
01.09.26
Kunst
Shirana Shahbazi: «In einem Zustand haben verschiedene Dinge Platz»
In der Ausstellung «All at Once» von Shirana Shahbazi verändert jeder Schritt den eigenen Blick. Ein Gespräch über die Kunst der Mehrdeutigkeit.
Tuğba Ayaz (Interview) und Anne Morgenstern (Bilder)
Diese Ausstellung nimmt uns ein. Wer sie betritt, kann nicht anders, als hinzusehen. Bereits im ersten Raum des Kunstmuseums Luzern stehen wir zwischen monumentalen Latexgüssen in Rot, Pink und Schwarz von Li Tavor und freistehenden farbigen Bildern von Shirana Shahbazi.
Spiegel, Farben, bewegliche Materialien vervielfachen unsere Wahrnehmung, die Werke fliessen ineinander. Alles passiert hier gleichzeitig – «All at Once» heisst auch die Ausstellung.
Dieses Gefühl der Gleichzeitigkeit setzt sich fort, insbesondere bei «Falling», einer neueren Arbeit von Shirana Shahbazi. Wir betrachten Unterwasseraufnahmen von Menschen in Kleidern. Manche dürften einige der Bilder wiedererkennen, die aktuell das Gerüst des Zürcher Grossmünsters im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Projekts einkleiden. Die auf Büttenpapier gedruckten Schwarz-Weiss-Fotografien hängen ungeschützt an den Wänden. Die Figuren schweben auf Augenhöhe mit uns, so können wir mit ihnen in Beziehung treten. Im Raum sind Stellwände aus Glas verteilt, die die Bilder je nach Blickwinkel in Orange, Gelb, Blau, Pink, Violett oder in Farbverläufe tauchen. Je nach Position stehen wir selbst mitten im Bild oder zwischen zwei Bildern und werden so Teil des Werks. Mit jedem Blickwinkel verändern sich Motive, Farben und Stimmungen. Nichts bleibt eindeutig, nichts endgültig. Die Bilder laden uns ein, unsere Perspektive immer wieder neu auszurichten. Mit jeder kleinen Bewegung entstehen neue Bezüge, neue Emotionen, neue Deutungen. Alles auf einmal eben.
Kunst wird hier zu einem Erfahrungsraum, der sich erst im Zusammenspiel mit uns Betrachtenden vervollständigt. Wir verlassen die Ausstellung mit dem Gefühl, nicht alles gesehen zu haben. Denn jeder weitere Schritt nach links oder rechts, nach vorne oder hinten hätte einen neuen Blick eröffnet – auf das Werk, auf uns selbst.
Shirana Shahbazi, wie entstand Ihre Arbeit «Falling»?
Meine Tochter ist Teil des Schweizer Nationalteams in Synchronschwimmen, weswegen ich viel Zeit in Hallenbädern verbringe. Ich fotografierte sie und ihr Team und so begann ich mit den Unterwasserbildern. Mit dieser Serie habe ich bereits vor drei Jahren angefangen. Ich befand mich in einer Zeit, die von Orientierungslosigkeit geprägt war. Damals protestierten die Menschen im Iran. Dieses Gefühl der Orientierungslosigkeit ist noch immer präsent, vieles scheint im Umbruch zu sein. Diesen Zustand finde ich derzeit politisch und gesellschaftlich bezeichnend. Ich habe nach einer Bildsprache gesucht, in der gleichzeitig verschiedene Gefühle präsent sind, positive wie negative, leichte wie schwere.
In den Bildern sind verschiedene Arten des Fallens lesbar: Kontrollverlust, erleichtertes Absinken, zufriedenes Gleiten.
Sie beschreiben genau, was ich abbilde. Ich habe mich neulich gefragt, ob ich den Titel ändern sollte, denn es ist nicht immer ein Fallen, sondern auch ein Schweben, Aufsteigen oder Absinken. Es sind Bewegungen, deren Richtung nicht klar ist. Sie drücken Unbehagen aus, sind aber auch schwungvoll, selbstbestimmt oder unkontrolliert.
