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Porträt von Nora Osagiobare, fotografiert von Barbara Sigg

02.03.26

Literatur

«Schweigen ist keine Alternative»

Nora Osagiobare tritt am Lettera Literaturfest Luzern an einer Femmage zu Ehren von Gertrud Leutenegger auf. Sie ist ihr im Leben nur ein einziges Mal begegnet, doch Berührungspunkte zu Leuteneggers Werk findet sie viele.

Mariann Bühler (Interview)

Wenige Monate, nachdem du die Schweizer Literaturlandschaft mit deinem ersten Roman «Daily Soap» betreten hast, ist Gertrud Leutenegger aus dieser Landschaft verschwunden. Hast du sie oder ihr Schreiben gekannt?

Ich bin ihr tatsächlich begegnet. Im gleichen Jahr, in dem ich ein Werkjahrstipendium erhielt, wurde Gertrud Leutenegger vom Kanton Zürich ausgezeichnet. Ich bin extrem nervös in dem Restaurant angekommen, wo sich die Autor:innen vor der Preisverleihung getroffen haben, unter ihnen auch Gertrud Leutenegger. Ihre Präsenz hat mich total beruhigt. Sie hat mich immer wieder so lieb angeschaut und angelächelt. Ich konnte mich entspannen, einfach weil sie da war, obwohl ich sie gar nicht kannte. Das war eindrücklich. Ich kannte ihr Werk damals gar nicht.

Was lösen ihre Texte heute bei dir aus?

Interessanterweise erzeugen sie in mir das Gleiche wie die Begegnung in Uster: ein Gefühl von Aufgehobensein in ihrem Blick auf die Welt und wie sie diesen sprachlich umsetzt. Ihre Texte haben etwas Beruhigendes und – ich weiss, es klingt pathetisch – etwas durch und durch Humanistisches, den Menschen Zugeneigtes, Warmes, Aufmerksames. Ein Blick, der versucht, die Welt mit viel Sympathie und Liebe zum Detail zu erfassen. Es hat mich sehr berührt, diesen Blick, den ich als angehende Autorin erlebt habe, in ihren Texten wiederzufinden.

Finden sich Gemeinsamkeiten zwischen ihrem und deinem Schreiben?

Was ich in ihren Texten deutlich wahrnehme, ist eine Ablehnung von klaren Positionen. Gertrud Leutenegger hat sich immer wieder geweigert, eindeutige Meinungen zu vertreten. Interessanterweise werde auch ich bei Lesungen sowohl von der Moderation als auch vom Publikum aufgefordert, Stellung zu beziehen. Das überrascht mich, für mich ist offensichtlich, dass es diese Eindeutigkeit nicht gibt. Natürlich hat das mit meinem Schreiben zu tun und der Tatsache, dass ich explizit auf strukturelle Ungleichheiten Bezug nehme.

Dein Schreiben klingt anders als jenes von Gertrud Leutenegger. Warum hast du in deinem Debütroman «Daily Soap» einen satirisch-witzigen Tonfall gewählt, um beispielsweise von Alltagsrassismus in der Schweiz zu erzählen?

Ich habe den Ton nicht bewusst gewählt und mir, um ehrlich zu sein, nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht. Erst, als ich mit überraschten Reaktionen von Leser:innen konfrontiert worden bin, war mir klar, dass Ton und Thema für viele auseinanderzuklaffen scheinen. Mich überrascht die Erwartungshaltung, ernst über Alltagsrassismus zu schreiben, da die Art, wie er sich äussert, lächerlicher nicht sein könnte und bereits mehr als genug pädagogische Sachliteratur dazu existiert. Ich habe nicht die Absicht, mit meinem Roman etwas zu erklären, erst recht nicht, wie schlimm Rassismus ist und wie sehr Menschen darunter leiden. Das sollte ja seit Jahrhunderten klar sein.

«Mich überrascht die Erwartungshaltung, ernst über Alltagsrassismus zu schreiben, da die Art, wie er sich äussert, lächerlicher nicht sein könnte.»

Rassismus spielte im Werk von Gertrud Leutenegger keine Rolle, dafür war das Unbehagen gegenüber bestimmten Normen immer wieder ein Thema. Ist dir dieses Gefühl ebenfalls vertraut?

In «Vorabend» gibt es eine schöne Szene, als die Hauptfigur in der psychiatrischen Klinik das Verhalten ihrer Kolleginnen beschreibt, diesen Anspruch auf Korrektheit und eine bestimmte Art von Sauberkeit. Dieses unanfechtbare Bedürfnis nach Ordnung hat mich schon als Kind bedrängt und als Gefühl, durch ein Raster zu fallen, begleitet. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass dieses Raster auch ein Gefängnis ist.

Zum Schreiben brauche ich nichts als Stille», wird Gertrud Leutenegger zitiert. Gilt das auch für dich?

Überhaupt nicht, da unterscheiden wir uns sehr. Ich brauche ein Hintergrundgeräusch, absolute Stille macht mich nervös. Mein Schreckensort ist die Zentralbibliothek in Zürich, wo man bei jedem Räuspern einen vorwurfsvollen Blick kassiert. Da kann ich kein einziges Wort schreiben. Ich gehe lieber in Bars, trinke am späten Nachmittag noch einen Kaffee, wechsle irgendwann zum Bier und beobachte schreibend das Treiben der Leute, die langsam beschwipst werden.

