
02.04.26
Kunst
Tiefenverspannt im (Un-)Ruheraum
Wellness ist längst zur Ware geworden. Das zeigt das Künstlerinnenduo Ricklin × Koch in seiner aktuellen Ausstellung im Benzeholz.
Monika Bettschen (Text) und Ralph Kühne (Bilder)
Im Erdgeschoss des Benzeholz wird man dieser Tage wie am Empfangstresen eines Hotels begrüsst. «Check-in» leuchtet es verheissungsvoll in neongrünen Lettern. In einem Display liegen Flyer bereit, die für Eisbaden oder für Breathwork, um richtig atmen zu lernen, werben. Überwältigt von dieser Vielfalt an Angeboten lässt man sich dankbar in einen Sessel sinken, wo ein Video einen im «Club of Wellbeing» willkommen heisst. Die Botschaft ist klar: An diesem Ort tun wir alles, damit Sie, liebe Besucher:innen, abschalten können. Was wohl auch bedeutet, dass man selbst schuld ist, sollte das nicht klappen – ganz im Sinne einer auf Leistung und Selbstverantwortung getrimmten Gesellschaft.
«Die Ausstellung verhandelt auch die finanziellen Ressourcen, die es braucht, um sich all diese Abos und Angebote überhaupt leisten zu können.»Andrea Ricklin
«Die Flyer stehen für den Impuls, eine Leere zu füllen. Die Anbieter von Wellness-Angeboten wissen das ganz genau – und schon ist die Auszeit ähnlich straff durchgeplant wie eine Arbeitswoche», sagt die Künstlerin Anouk Koch. Und solch ein Programm hat seinen Preis. Andrea Ricklin ergänzt: «‹Rest for Sane› verhandelt auch die finanziellen Ressourcen, die es braucht, um sich all diese Abos und Angebote überhaupt leisten zu können.» So lockt etwa eine Hochglanzbroschüre mit diversen Selfcare-Packages, die ergänzend zum fiktiven Hotelbesuch dazugebucht werden können: zum Beispiel ein Tracking Service, um die eigenen Bewegungsmuster für stolze 470 Franken zu entlarven. Oder ein Seminar für 750 Franken, um die eigene Vertrauenswürdigkeit (und damit auch Wettbewerbsfähigkeit im Job) zu stärken.
Bilder aus dem Spa
Eine Etage höher betritt man einen in cleaner Hotelzimmer-Ästhetik gehaltenen Raum. Auf dem Boden liegen Kissen aus Luzerner Hotels, die Anouk Koch mit Begriffen bestickt hat, bei denen sich wohl eher keine süssen Träume einstellen dürften. An einer Wand lehnt ein übergrosser Türhänger. Anstatt «Bitte nicht stören» steht darauf die WhatsApp-Nachricht: «Please don’t worry. I’ve got this.» Ein Symbol unserer ständigen Erreichbarkeit, selbst im Wellness-Urlaub.
Oft fühlt man sich in der Ausstellung ertappt. Etwa beim Anblick der Energydrink-Dosen, auf denen «Habit Boost» oder «Recovery Formula» steht. Angesichts immer neuer medizinischer Erkenntnisse scheint es kaum noch möglich, sich Formen der Selbstoptimierung zu entziehen. «Rest for Sane» macht deutlich, wie sehr Entspannung zu einem Statussymbol geworden ist, durchdrungen von kapitalistischem Wettbewerbsdenken: Man postet Bilder aus dem Spa, trackt die eigene Schlafroutine und lässt sich von den Ergebnissen unter Druck setzen.
In sich hineinhören
Die Künstler:innen Andrea Ricklin und Anouk Koch hatten 2025 ihre erste gemeinsame Ausstellung mit dem Titel «Emotional Cargo». Darin vertieften sie Fragen rund um emotionale Belastungen bis hin zum Burn-out. Während sie damals ihre Werke im Stile einer Reise präsentierten, ist der Ausstellungsparcours bei «Rest for Sane» als Hotelbesuch konzipiert. Beobachtungen rund um drängende Themen des Alltags verdichten sich bei ihnen in Erlebnisräumen zu einer Dramaturgie, in der Installationen, Videokunst, auditive und performative Elemente zusammenkommen.

Die grosse Stärke von «Rest for Sane» liegt darin, dass es Ricklin × Koch gelingt, beim Thema der kommerzialisierten Selfcare nicht nur Bekanntes aufzugreifen, sondern auch einen Raum für tiefergehende Reflexion zu schaffen. Im Dachstock wartet zum Abschluss dieses immersiven Rundgangs ein Ruheraum mit Liegen und sanftem Licht. Aus einem Lautsprecher umschmeicheln Affirmationen das Ohr, jedoch immer wieder jäh von Zwischenbemerkungen unterbrochen. Etwa, dass es bald zurück an die Arbeit gehe. Oder dass das Morgen bereits auf einen warte. Schutzlos liegend erkennt man, dass echte Entspannung kaum etwas mit vollmundigen Marketing-Versprechen zu tun hat als vielmehr mit der Bereitschaft, in Ruhe in sich hineinzuhören.
Für diesen Beitrag haben mitgewirkt:
Monika Bettschen
Monika Bettschen ist ständige Mitarbeiterin beim Strassenmagazin «Surprise» und schreibt dort über kulturelle Themen.
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