Narren & Geister

Am Mittwoch waren das Oltener Literaturmagazin «Das Narr» – vertreten durch die Macher Lukas Gloor, René Frauchiger und Daniel Kissling – sowie die Beiträger Anna Ospelt und Pablo Haller auf Lesebesuch im Atelier Blank & Chiovelli. Dazu gab es Musik von Franky Silence & Ghost Orchestra. Die Band überzeugte dabei in allen Belangen am meisten. Von Patrick Hegglin
Stellte man sich am Ende die Frage nach den gelungensten Texten des Abends, man kam zum Schluss, dass sie aus der Feder von Pablo Haller und dem Mund von Sabrina Troxler kamen. Die Luzerner Band Franky Silence & Ghost Orchestra – am Mittwoch von sechs Leuten auf drei reduziert – ist es, die den Abend im Gedächtnis bestimmt und den eigentlichen Anlass zur Nebensache degradierte. Mit Kontrabass, Akkordeon und Gesang und musikalisch im Stil einer Wendy McNeill bot die Gruppe Bemerkenswertes. Zusätzlich zu drei Stücken vom Album «Recordings for Imaginary Movies» gab es zwei neue und unveröffentlichte, wie das Album getextet von Pablo Haller. Jener war es auch, der «Das Narr» (das narrativistische Literaturmagazin) in das gemütliche, kleine Fotoatelier von Patrick Blank und Stefan Chiovelli an der Brünigstrasse lotste. «Das Narr» ist ein viermal jährlich erscheinendes, liebevoll und mit offensichtlichem Herzblut gestaltetes Literaturheft, das jungen Autoren eine Plattform bietet. Man darf den Machern Lukas Gloor, René Frauchiger und Daniel Kissling getrost danken für dieses Engagement und sie beglückwünschen zu diesem sehr schön anzusehenden und zu lesenden Heft. Leider muss man auch sagen, dass die von den drei Herren gelesenen Texte weniger überzeugen konnten. Gloor las aus einem Theaterstück, in dem in erster Linie jemand in seinem Zimmer aus dem Fenster raucht und in der gleichen Wohnung das Kind eines anderen, auf dem Balkon schlafenden Jemanden husten hört. Dabei wird er nicht müde zu betonen, dass er nicht mit Kindern kann, sie nicht halten will, weil er nicht weiss wie und so fort, sich aber trotzdem grosse Sorgen um jenes Kind macht. Das führte irgendwie nirgendwo hin und die Stelle auf der es herumtrampelte, war schon sehr bald nicht mehr besonders einnehmend. «Der Furz» von René Frauchiger bernerte zwar schön in Rhythmus und – ausser wenn es um den Furz ging – lakonischer Haltung, war für Leute, die sich ab Fürzen («Der Supergau von einem Furz, der Jackson unter den Fürzen, na, was sag ich? Elvis himself, King of Furz») nicht so recht amüsieren können, nicht so recht amüsant. Daniel Kisslings schilderte in seinem Text eine Beihilfe zum Seitensprung aus der Sicht des Beihelfenden. Vom Weiterziehen nach der Party über Knutschen und sich öffnende Reissverschlüsse am Fluss bis zum Sex im Hotelzimmer. Und noch ein wenig darüber hinaus. Grundsolides Handwerk, nur der Ich-Erzähler wirft Fragen auf. Wie tief sitzt diesem Heiligen und verkappten Moralisten der Stock im Arsch? Und wozu die Rechtfertigungen, wenn er es offensichtlich dringen nötig hat? Viel Stimmung – auch aufgrund der zerbrechlich wirkenden Art des Vortrags – hatte der Text von Anna Ospelt, den man vielleicht als etwas verstockte Lolita-Story umreissen könnte. Mädchen und Mann sehen sich immer, wenn Mädchen auf Lehrerin wartet. Dann kommt Lehrerin nicht mehr, Mädchen aber schon. Sexuelle Ausschweifungen. Kurze Szene mit älter gewordenem Mädchen. Etwas mehr Tiefe hätte die Story vertragen können, ansonsten gelungen. Pablo Haller entschloss sich kurzerhand, nichts vorzulesen und improvisierte, begleitet von der Band. Das machte insofern Eindruck, als dass der Bilderfluss selten ins Stocken kam und niemals abriss und Haller die lebendigste Performance des Abends bot. Der Natur der Sache geschuldet, gab es allerdings wenig Bleibendes zu hören. Ausserdem führte der «Wahl-Ausgang» der IG Kultur den grünen Stadtratskandidaten Adrian Borgula ins Atelier Blank & Chiovelli. Er klatschte bei «To Put the Saddle on the Wrong Horse» sauber im Takt.