Wenn du Gertrud Leutenegger noch einmal treffen könntest, worüber würdest du mit ihr reden?

Über aktuelle Herausforderungen und Krisen. Ich bewundere Menschen wie sie, die zu erschreckenden Zeiten – die aktuell ein geradezu karikaturistisches Ausmass angenommen haben – überhaupt etwas sagen können. Ich gerate leicht in eine zynische Weltsicht, schreibe gespickt mit Ironie, weil mir sonst die Sprache wegbleibt. Und Schweigen ist keine Alternative. Mich interessiert, wie sie im Angesicht von Krisen und Horror nicht verstummt ist und wie ich als Autorin der Verführung, in Zynismus zu verfallen, entkommen kann. Ich glaube, sie würde dafür die richtigen Worte finden.

Gertrud Leutenegger wird in Nachrufen bisweilen als «eigenwillige Feministin» bezeichnet. Was hältst du von diesem Label?

Frauen, die sich nicht der patriarchalen Struktur und Norm unterwerfen, werden schnell als «eigenwillige Feministin» bezeichnet. Damit kann ich nichts anfangen. Ich sehe sie als eigenwillig in dem Sinn, dass sie sich mit sehr unkonventionellen Ansätzen dem nähert, was sie wahrnimmt. Dass sie vielleicht suchender ist als andere, wenn es um das Verstehen geht. Dass sie das Verstehen als geistige Tätigkeit und Anstrengung betreibt. Das hat seinen Ursprung in ihr als Mensch, nicht als Frau.

Wie ist dein Bezug zu anderen schreibenden Frauen? Hast du literarische Vorbilder oder gibt es Autor:innen, die dich begleiten?

Da ist eine Suppe aus allem, was ich gesehen, gehört oder gelesen habe. Alles findet seinen Weg in meine Texte und lässt sich nicht genau zuordnen. Eine Autorin, die mich für «Daily Soap» inspiriert hat, ist Fran Ross. Auch bei ihr sehe ich Parallelen zu Gertrud Leutenegger: Beide haben sich nicht auf mächtige Bezugssysteme gestützt, sondern ganz eigene Erklärungen, Muster, Beobachtungen, einen eigenen Stil gefunden, um dem gerecht zu werden, was sie sagen wollen. In den 1970er-Jahren in den USA ist Fran Ross als jüdische afroamerikanische Frau absolut unverstanden geblieben, ihre Existenz hat die Köpfe ihrer Zeit gesprengt.

Wie bist du auf Fran Ross gestossen?

Trotz des kanondominierten Programms ist mein Interesse an Literatur im Deutschunterricht entstanden. Das Lesen wurde etwas Lebensnotwendiges, und ich habe gemerkt: Da gibt es noch viel mehr. Auf meiner Suche nach Texten und Autor:innen, die meiner Lebensrealität gerechter werden, ist mir Fran Ross per Zufall begegnet. Im Klappentext habe ich mich in dieser Protagonistin und ihren Konflikten wiedererkannt. Sie wird von ihren Schwarzen Mitmenschen als «Oreo» bezeichnet, ein abwertender Begriff von Schwarzen für Schwarze, denen nachgesagt wird, aussen Schwarz und innen weiss zu sein. Ich habe das Buch auf Englisch gekauft, aber es hat sich mir komplett versperrt. Der Text arbeitet viel mit Jiddisch, Südstaatenakzenten, afroamerikanischem Englisch, dazu kommen Anspielungen auf das Amerika der 1970er-Jahre. Ich habe das Buch frustriert weggelegt. Jahre später habe ich einen neuen Anlauf genommen. Der Text hat neben Geduld und Lebenserfahrung auch eine Toleranz für das Nichtverstehen gefordert.

Der Roman «Oreo» ist dir möglicherweise zu früh begegnet?

Das stimmt. Bei Texten ist es wie bei Liebesbeziehungen: Das Timing ist essenziell. Jetzt, nach meinem eigenen Buch, habe ich «Oreo» auch wieder zurückgelassen. Es fühlt sich so an, als hätte ich den Text überwachsen.

Aber vergessen ist er nicht. Damit Künstlerinnen und ihre Werke in Erinnerung bleiben, muss aktiv etwas für das Erinnern getan werden.

Für mich ist die Vorstufe des Vergessens das Nicht-gesehen-Werden. Das geschieht in unserer Gesellschaft aufgrund von Geschlecht, Alter, Hautfarbe und anderen Parametern. Das Sehen und Sichtbarmachen dieser Personen ist für mich eine wichtige widerständige Praxis. Dieses Bewusstsein kommt von Communities, die lange dafür gekämpft haben, gehört zu werden – zumal Ungerechtigkeit erst als solche erkannt werden muss. Das ist sogar für Betroffene weder einfach noch selbstverständlich. Darum liegt es mir am Herzen, hier Buchi Emecheta zu erwähnen. Sie ist mit ihrem Mann aus Nigeria nach England gezogen, hatte eine furchtbare Ehe, mehrere Kinder, sie hat viel gearbeitet, viel Rassismus erlebt. Nachts, wenn alle geschlafen haben, hat sie wunderbare Bücher geschrieben, die im deutschsprachigen Raum – wie die meiste afrikanische Literatur – völlig unterrepräsentiert sind.

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