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Porträt von Villi Hermann, fotografiert von Felix von Muralt

27.05.26

Film

Villi Hermann: Filme über die andere Schweiz

Im Zentrum seiner Filme stehen Migrations- und Klassenfragen. Nun wurde Villi Hermann mit dem Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises ausgezeichnet.

Gina Bucher (Interview)

Villi Hermann, Sie haben 1974 mit «Cerchiamo per subito operai, offriamo …» einen Dokumentarfilm über die damals rund 30 000 Grenzgänger:innen im Tessin gedreht. Er wurde nie im Schweizer Fernsehen gezeigt. Warum nicht?

Wir haben im Film Position für die Arbeitskräfte aus Italien ergriffen. Das war damals, kurz nach der Schwarzenbach-Initiative, noch immer ein heisses Thema. Dem Schweizer Fernsehen war das zu «agitatorisch», weswegen der Film dort nie gezeigt wurde. Erst 1976 im deutschen und 1977 im italienischen Fernsehen.

Sie haben für diesen Film keine Gelder bekommen und ihn selbst produziert. Warum wollten Sie ihn unbedingt machen?

Dieser Film war damals politisch sehr wichtig. Ich hatte keine Mühe, meine Freunde zu überzeugen, den Film trotzdem zu machen. Wir waren alle sehr militant in Bezug auf die Schwarzenbach-Initiative und den Rassismus, der sich damals in der Schweiz etablierte. Damals durften die Grenzgänger nicht einmal bei uns übernachten: Sie mussten jeden Abend wieder ausreisen. Und vor allem existierte damals im Tessin eine ausbeuterische Textilindustrie. Heute ist sie verschwunden, weil sie zuerst nach Portugal, dann nach Marokko und schliesslich nach Bangladesch verlegt wurde. Die Ausbeutung der Arbeiter, vor allem der Frauen, war für uns ein wichtiges Thema.

Sie thematisieren in Ihren Filmen immer wieder die «Angst der armen Leute» und stellen fest: Die, die unten sind, müssen unten bleiben, damit die, die oben sind, oben bleiben können. Woher kommt Ihr Bewusstsein für die Situation der «armen Leute»?

Das war, was ich kannte. Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen Filmemacher in der Schweiz, die keine Matura haben. Mein Vater wuchs in einer Familie mit zwölf Geschwistern auf. Die wenigsten haben einen Beruf gelernt. Mein Vater war sehr geschickt, aber er hatte keinen Beruf. Er bezeichnete sich selbst als Hilfsarbeiter. Das hat mich sehr beeindruckt. Meine Mutter arbeitete in der Textilindustrie in der Deutschschweiz. Sie kam als junges Mädchen in den 1940er-Jahren aus dem Malcantone zur Viscose in Emmenbrücke. Damals gab es im Tessin nichts, die Industrie kam dort erst in den 1960er-Jahren auf. Die emigrierten Mädchen lebten nicht in Privatfamilien, sondern in Heimen unter der Aufsicht sehr strenger katholischer Schwestern. Davon hat mir meine Mutter viel erzählt. Es gab in meiner Familie kein explizites Klassenbewusstsein. Aber natürlich kommt von daher mein Bedürfnis, den Menschen eine Sprache zu geben, die nie eine hatten.

Wie sind Sie selbst zu einem Beruf gekommen?

Ich bin quasi ein Kind der Grosszügigkeit kantonaler Förderung. Ich profitierte von einem Fördersystem, das heute zunehmend unter Beschuss steht. Als Mittelloser bekam ich ein Stipendium und studierte an der Kunstgewerbeschule in Luzern, später an der Akademie der Künste in Krefeld und in Paris. Ich wollte unbedingt Film studieren, aber ohne Matura war das an den meisten Schulen unmöglich. So kam ich nach London. Dort konnte ich mich mit einem Dossier bewerben und wurde an der London Film School angenommen.

Warum ausgerechnet Film?

Ich wollte «Künstler» werden, ursprünglich Maler. Doch die Bildleinwand schien mir zu eng. Ich dachte – und glaube immer noch –, dass der Film viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Hier habe ich den Ton, die Bilder, das bewegte Bild.

