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Illustration von Alina Günter

30.09.26

Theater

Neues Luzerner Theater: Wer hier was entscheiden darf

Nach dem Nein zum neuen Luzerner Theater soll ein Mitwirkungsprozess den Weg für ein zukünftiges Projekt ebnen. Der Auftakt wirft allerdings Fragen auf.

Anna Chudozilov (Text) und Alina Günter (Illustration)

Gut 150 Menschen drängen sich im Foyer des Luzerner Theaters. Ende August hat die Stadt zum ersten von drei Anlässen eingeladen, die das Herzstück des neu aufgegleisten Mitwirkungsprozesses bilden. Stadtpräsident Beat Züsli begrüsst höchstpersönlich, Co-Intendantin Katja Langenbach sorgt für einen Lacher: Eigentlich sei alles vorhanden, was es für ein Theater brauche – ausser dem Gebäude. Gekommen sind Vertreter:innen der freien Szene und der Kulturpolitik, Theaterfreund:innen und Menschen, die sich seit Jahren auch kritisch mit der Zukunft des Hauses beschäftigen. Hinter vorgehaltener Hand werden zwei Fragen immer wieder gestellt: Wie viel Partizipation ist möglich und nötig? Und wer fehlt an diesem Anlass?

Legitimation statt Partizipation

An positiver Energie mangelt es jedenfalls nicht. Das war nach dem Nein vom Februar 2025 anders. Die Stadtluzerner Stimmberechtigten lehnten den Projektierungskredit für das neue Luzerner Theater mit 57,9 Prozent Nein-Stimmen ab. Vorausgegangen war ein aufwendiger, mehrstufiger Architekturwettbewerb mit 128 Eingaben. Das Siegerprojekt «Überall» von Ilg Santer Architekten wurde zwar verschiedentlich kritisiert, die Politik stand aber mit seltener Geschlossenheit hinter der Vorlage: Der Grosse Stadtrat hatte den Kredit mit 47 zu 0 Stimmen gutgeheissen. Nach der Abstimmung blieb unklar, was eigentlich abgelehnt worden war: Luzern als Theaterstadt, ein neues Theatergebäude oder bloss das konkrete Siegerprojekt? Im Abstimmungskampf waren diese Fragen immer wieder vermischt worden.

Erst nach dem Scheitern der Vorlage beschloss die Stadt, genauer hinzusehen, und gab eine Studie in Auftrag, bei der insgesamt 1521 Stimmberechtigte befragt wurden. Die Ergebnisse, die bereits im Juni 2025 vorlagen, stimmten zuversichtlich: Eine Mehrheit der Bevölkerung steht dem Theater grundsätzlich positiv gegenüber. Die Kritik richtete sich vor allem gegen das konkrete Projekt. Es galt als zu gross, zu teuer und zu dominant. Auch die architektonische Erscheinung stiess auf Ablehnung. Das überrascht kaum: Zeitgenössische Architektur hat es an der Urne immer schwer. Ohne gute Vermittlungsarbeit bleibt Architektur eine Frage des Geschmacks; über diesen kann man entgegen dem Volksmund vortrefflich streiten und in Luzern offenbar auch abstimmen.

Was genau gemeint ist, wenn der mangelnde Einbezug der Bevölkerung kritisiert wird, scheint hingegen klar. Diesen Punkt greift der Mitwirkungsprozess nun auf. Zunächst soll eine «Vision Theaterwerkplatz Luzern» entstehen. Inhaltliche Ausrichtung, Betriebsmodelle und städtebauliche Möglichkeiten werden unter Mitwirkung der Bevölkerung definiert, erst danach folgt die konkrete Planung. Wie ergebnisoffen der Prozess ist, bleibt allerdings fraglich. Zwar kleben die Anwesenden fleissig Zettel mit durchaus radikalen Ideen auf das Stadtmodell (Eine Kantine in der Jesuitenkirche! Die Buobenmatt abreissen!), doch solange die Ergebnisse der «Potenzialanalyse Buobenmatt» nicht vorliegen, ist es wenig sinnvoll, solche Ideen zu wälzen. Mehrwert am Tisch brächten eine Vertretung der Luzerner Pensionskasse, der Eigentümerin der Buobenmatt, sowie jemand von der Kirche, um einzuordnen, was überhaupt denkbar ist.

