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Luzern fotografiert von Sina Egli

23.09.26

Luzern: Mal geglückt, mal gescheitert

Luzern zeigt, was kulturelle Vernetzung möglich macht – und woran sie scheitern kann. Ein Streifzug durch die Stadt mit dem Kulturmagazin «Coucou» aus Winterthur.

Aline Geissmann, Julius Schmidt, Lynn Vellacott (Text) und Sina Egli (Bild)

«Welcome – Willkommen in Luzern» steht auf dem Torbogen direkt vor dem Bahnhof, unter dem wir warten. Unablässig strömen Menschen an uns vorbei in Richtung Vierwaldstättersee, wohl hauptsächlich Tourist:innen. Nach einer Weile findet uns Béla Rothenbühler, Luzerner Dramaturg und Autor. Kurz darauf stossen die Kulturjournalistinnen Giulia Bernardi und Robyn Muffler vom «null41» dazu, unsere Reiseleiter:innen an diesem Samstagabend. In der Junihitze begrüssen wir einander, dann ziehen wir los. Fort von der historischen Altstadt, den Brücken, den Anlegestellen der Rundfahrtschiffe samt der ihnen zugehörigen Warteschlangen. Dem Postkarten-Luzern winken wir aus der Ferne.

KICK ASS

Nach einem kurzen Spaziergang setzen wir uns ans grüne, von glitzernden Wellen umspielte Ufer. Hier, auf dem «Inseli», steht die Volière – anders als in Winterthur gibt es in dieser Volière keine Vögel, sondern eine Sommerbar, die das «Radio 3fach» schmeisst. Das Jugendradio preisen unsere Begleiter:innen als Talentschmiede. Die Radiomacher:innen sind maximal 25 Jahre alt. «Dann greift die ‹Altersguillotine›», sagt Béla. In der Geschäftsleitung könne man noch ein wenig länger bleiben, aber mit 30 ist auch da Schluss. «Wer das Radio verlässt, wird nicht selten von grösseren Sendern wie dem SRF abgeworben», fügt Robyn an. Dank seinem Fokus auf lokale Nachwuchsmusiker:innen ist das «Radio 3fach» eine wichtige Plattform für Musikschaffende in der Region. Robyn fährt fort: «Aber auch viele lokale Kulturschaffende sammelten ihre ersten Erfahrungen im Umgang mit den Medien bei ‹Radio 3fach›.»

Über den Programmbetrieb hinaus verleiht das Radio einmal pro Jahr den sogenannten Kick Ass Award. Gekürt werden die drei besten Luzerner Songs des Jahres. Den Sieger:innen winkt nicht nur ein Preisgeld von insgesamt 6000 Franken, sondern auch Sichtbarkeit in der Zentralschweizer Musikszene und darüber hinaus.

IN KULTUR BADEN

Etwas widerwillig verlassen wir die schattige Wiese. Unsere Reiseleiter:innen führen uns durch ruhige Strassen zum Neubad. Seit 2013 hat sich das umgenutzte Hallenbad zu einem Quartiertreffpunkt entwickelt, der auch ein zentraler Begegnungsort für die Kulturszene ist. «Es ist nicht unbedingt die erste Wahl, wenn du einen Ort suchst, an dem du in Ruhe etwas lesen möchtest», meint Robyn, «Hier triffst du fast immer jemanden an, mit dem du ins Gespräch kommst.»

Im Eingangsbereich kommen wir an verzierten Wänden, einem Bistro, einer Kinderecke und Ateliers vorbei. Nach einer kurzen Tour zum weiss gefliesten Becken und über die bepflanzte Terrasse landen wir bei den ehemaligen Duschen. Im kühlen Gang davor entsteht ein spontanes Gespräch über Sanierungsprojekte wie jenes hier im Neubad. Um den Betrieb weiterzuführen, ist eine Reihe baulicher Massnahmen geplant, an deren Finanzierung sich die Stadt beteiligen wird. Die Luzerner:innen stehen dahinter. «Das Neubad hat sich in der Bevölkerung etabliert und ist aus der Stadt kaum mehr wegzudenken», sagt Giulia. Die Zwischennutzung generiert einen Mehrwert für Künstler:innen, Familien, Anwohner:innen, gesellige Flaneur:innen und sogar für Unternehmen, die ihre Seminare oder Vorträge im Gebäude abhalten.

Dies steht im starken Kontrast zu einem weiteren, bitter nötigen Sanierungsprojekt in der Stadt, das des Luzerner Theaters. Die Luzerner Bevölkerung stimmte 2025 gegen den Finanzierungskredit des Projekts. Die Gründe dafür waren vielseitig. Unter anderem habe es beim Projekt «Neues Luzerner Theater» an der Nahbarkeit gefehlt, für die das Neubad beispielhaft stehe. Aber auch der Architekturentwurf und die Eingriffe ins Stadtbild seien heftig diskutiert worden.