Wie erlebten Sie das Tessin, als Sie nach dem Studium in London dorthin zurückkehrten?

Das war ein Kulturschock. In London erlebte ich Ende der 1960er-Jahre die Swinging Sixties. Ich habe dort eine Welt entdeckt, die ich mir überhaupt nicht ausdenken konnte. Und dann kam ich in mein kleines Tal zurück und war konfrontiert mit einer anderen Art und Weise zu leben und zu denken.

Sie haben in Ihren Filmen viel über die Schweizer Identität nachgedacht, gelten als Grenzkinomacher. Was haben Sie herausgefunden?

Es geht immer wieder vergessen, dass es auch noch andere Versionen gibt. Wir Schweizer wischen gern Dinge unter den Teppich – oder diplomatischer ausgedrückt: Wir vergessen gern. Wir Schweizer, sagt man ja, seien sehr tolerant. Das ist auch wahr. Aber wir vergessen eben auch sehr schnell. Nicht absichtlich, nicht bewusst. Mich interessiert warum. Alleine wenn ich an den Zweiten Weltkrieg denke, und dass eine breite Öffentlichkeit erst durch den Bergier-Bericht von der Rolle der Schweiz erfahren hat. Über 50 Jahre später!

«Heute fehlt mir eine gewisse – sagen wir – Vehemenz. Ein bisschen mehr Kritik verträgt es, finde ich.»

Sie haben sich immer wieder damit beschäftigt, wie der Wohlstand in der Schweiz zu wesentlichen Teilen auf der Arbeitskraft sogenannt «Fremder» beruht. Was erzählt eine Initiative wie die «Keine-10-Millionen-Schweiz» in Ihren Augen über das Schweizer Selbstverständnis?

Wir wollen nicht wahrhaben, dass die «Ausländer» uns auch etwas bringen. Nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Kultur. In den 1950er-Jahren gab es Plakate, dass Italiener nicht in unsere Restaurants eintreten dürfen. Und heute gehört andare al buon ristorante per pranzo e bere un buon vino zum guten Ton. Ich habe kein Verständnis für Ausgrenzung. Und sollte es doch wieder so weit kommen, dass wir wie während der Schwarzenbach-Initiative wieder militant werden müssen – ja dann springen wir eben auf diesen Zug auf!

Wenn Sie heute und damals miteinander vergleichen, inwiefern ist die Stimmung heute anders?

Ohne nostalgisch klingen zu wollen: Ich glaube, wir waren in den 1970er-Jahren militanter, «aggressiver». Wir hatten eine Idee im Kopf. Wir hatten Wünsche, wir hatten Träume und glaubten daran. Heute fehlt mir eine gewisse – sagen wir – Vehemenz. Ein bisschen mehr Kritik verträgt es, finde ich. Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele «Intellektuelle» allzu theoretisch agieren. Man sagt ein bisschen etwas, aber man soll auch weiter gut angenehm leben. Die eigenen Freiheiten werden stark gewichtet. Die anderen werden toleriert, aber man kämpft nicht mehr für sie.

Filmstill «Cerchiamo per subito operai, offriamo …» (1974)
Im Dokumentarfilm «Cerchiamo per subito operai, offriamo …» (1974) zeigt Villi Hermann die schwierige Situation der Grenzgänger:innen, die in der Schweiz arbeiteten, aber nicht dort leben durften.

Wie war politischer Widerstand damals auf der Leinwand zu sehen?

In den 1960er- und 1970er-Jahren, als der Eiserne Vorhang noch existierte, sahen wir wunderbar politische Filme aus Polen, Ungarn oder Georgien, die das System kritisierten. Kämpferische Ideen mit deutlicher Kritik, auf überraschende Art und Weise mit einer gewissen Poesie. Das hat uns damals sehr beeindruckt.

Sie haben als Filmemacher viele technische Veränderungen mitgemacht. Welchen Einfluss hatte dies auf die Produktionsbedingungen?

