
13.05.26
Film
«Unter Pflanzen»: Unterschätzen wir unsere Flora?
Für Antshi von Moos ist es an der Zeit, «unsere Beziehung zu Pflanzen grundlegend zu überdenken». Davon handelt ihr neuer Dokumentarfilm.
Dominic Schmid (Text)
Am Anfang gibt es kaum Licht, aber das Leben ist schon da. Sanft gleitet die Kamera über eine wilde, scheinbar von sich aus leuchtende Gartenlandschaft. Das Rauschen der Blätter sowie das Zirpen und Flattern von tausend kleinen Flügelchen wird von einer sphärischen Musik begleitet. Doch eigentlich ist es andersherum: Die Pflanzenblätter, die leuchtend violetten Blüten und die Insektenflügel waren schon lange vor der Musik da. Dann kommt die Sprache in Form einer Texttafel ins Spiel, die uns freundlich ermahnt, die seit Aristoteles vorherrschende anthropozentrische Perspektive infrage zu stellen.
Auf die Notwendigkeit, diese (unsere) Wahrnehmung anzupassen, verweist der Dokumentarfilm von Antshi von Moos bereits in seinem Titel: «Unter Pflanzen – Ein Perspektivenwechsel». Es sei an der Zeit, so die Zuger Regisseurin im Presseheft, «unsere Beziehung zu Pflanzen grundlegend zu überdenken». Dieser Paradigmenwechsel beginne damit, wie wir Pflanzen wahrnehmen. Leider verhält es sich mit überholten Paradigmen – also etwa jenem, dass es sich bei «Mensch» und «Natur» um voneinander losgelöste Dinge handle und dass Ersterer über Letztere bestimmen könne – ähnlich wie mit Klischees: Ohne aktive Anstrengung lassen sie sich kaum überwinden. Doch genau das versucht von Moos. «Ich gehe an einen Ort und schaue genau hin, wie die Menschen funktionieren.»
Als von Moos zum ersten Mal mit der Kamera im ETH-Labor aufkreuzte, das sich mit der Wahrnehmung und dem Kommunikationsverhalten von Pflanzen befasst, sei sie von den Wissenschaftler:innen sofort gefragt worden, ob sie ihre weissen Laborkittel anziehen sollten. Sie sollten alles genau so machen, wie sie es normalerweise täten, antwortete von Moos. Das sei für diese ganz neu gewesen. Andere Regisseur:innen hätten für ihre Aufnahmen immer die weissen Kittel verlangt, obschon sie diese nur in ganz spezifischen Situationen anhätten. «So werden die über Wissenschaftler:innen vorherrschenden Klischees reproduziert.»
mehr als zwanzig sinne
In «Unter Pflanzen» tritt «Wissenschaft» für einmal nicht als Ende eines sauberen, gradlinigen Prozesses auf, sondern als das, was sie in Wahrheit ist: ein von falschen Hypothesen und gescheiterten Experimenten gesäumtes Herantasten an ein kleines Stückchen Wahrheit, betrieben von Menschen, die jeweils in einem ganz eigenen Verhältnis zu ihrer Tätigkeit stehen. Einer der Protagonisten etwa, Dr. Emanuel Devers, hat sich für die Pflanzenforschung entschieden, weil er in einem Feld, das von Tierversuchen abhängig ist, «wohl alle Labortiere mit nach Hause nehmen würde». Im Film sehen wir ihn alleine bei der konzentrierten Arbeit mit Pipetten und Zentrifugen – begleitet von ohrenbetäubendem Death Metal.
Es wird angenommen, dass Pflanzen ihre Umwelt über ungefähr zwanzig verschiedene Sinne wahrnehmen.
Unter der Leitung von Prof. Dr. Consuelo De Moraes untersuchen Devers und die anderen Forscher:innen den Zusammenhang zwischen dem Anknabbern von Pflanzenblättern durch Hummeln und der früher einsetzenden Blühzeit der verletzten Pflanzen. Sie hoffen, so dem Florigen auf die Spur zu kommen – jener mythischen Substanz, die Pflanzen sofort zum Blühen bringen kann. Natürlich stehen dahinter auch substanzielle wirtschaftliche Interessen, aber der Forschungsgruppe wie auch Antshi von Moos geht es um etwas Essenzielleres: Sie zeigen, dass Pflanzen viel komplexer sind, als man gemeinhin annimmt. Sie stehen sowohl untereinander als auch mit ihrer Umwelt, also etwa mit Insekten, in ständiger symbiotischer Kommunikation – chemisch, olfaktorisch und akustisch. Mittlerweile nimmt man an, dass Pflanzen ihre Umwelt über ungefähr zwanzig verschiedene Sinne wahrnehmen. Auch wenn es zwischen dieser Art der Wahrnehmung und jener des Menschen kaum Gemeinsamkeiten geben mag, so ist man nach «Unter Pflanzen» immerhin gewillt zu glauben, dass von den beiden in Bezug auf die Wirklichkeit keine der anderen überlegen ist.

Das Unsichtbare sichtbar machen
Die Faszination für Pflanzen sei das eine, was die Forschenden mit ihr selbst verbände, sagt Antshi von Moos, seit langem selbst passionierte Gärtnerin (mit einer Vorliebe für Wildsträucher). Das andere sei der Wunsch, mit der gewählten Methode «das Unsichtbare sichtbar zu machen». So wie die Forscher:innen mühselig mittels wissenschaftlicher Methode Dinge herausfinden, die zuvor verborgen waren, möchte von Moos filmische Mittel dazu nutzen, Perspektiven zu verschieben, Klischees zu überwinden und Dinge verständlich zu machen, die sich der Erkenntnis zu entziehen drohen.
Am Ende spielt dabei das konkrete Thema keine entscheidende Rolle. In ihrer vorherigen Arbeit, dem mehrfach ausgezeichneten «Brother, Move On» (2018), hatte von Moos anhand eines Unternehmens von Taxifahrerinnen in Neu-Delhi in gerade mal acht Minuten demonstriert, wie sich unveränderbar geglaubten Paradigmen wie dem Patriarchat entgegentreten lässt. In Anbetracht dessen sollte dann hoffentlich auch das mit dem «grundlegenden Überdenken» unserer Beziehung zu Pflanzen keine Unmöglichkeit sein.