Ohne klare Leitplanken Ideen zu sammeln, erzeugt später Frust. Wenn sich etwa zeigt, dass wichtige Parameter feststanden, aber nicht offengelegt wurden. Die Stadt bekennt sich zwar zum Standort Theaterplatz, doch wie gross hier der Spielraum ist, bleibt unklar. Was bei öffentlichen Nutzungen denkbar ist, muss nicht als umsetzbar gelten. Die vermittelte «Anything goes»-Haltung kann zwar Ideen produzieren, gesucht sind aber Lösungen, die bei der Bevölkerung eine Mehrheit finden. Entscheidend für den Erfolg eines Partizipationsprozesses ist, ob Erkenntnisse, die aus der Mitwirkung hervorgehen, tatsächlich Konsequenzen haben. Ist das nicht der Fall, liegt der Verdacht nahe, der Prozess diene weniger der Partizipation als der Legitimation: Wenn alle eingeladen waren und so viele gekommen sind, kann das Ergebnis ja kaum falsch sein.

Wer ist beteiligt?

Damit sind wir zurück bei der Frage, wer überhaupt beteiligt ist. Erreicht werden müssten insbesondere jene Menschen, die sich an der Urne mit ihren Bedürfnissen nicht gesehen fühlten. Die Studie zeigt: Bei den 18- bis 39-Jährigen hielten sich Ja- und Nein-Stimmen ungefähr die Waage; bei den über 65-Jährigen kamen auf eine Ja-Stimme zwei Nein-Stimmen. Auch Männer müsste der Prozess stärker erreichen: Bei ihnen lag der Ja-Anteil bei 35 Prozent, bei den Frauen hingegen bei 46 Prozent. Gemäss Studie wünschen sich jene, die das Projekt «Überall» abgelehnt hatten, ein kleineres, günstigeres und städtebaulich weniger dominantes Projekt. Wie diese Forderungen sinnvoll in ein neues Betriebskonzept und eine zeitgemässe Architektur übersetzt werden können, wird am ersten Anlass nicht thematisiert. Stattdessen wird nach Ideen gesucht, als hätte man die Bevölkerung nicht bereits systematisch befragt.

Der Anlass vermittelt den Eindruck, er sei für Leute gedacht, die ohnehin oft ins Theater kommen. Gemäss Studie also für jene, die ihre Bedürfnisse bereits beim ersten Anlauf als ausreichend berücksichtigt sahen. Geht es bei diesem Prozess tatsächlich um Partizipation und das Einbinden neuer Ideen, müssen zusätzlich andere Bevölkerungsgruppen erreicht werden. Nur schon die Zugänglichkeit für Menschen mit Hör-, Seh- oder Gehbehinderung mitzudenken, sollte inzwischen eine Selbstverständlichkeit sein. Genauso wie eine Spielecke, um die anwesenden Kinder bei Laune zu halten und ihren Eltern Partizipation zu ermöglichen.

Derweil zieht Stadtarchitekt Pascal Hunkeler in der Medienmitteilung zum Anlass ein erstes Zwischenfazit: «Es kristallisiert sich heraus, dass ein städtebaulich ausgewogenes Verhältnis zwischen Theatergebäude und Freiraum eine wichtige Gelingensbedingung für das neue Projekt sein wird.» Das ist korrekt, aber nicht neu: Bereits die von der Stadt in Auftrag gegebene Studie kam zu diesem Befund. Die Wortwahl bringt allerdings unfreiwillig auf den Punkt, wie schwer sich die Stadt damit tut, verständlich mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Bleibt dieses Problem bestehen, droht ein dritter Anlauf, bei dem nicht ein besseres Projekt an der Urne landet, sondern eines, das bloss kleiner, günstiger und weniger dominant ist.

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