Ich finde nach wie vor sehr wichtig, dass man überlegt, wann und wie man filmt. Unabhängig davon, ob es ein Dokumentar- oder ein Spielfilm ist. Und nicht einfach das Handy in die Hand nimmt und loslegt. Sobald ich eine Kamera platziere und ein Gegenüber habe, stellen sich viele Fragen. Durch die digitalen Möglichkeiten wird zum Teil deutlich schneller gearbeitet. Weil man ja nachher alles bearbeiten kann – was natürlich teuer ist. Heute verbringen wir manchmal mehr Zeit in der Postproduktion als am Set. Man kann alles machen. Ich kann die Augen meines Schauspielers plötzlich rot oder blau werden lassen, mit zwei Klicks. Aber ich frage mich: Ist das nötig?

Sie prägen das Tessiner Filmschaffen seit den Nullerjahren auch als Produzent wesentlich mit. Was bedeutet es, im Tessin Filme zu machen?

Gelinde gesagt: Es ist ein hartes Terrain. Die Finanzierung ist schwierig, und vor allem ist die Sprache ein grosses Problem. Das beginnt beim Drehbuch. Wir haben wenige Leute, die gute Drehbücher schreiben können. Wenn wir ein gutes Drehbuch haben, dann müssen wir es oft übersetzen lassen, um an Förderung auf Bundesebene zu kommen. Auch Koproduktionen sind nicht einfach, denn der italienische Filmmarkt funktioniert anders als jener in der Schweiz. Ein Schweizer Film, selbst wenn Italienisch gesprochen wird, bleibt in Italien ein ausländischer Film. Und trotzdem: Die Möglichkeiten, die wir in der Schweiz für Arthousefilme haben, sind im Vergleich zu Italien paradiesisch. Dort ist alles verschwunden. Es gibt nur noch die grossen, berühmten italienischen Filmemacher und dann Netflix und Amazon. Das sind grosse Umwälzungen, die im Moment passieren.

Aktuell drehen Sie in Ponte Tresa «Bastardo». Im Beschrieb dazu steht: «Geschichten aus dem heutigen Tessin». Wie ist das «heutige Tessin»?

Ganz anders als die sogenannte Sonnenstube! Viele gut ausgebildete junge Menschen finden keine Arbeitsplätze im Tessin – trotz der Accademia di architettura, der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana und sehr guter Chemieindustrie. Sie emigrieren oltre il Gottardo, wie wir sagen, oder in die Westschweiz. Das ist ein Problem für Kultur und Politik. Die Tessiner Löhne sind ungefähr 20 Prozent tiefer im Vergleich zu Zürich oder Genf. Gleichzeitig – und das ist ein heikles Thema – kommen viele sehr gut ausgebildete italienische Ärzte und Krankenpfleger zu einem für Schweizer geringen Lohn ins Tessin – einem Lohn, der dennoch höher als in Italien ist. Sie kommen nicht einmal von weit, von Como, Varese, Luino, Milano. Das ist ein gefundenes Fressen für die rechte Politik, die gegen alle Immigranten wettert – seien es 10 Millionen oder die 80 000 Tessiner Grenzgänger, die aktuell hier arbeiten. Nur: Ohne diese Grenzgänger würde eine ganze Industrie, vor allem die Spitäler und Altersheime, nicht mehr funktionieren. Das vergisst man immer wieder.

Villi Hermann ist Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. In seinen Filmen vermischt er Dokumentation und Fiktion, thematisiert sowohl Migrations- als auch Klassenfragen. Ein Beispiel dafür ist sein erster Langfilm «San Gottardo» (1977), der am Locarno Film Festival ausgezeichnet wurde. In den 1980er-Jahren wurde er mit Filmen wie «Matlosa» (1981) oder «Bankomatt» (1989) zu einer wichtigen Stimme des Schweizer Autorenfilms. Seit Ende der Nullerjahre trägt er mit der Förderung junger Talente wie Niccolò Castelli, Alberto Meroni, Erik Bernasconi oder Francesco Rizzi entscheidend zur Entstehung einer «neuen Welle» des Tessiner Films bei. Kürzlich erhielt er den Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises.

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Gina Bucher

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