
10.09.26
Theater
Ein Furz auf das Alter
Altern sei nichts für Feiglinge, soll die Schauspielerin Mae West mal gesagt haben. Welche Mutproben mit den Jahren zu bestehen sind, zeigt das Theater Lilith im Stück «Flügel am Fuss», das im Herbst auf Tournee geht.
Franziska Nyffenegger (Text) und Kim da Motta (Bilder)
Auf der Bühne drei Frauen: ein leicht melierter Lockenkopf, ein weisser Kurzhaarschnitt, ein grauer Dutt. Die Schauspielerinnen Ruth Oswalt und Elvira Plüss unterhalten sich, unterstützt von der Musikerin Madeleine Bischof, über das Alter und seine Herausforderungen. Mal lauter, mal leiser mäandern sie um Fragen, die das letzte Lebensdrittel stellt. Es geht um den Verlust von Menschen und Möglichkeiten, um Einsamkeit, um gesellschaftliche Ausgrenzung und immer wieder auch um das Ende. Exit? Oder doch warten, bis der Tod das Leben von selbst einholt?
Was schwer klingt, wirkt im Stück «Flügel am Fuss» leicht und luftig, auch wegen der Töne, die Madeleine Bischof ihren Blasinstrumenten entlockt. Das Publikum lacht oft, etwa wenn eine der beiden Figuren sagt: «Am Morgen schaue ich in den Spiegel und denke: Das darf doch nicht wahr sein! Dieses Gesicht wasche ich nicht!» Oder wenn die andere aus einem Fragebogen zur Demenzabklärung rezitiert: «Sind Ihre Tischmanieren schlechter geworden? Haben Sie Temperamentsausbrüche? Sind Sie unkooperativ, wenn man Sie um etwas bittet?» Oder wenn das Ensemble mit einem Furzkonzert auf die zunehmenden Unzulänglichkeiten des Körpers antwortet.
Die Figuren schauen unterschiedlich auf das, was war und ist und noch kommen wird. Die eine geniesst, dass sie nichts mehr muss und vieles darf. Dem Tod sieht sie gelassen entgegen. «Vielleicht ist es dort ja total schön, so schön, dass man sich fragt, warum man so lange gewartet hat.» Die andere hadert, nicht ganz ohne Grund. Ihr langjähriges Zuhause wurde abgerissen, der Mann, den sie jahrzehntelang pflegen musste, ist tot, der Alltag einsam geworden, das Internet zu kompliziert und die Blase hält nicht mehr. Überhaupt: der körperliche Zerfall – einfach eine Zumutung.
Schönster Streit
Bei unserem Treffen an einem Sommernachmittag auf Elvira Plüss’ Terrasse im Untergütsch ist davon wenig zu spüren. Während der Hund bellt – «Das ist halt seine Rolle!» –, wirbelt die Gastgeberin um den Tisch und serviert selbstgemachten Kombucha. Bei den Proben habe die Regisseurin zu den beiden Schauspielerinnen gesagt, sie müssten das Altsein nicht spielen, sie seien schliesslich alt. «Ich bin alt», korrigiert Ruth Oswalt und zu Elvira Plüss gewandt: «Du bist ja noch jung.» Sieben Jahre liegen die Geburtsjahre der beiden auseinander. Das mache im Pensionsalter einen ähnlich grossen Unterschied wie in der Kindheit. «Mit 77 war ich noch ich, doch seither geht es bergab, das Herz, die Augen … das Alter überfällt einen ganz plötzlich.» Dass Ruth Oswalt in «Flügel am Fuss» noch einmal auf der Bühne stehen könne, sei ein grosses Glück. Das habe sie zurück ins Leben geholt.
