
09.09.26
Kunst
Akribisch und umfassend
Das Tribute Festival erinnert an das Wirken einer Künstlerin, die man allein schon ob ihrer Vielseitigkeit und Hartnäckigkeit bewunderte. Franziska Lingg war kompromisslos und multimedial kreativ.
Pirmin Bossart (Text)
Es gibt Künstler:innen, die Kunst machen, weil sie gerne Künstler:innen wären. Und es gibt jene, die den Dingen künstlerisch umfassend auf den Grund gehen – egal, ob sie damit in die Hitparade kommen oder einen Kunstpreis gewinnen. Franziska Lingg gehörte zweifellos zu den Letzteren. Den Kulturförderpreis 2024 des Kantons Luzern hat sie dennoch bekommen, allerdings verstarb sie ein paar Tage nach dem Entscheid im Alter von 74 Jahren.
Franziska Lingg – Markenzeichen farbige strenge Brille – war eine eigenwillige Persönlichkeit. Alles andere als zimperlich, dennoch liebenswürdig. Sehr belesen, akribisch recherchierend, dennoch eine Macherin. Sie forschte, kämpfte, fluchte, kreierte, kritisierte, vermittelte. Sie war offen in jede musikalische Richtung, Hauptsache, es wurde nicht an der Oberfläche gesäuselt. Im Dialog war sie geradeheraus und nie pseudo.
Feminismus und Punk
«Ihr Schaffen war von einer kompromiss-losen Haltung geprägt – es gab für sie keine halben Sachen», erinnert sich der Musiker Nico Hirzel, der sie in den letzten Jahren häufig begleitete. Ihre kraftvolle Kreativität veränderte fortwährend ihre Weltsicht – und auch die ihres Umfelds, sofern dieses bereit war, sich auf ihre Impulse einzulassen. «Provokation war für sie ein Zugang zur Einfühlung. Materiell lebte sie bescheiden, blieb aber stets grosszügig», beschreibt sie ein anderer Bekannter.
Franziska Lingg stammte aus Wolhusen. Sie studierte bis 1983 Bildhauerei an der Hochschule der Künste Berlin, wo sie am liebsten in der Metallwerkstatt schweisste und hämmerte. Sie beeindruckte durch ihre handwerklichen Fähigkeiten und ihren politischen, feministischen und musikalischen Ansatz. «Wo immer Fränzi jetzt ist, sie bringt da sicher Feminismus, Aktivismus und Punk hin!», schreibt Vera Rothamel, die sie in der Berliner Zeit kennengelernt hatte.
Prägend war ihre Zeit an der Hochschule Luzern, wo sie von 1991 bis 2015 als Dozentin für Neue Medien wirkte. In diesen Jahren entstand die Gruppe Trial & Error: Mit Studierenden realisierte sie avantgardistische Multimedia-Projekte, wie sie damals Luzern noch nie gesehen und gehört hatte. Sie motivierte zahlreiche angehende Künstler:innen, sich mit Klang und Sounddesign zu beschäftigen. Andreas Glauser oder später die Elektronik-Künstlerin Martina Lussi wurden wesentlich von Franziska Linggs Radikalität und Enthusiasmus geprägt.
Das breite Spektrum ihres eigenen künstlerischen Schaffens umfasst Klangobjekte und -installationen, Kompositionen, politische Aktionen, Radiosendungen, multimediale Inszenierungen, Live Mixes sowie Sounddesigns für Theaterstücke, Film- und Videoproduktionen. Die Soundkünstlerin war auch an Demos aktiv oder leistete Freiwilligenarbeit, etwa im Bergwaldprojekt, wo sie jeden Sommer mithalf. «Die Natur und die Berge waren ihr Ausgleich zum Atelier», sagt Nico Hirzel. «Aber Wandern alleine genügte nicht: Da gab es immer noch etwas zu recherchieren!»
Franziska Lingg war an allem interessiert, was nicht Mainstream war und was eine gesellschaftspolitische Relevanz hatte. Das Tribute Festival «Trial & Error» würdigt nun eine Künstlerin, die es verstand, sich nicht anzubiedern, und die mit ihrer Eigenart und ihren Projekten etwas Widerständiges in den gut geölten Kunstbetrieb brachte.