Ihre Bilder lassen oft mehrere Deutungen zu. Sie entstehen durch die Überlagerung verschiedener Ebenen – von Farben, Motiven, Gefühlen, Licht. Warum prägt diese Mehrdeutigkeit Ihre Arbeit?
Weil es ein sehr relevanter Zustand ist. In uns selbst wie auch um uns passieren oftmals verschiedene Dinge gleichzeitig. Und wir wissen selbst nicht immer, wo wir stehen. Das passiert auch in der Ausstellung. Wir bewegen uns, plötzlich verändert sich das Bild. Wir blicken durch die Glasscheiben, sehen Farben oder aus einer Figur werden plötzlich mehrere. In einem Zustand haben verschiedene Dinge Platz.
Bei «Falling» erleben wir das Werk – wie so oft bei Ihnen – räumlich. Warum ist Ihnen das wichtig?
Mich interessiert die physische Erfahrung. Wenn wir selbst Teil eines Werks werden, entsteht eine andere Konzentration. Und das setzt eine andere Art der gedanklichen Reflexion in Gang. Architektur ist immer sehr präsent und bestimmend. Will ich mich in Ausstellungsräumen ausbreiten, muss ich sie mir erstmal aneignen. Diese Ausstellung ist stark von den räumlichen Interventionen geprägt, die wir gemeinsam mit Li Tavor entwickelten. Li und ich haben bereits in verschiedenen Formen zusammengearbeitet. Wir lenken den Blick um, verbinden die Räume, erschweren den Durchgang und nutzen dafür verschiedene Materialien.
«Wenn Sie sich in diesem Ausstellungsraum bewegen, sehen Sie ein Bild immer wieder unterschiedlich – nicht falscher oder korrekter als zuvor, aber anders. Ich öffne mögliche Denkräume, die jede Person anders füllt.»
Je nach Blickwinkel nehmen wir eine neue Perspektive auf das Bild und uns selbst ein.
Wenn Sie und alle anderen das auch machen, dann wird es eine bessere Welt.
Warum?
Weil es nicht eine richtige Lesart oder eine Perspektive gibt. In Veränderung zu bleiben, sollten wir stärker kultivieren. Wenn Sie sich in diesem Ausstellungsraum bewegen, sehen Sie ein Bild immer wieder unterschiedlich – nicht falscher oder korrekter als zu-
vor, aber anders. Ich öffne mögliche Denkräume, die jede Person anders füllt.
Was sich in «Falling» zeigt – die Überlagerung verschiedener Zustände –, nimmt auch der Titel der Ausstellung «All at Once» auf. Was beschreibt er für Sie?
In dieser Ausstellung kommt vieles zusammen, was ich bisher gemacht habe: Installationen, Fotografien, Drucke, Videos. Die räumlichen Interventionen stehen unhierarchisch nebeneinander, überlagern sich und fliessen mit dem Publikum zusammen. Zudem schwingt bei «all at once» im Englischen das Plötzliche mit. Das impliziert auch Veränderung und eben die Gleichzeitigkeit verschiedener Zustände. Und natürlich bin ich auch ein Fan von Whitney Houston.
Ausgangspunkt ist in Ihrer Arbeit das Bild. Wissen Sie beim Fotografieren bereits, wohin es sich entwickeln soll?
Ich bin heute aus dem Haus gegangen, dann passierte etwas, dann noch etwas – so arbeite ich. Es ist ein suchender Prozess. Nicht gradlinig, aber sehr fokussiert. Ich fange beim Bild an. Ein Gedanke oder ein anderes Bild lenkt mich in eine Richtung. Ein erstes Ergebnis zeigt mir vielleicht den nächsten Schritt. Ich arbeite so lange daran, bis ich zufrieden bin. Manchmal habe ich aber auch von Anfang an eine genaue Vorstellung, die ich zwar nicht festhalten kann, aber ich sehe vor mir, wie es werden soll, und suche dann den Weg dahin.