EIN HERAUSRAGENDER VERSUCH

Vom Neubad aus brechen wir nach Kriens auf. Draussen vor dem Busfenster ändert sich das Stadtbild. Die bürgerliche Architektur tritt zurück, es wird schroffer, industrieller. Wir halten bei einer Oase, dem Bellpark. Am Eingang ragen zwei Mammutbäume in die Höhe, stellen ein dahinterliegendes Holzhaus in ihren Schatten. Vor einem kleinen Bistro tummeln sich Hungrige. Es gibt Polenta, Gorgonzola und Ratatouille. Heute präsentieren sich an der Bellparknacht verschiedene Kulturagent:innen im Park und in der Umgebung. Als gerade auf einer kleinen Bühne eine Oboe und zwei Klarinetten erklingen, setzen wir uns ins Gras. Béla erzählt von der freien Theaterszene in Luzern, die sich insbesondere im Kleintheater und im Südpol trifft. Es gibt hier eine solide Vernetzung: So teilen sich beispielsweise sechs Kollektive den Proberaum und Requisitenfundus, die Béla nutzt.

Diese Vernetzung stiftete auch die Grundlage für einen herausragenden Versuch: das Theaterkolleg. In diesem szeneninternen Zusammenschluss teilten sich verschiedene Kollektive ein gemeinsames Produktionsbüro. Ursprünglich hatte es den Zweck, während der Pandemie Wissen darüber zu teilen, wie man Anträge schreibt. Mit der Zeit begann es zudem, Künstler:innen und Gruppen zu beraten und Produktionsaufgaben zu übernehmen. Das Theaterkolleg schrieb Stiftungsgesuche und unterstützte in den Bereichen Administration, Buchhaltung und Diffusion. An die vierzig Produktionen pro Jahr wurden übers Büro abgewickelt und finanziert. So konnten sich die Theatermenschen aufs Theatermachen fokussieren und die administrative Arbeit, die heute einen guten Teil ihres Berufs ausmacht, an Profis auslagern.

Die Stadt hiess den Versuch gut, meint Béla. Auch die anderen Geldgeber:innen hätten die einheitlich und sauber daherkommenden Dossiers geschätzt. Die Leistungen des Produktionsbüros liessen sich allerdings nicht über Theaterproduktionen zahlen. Der Grund dafür, sagt Béla, liege in einem strukturellen Problem: «Ein durchschnittliches Stück wird Pi mal Handgelenk zu 70 Prozent gefördert, der Rest wird ehrenamtlich getragen. Und von diesen zu 70 Prozent geförderten Stücken lässt sich dann keine Produktionsleitung zu 100 Prozent bezahlen.» Um den Betrieb langfristig finanziell stabil aufzustellen, wäre eine Strukturförderung nötig gewesen. Die kam trotz zahlreicher Hilferufe nicht zustande. Das Produktionsbüro muss nächstes Jahr schliessen. Im administrativen Bereich wird die Szene zurück in die Vereinzelung gehen. «Und zurück in die Unprofessionalität», witzelt Béla. Für die Kollektive wird wieder mehr Büroarbeit anfallen und weniger Zeit fürs kreative Schaffen bleiben.

REISENDE KUNST

Nach dem Gespräch besuchen wir ein Atelier-Konzert in der Zwischennutzung BG-Bell. In einem mit Instrumenten, Plakaten und Kunstdrucken vollgestellten Raum sitzen wir auf einem kratzigen Teppich und warten. Vier Monate lang verbrachten der Luzerner Musiker Silvan Koch und die aus Winterthur stammende, aber viele Jahre in Luzern wohnhafte Musikperformerin und Komponistin Nora Vetter hier, um die im Raum aufgestellten Kunstdruck-Plakate zu vertonen. Sie tragen den Namen «Erscheinung» und stammen von Trix Brechbühl – 2022 waren sie in Winterthur an der Jungkunst zu sehen. Die Klänge, die sie ihren Instrumenten und verschiedenen Alltagsgegenständen entlocken, gehen sofort unter die Haut. Mal sickern sie, mal bohren sie, mal streicheln sie. In diesem kleinen Raum in Luzern mit Kunstwerken, die auch schon in Winterthur zu sehen waren, und einer Künstlerin, die aus Winterthur stammt, zeigt sich: Obschon Kunstförderung eine städtische Angelegenheit ist, die Kunst ist es selten.

EINE SCHEIBE LUZERN

Unser Ausflug geht zu Ende. Im Zug Richtung Winterthur diskutieren wir, was wir erlebten – und was wir mitnehmen. Das «Radio 3fach» hat es mit dem Kick Ass Award geschafft, der Luzerner Musikszene eine überregionale Strahlkraft zu verleihen. Wäre das nicht ein gutes Modell für andere Städte? Fehlt uns ein solcher nicht auch in Winterthur? Sollte das «Coucou» beim «Radio Stadtfilter» anklopfen, um so etwas anzureissen? Könnte es nicht gar an den Musikfestwochen einen Slot für einen solchen Award geben? Und wie steht es mit dem Neubad? Ist es nicht ein gutes Vorbild dafür, wie sich Zwischennutzungen verstetigen, im Quartier verankern und die kulturelle Energie einer Stadt freisetzen? Fehlt uns in Winterthur nicht ein Ort, an dem derart viel Verschiedenes zusammenkommt und die Kulturszene sowie die Bevölkerung in einen Austausch kommen? Ausserdem: War das Theaterkolleg nicht ein Projekt, dessen Scheitern hätte verhindert werden müssen? Aber wie hätte es bestehen können? Bräuchten solche Projekte eine überregionale Vernetzung, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen? Eine Vernetzung, die das Kulturschaffen verschiedener Städte überlokal befruchten, stärken und weiterbringen könnte?

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