird, ist wahrlich Kulm-Niveau. Man beachte zudem, dass sie sich im Umfeld von komplizierten Rhythmen und programmierten Samples bewegen. Präzision ist Pflicht, damit der Sound funktioniert. Meshuggah, Protest The Hero und Animals As Leaders lassen grüssen. Auch beim letzten Konzert des Abends stand ein agiler Sänger wieder ein kleines Stückchen präsenter im Mittelpunkt. Während sich die Instrumentalfraktion grösstenteils auf ihre Rhythmus- und Tonlabyrinthe konzentrieren musste (was Interaktionen mit Konzertgängern trotzdem nicht ausschloss), bewies Vokalist Dorian Präsenz und erstaunliche Fitness. Obwohl er ständig herumstreunte, kamen die Töne glasklar an. Die neue Ausrichtung zum reinen Gesang und das mehrheitliche Abwenden von Growls ist gerade im Metalbusiness immer eine zwiespältige Angelegenheit - uns gefällt's im Falle Zirrus sehr gut. Und man muss sagen: Der Mann kann singen. Dementsprechend honorierte das Publikum die Show. Richtig so! Leider hat aber auch die schönste Bergwanderung einmal ein Ende. Zum krönenden Abschluss und der eigentlichen Taufe kamen noch einmal alle Bands auf die Bühne. Ein würdiges Schlussbild: Knallende Korken für Kulm mit den Gipfelstürmern nach dem Aufstieg. Eine Bergwanderung, die ist normalerweise etwas Beschwerliches, ob's jetzt aufwärts geht oder nicht. Doch schwere Beine, Muskelkater oder sonstige Beschwerden verspürte man an jenem Abend wohl erst am darauffolgenden Tag aufgrund Moshen, Headbangen oder Takt-Raten. Ein Gaudi war's, diesen vier ungemein starken Formationen zuzuschauen, von Höhepunkt zu Höhepunkt wurde gespielt. Auch wenn uns manchmal ein wenig die Puste ausging und eine Runde verschnauft werden musste (man wird halt auch nicht jünger): Mehr solche Konzerte wären wünschenswert. Wahrlich ein Gipfeltreffen.