Die «Luzerner Zeitung» titelte zu Ihrer Ausstellung: «Fotografin, der das Foto nicht genügt». Können Sie mit dieser Beschreibung etwas anfangen?
Nein, und ich verstehe sie auch nicht. Es gibt keine fotografischere Ausstellung als diese. Man sagt oft, und das stimmt, dass ich Fotografie über ihre Grenzen hinaus nutze. Aber das ist mein Umgang mit dem Medium und das, was ich gut kann. Ich kenne die fotografischen Mittel und arbeite extrem gerne mit Fotografie. Und damit mache ich Kunst. Ich kann ein Bild immer weiter entwickeln und verändern, bis etwas Neues entsteht.
Ihr Werk wird auch mit der Brille Ihrer sogenannten Herkünfte gelesen, etwa mit Zuschreibungen wie «mehrfache Zugehörigkeiten». Wie ist das für Sie?
Zermürbend, denn meist sind es platte Zuschreibungen, die reproduziert werden. Das ist selten interessant und sagt wenig über mich und noch weniger über meine Arbeit aus. Mir bleibt oft kein Raum, um in einer Art über meine sogenannte Herkunft oder die eigene Biografie zu sprechen, die für mich stimmig und inspirierend wäre. Kürzlich wurde ich in einem Interview gefragt: Sie sind in Teheran geboren, möchten aber nicht auf Ihre Wurzeln reduziert werden. Warum? Das ist so naiv, dass es schon alles sagt. Das Wort Wurzel hat etwas Unbewegliches. Wir alle haben uns aber bewegt. Und das Verb «reduzieren» bedeutet ja: Vieles wird weggelassen und ein Aspekt instrumentalisiert. Ich dachte, wir sind weiter. Aber ich muss gefühlt immer wieder zurück auf Start, um die Grundlagen zu erklären. Das ist ermüdend.
Welche Folgen hat das für Ihre künstlerische Praxis?
Wenn ich diese Zuschreibungen von mir weise, wird das aufgenommen, als wollte ich vorschreiben, wie ich als Künstlerin wahrgenommen werden soll. Das ist ein Problem, das viele betrifft. Zeigt man darauf, ist eine dominante Gruppe pikiert, die zu wissen glaubt, was richtig und falsch sei, die meint, eine Deutungshoheit über andere zu haben. Ich habe meine Diplomarbeit im Iran fotografiert. Aber die Gespräche darüber waren weit weg von dem, worüber ich eigentlich sprechen wollte. Mir ging es vielmehr um das Medium der Fotografie, deren Wahrnehmung und Beziehung zu einer vermeintlichen Wirklichkeit. So habe ich mich schon früh davon wegbewegt und mich dafür entschieden, mir einen künstlerischen Freiraum zu schaffen. Dass dieser mir zusteht, sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Eine künstlerische Position von Ihnen ist: Schönheit und Tiefe sind kein Widerspruch. Wie meinen Sie das?
Meine Arbeit sei schön, gar dekorativ, aber zugleich politisch, sagte kürzlich eine Journalistin. Wie das zusammengehe, fragte sie. Betrachtet man Schönheit nur auf der Oberfläche, ist sie uninteressant. Aber ich sehe Schönheit als Türöffnerin zu Tiefe und Inhalt. Schönheit ist eine mögliche Sprache. Mir geht es darum, mit dieser Sprache Verbindungen herzustellen.
Die Künstlerin Shirana Shahbazi ist bekannt für die Vieldeutigkeit ihrer Bilder. Ein wichtiges Medium in ihrer künstlerischen Praxis ist die Fotografie, dessen Grenzen sie immer wieder auslotet. Ihre Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, 2019 erhielt sie den Prix Meret Oppenheim.