Ein erstes Stück zum Thema Älterwerden entstand auf Initiative von Theater Lilith, einem freien Ensemble, das Elvira Plüss vor gut zwanzig Jahren mitgegründet hat. Damals ging es um die Wechseljahre und darum, was sie im Leben einer Frau bedeuten. «Flügel am Fuss» sei die Fortsetzung. «Was macht das Alter mit uns und insbesondere mit uns Frauen?» Gemeinsam mit Silvia Planzer, die das Stück mitentwickelt hat, begann Elvira Plüss Texte zu schreiben, ausgehend von eigenen Erfahrungen und von Beobachtungen im Umfeld. Die Einsamkeit in einem verwitweten Leben etwa sei ein grosses Thema, die Schwierigkeit, um Hilfe zu bitten, und die ungleichen Erwartungen an Mann und Frau. «Sugardaddys», also alte Männer, die meist sehr viel jüngere Frauen begehren, seien sozial akzeptiert. Mache eine Frau dasselbe, werde sie geächtet.
Das Projekt nahm konkrete Formen an und Elvira Plüss suchte eine Spielpartnerin. Mit Ruth Oswalt fand sie die ideale Besetzung. Die beiden hatten sich davor nur flüchtig gekannt. «Als wir schon beim ersten Treffen in den schönsten Streit gerieten, wusste ich: Das funktioniert!», sagt Ruth Oswalt und ergänzt, sie seien auch neben der Bühne ganz unterschiedlich. «Du gross und schlank, ich klein und dick», kommentiert Elvira Plüss.
Funktioniert habe es vor allem auch dank der Regisseurin Bettina Glaus, die Dramaturgie und Inszenierung verantwortet. Mit viel Verständnis und Feingefühl sei sie auf die Bedürfnisse der beiden Schauspielerinnen eingegangen, habe die Probezeiten angepasst und immer gemerkt, wann es eine Pause brauche.
«Das Theater war alles für uns»
Beide haben ein Leben im Theater hinter sich. Ruth Oswalt gründete 1974 gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Gerd Imbsweiler das heutige Vorstadttheater Basel. Für diese Arbeit erhielt das Paar 1999 den Hans-Reinhart-Ring, die höchste Theaterauszeichnung in der Schweiz. Eine kleine Compagnie mit grossen Freiheiten seien sie gewesen und hätten doch manchen Kampf ausstehen müssen, vor allem wegen des Geldes. «Immer, wenn es wieder eng wurde, fiel uns ein Glückslos in die Hände», erinnert sich Ruth Oswalt. «Das Theater war alles für uns.»
Der Mut, frei zu arbeiten und dabei auch finanzielle Risiken einzugehen, verbindet Ruth Oswalt mit Elvira Plüss, die als junge Schauspielerin nach Deutschland ging, auf städtischen Bühnen spielte ebenso wie vor Filmkameras und in Hörspielen. Nach dieser Karriere im Ausland in der Schweiz wieder Fuss zu fassen, sei nicht einfach gewesen. Also habe sie einen Lehramtskurs absolviert und ein Pensum an einer Primarschule angenommen. «Ich wollte unabhängig sein und nicht ständig Klinken putzen müssen.» Das Theater holte sie aber umgehend ein. Sie schrieb Stücke für Kinder, inszenierte zeitlose Klassiker auf Laienbühnen und führte Theater Lilith mit eigenen Projekten in professioneller Besetzung weiter. «In kleinen Teams arbeiten, mit flachen Hierarchien, selbstgewählte und relevante Themen aufnehmen: Das macht mich glücklich.»
Ist die Tournee mit «Flügel am Fuss» auch ein Abschied vom Theater? Vielleicht, aber bestimmt nicht auf Ansage, sind sich die beiden Schauspielerinnen einig. Solange Kopf und Körper mitmachen, bleiben sie auf der Bühne. «Wenn schöne Angebote kommen, wäre es doch schade, Nein zu sagen.» Mit dem Stück «Flügel am Fuss» möchten sie noch lange unterwegs sein. «Wer soll denn die Alten spielen, wenn nicht wir?»





