
28.10.26
«Wie viel wollen wir verzichten?»
Verlage, Agenturen und Produktionsbüros sind für den Kulturbetrieb strukturell wichtig, haben aber oft keinen Anspruch auf Fördergelder. Was bedeutet das für die Betriebe? Ein Gespräch über drei Sparten.
Anne-Christine Schindler (Interview) und Liv Burkhard (Bilder)
Autor:innen, Musiker:innen und Schauspieler:innen stehen auf der Bühne. Ihr leistet die unsichtbare Arbeit hinter den Kulissen, die das möglich macht. Wie seid ihr dazu gekommen – und wie sieht diese Arbeit aus?
Béla Rothenbühler: Das Theaterkolleg ist während der Pandemie als solidarischer Zusammenschluss verschiedener Luzerner Theaterkollektive entstanden. Mit den ganzen Notzahlungen und Versicherungen fiel damals ein grosser bürokratischer Aufwand an, der für uns als Einzelkünstler:innen schwer zu bewältigen war. Also taten wir uns zusammen. Daraus wurde ein Produktionsbüro für die freie Szene. Heute haben wir zwei Angestellte, die pro Jahr zwischen 20 und 30 Produktionen betreuen. Sie übernehmen das Fundraising, Verträge, Buchhaltung, Promotion, Netzwerkarbeit und, und, und. Ein achtköpfiger Vorstand, mit Christoph Fellmann und mir als Co-Präsidenten, fungiert als Arbeitgeber.
Dominika Jarotta: Die Tattoo Agency gibt es seit Anfang 2025. Wir wollten etwas machen, von dem Künstler:innen profitieren, die experimentelle Musik machen, sei das Pop, Noise, Jazz oder elektronische Musik. Unsere Idee war ein Kollektiv, ein Roster, das bei der Vermittlung und im administrativen Bereich unterstützt. Unsere Serviceleistungen haben wir von Beginn an bewusst offengehalten. Wir sind etwas zwischen Booking Agency und Managementagentur. Beispielsweise bieten wir Hilfe beim Fundraising, bei der Terminplanung, wir lesen Dossiers, unterstützen bei der Promotion, vernetzen die Künstler:innen mit Labels oder mit Veranstalter:innen. Für die Artists ist das eine Unterstützung und nach aussen auch ein Zeichen der Professionalität.
Christof Hirtler: Ich habe den Bildfluss Verlag 2012 gegründet, mit einem Schwerpunkt auf Fotografie, Geschichte und Literatur. Alle Bücher produziere ich von A bis Z selbst – das geht von den Gesprächen mit den Autorinnen und Autoren über die Finanzierung bis zur Gestaltung und Bildbearbeitung in Zusammenarbeit mit der Druckerei. Für das Korrektorat und das Lektorat vergebe ich Aufträge auf Honorarbasis. Ausserdem veranstalte ich seit 2019 die Veranstaltungsreihe «Amstäg!», ein Jahresprogramm mit Konzerten und Lesungen in Amsteg, mit der Idee, abseits der Zentren eine Nische zu füllen, mit Kultur den Ort zu beleben. Das Kulturpublikum im Kanton Uri ist sehr klein, das sind ein paar hundert Leute. Die Frage ist also immer auch, ob es einen Markt gibt, konkret: ob sich ein Buch absetzen lässt.
Versteht ihr euch in eurer Funktion als Kulturschaffende?
CH: Unbedingt, zumindest im weitesten Sinn.
BR: In meiner Funktion beim Theaterkolleg bin ich Kulturschaffender, sonst bin ich Künstler. Die Rolle als Kulturschaffender hat nichts mit Kunst zu tun, aber ermöglicht sie. Und wenn man als freier Künstler überleben will, muss man bereit sein, auch diese Rolle einzunehmen.
DJ: Ich wüsste gar keine andere Bezeichnung für das, was ich mache. Ich bin keine Künstlerin, gleichzeitig empfinde ich meine Arbeit als kreativ. Sie setzt auch ein Wissen über die Kulturszene voraus, die Diskurse, die ästhetischen Fragen.
Wenn es um die Beantragung von Fördergeldern geht, fallt ihr zwischen Stuhl und Bank. Geldgeber aus dem Kulturbereich sehen euch meist eben nicht als Kulturschaffende, sondern als Unternehmen, die einen substanziellen Teil ihrer Mittel auf dem freien Markt erwirtschaften sollten. Wie realistisch ist das?
CH: Schwierig. Meine Bücher erscheinen in kleinen Auflagen. Gleichzeitig sind die Druckkosten relativ hoch, auch weil es mir wichtig ist, in der Schweiz zu drucken. Dazu kommen das Lektorat und das Korrektorat, all das kostet. Es ist unmöglich, diese Ausgaben nur über den Verkauf zu decken. Regional verankerte Titel wie das Obwaldner Mundartwörterbuch können sehr erfolgreich sein. Mit Lyrik wird es schon schwieriger. Ich finde nicht, dass ein Buch vollständig von Drittmitteln finanziert sein muss. Aber die Druckkostenzuschüsse, die Verlage von Kantonen, Stiftungen und weiteren Geldgebern erhalten, sind oft zu niedrig. Das Risiko für den Verlag ist entsprechend hoch.
DJ: Musikagenturen bekommen eine Booking Fee, wenn ihre Artists ein Konzert spielen. Meist sind das 15 Prozent der Gage. Agenturen mit grösseren oder eher kommerziell orientierten Artists können sich so finanzieren. In der experimentellen Musik ist das schwieriger, wir sind auf Fördermittel angewiesen. Bei der Tattoo Agency läuft viel über die Künstler:innen: Wenn sie Gelder beantragen, geben sie immer auch einen kleinen Anteil für uns als Agentur mit ein. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Beurteilung des Gesuchs aus, weil es ein Qualitätsmerkmal ist, bei einer Agentur unter Vertrag zu sein. Also eine Win-win-Situation.
Wenn die Mittelbeschaffung über Künstler:innen oder Projekte läuft, bedeutet das schwankende Einnahmen bei laufenden Betriebs- und Personalkosten. Sollte die Förderung – statt nach dem Giesskannenprinzip zu funktionieren – nicht bei euch ansetzen, also bei der Struktur, die vieles trägt?
BR: Das ist tatsächlich ein Kernproblem. In der Kulturbranche wird die ganze Struktur- und Produktionsarbeit oft auf eigenes ökonomisches Risiko geleistet und mit anderen Jobs querfinanziert. Beim Theaterkolleg wollten wir es anders machen: Wir stellten zwei Personen mit festen Pensen und sogar einem dreizehnten Monatslohn ein. Das hat uns im Endeffekt das Genick gebrochen. Wir müssen Mitte 2027 den Betrieb einstellen, weil das ganze System darauf ausgelegt ist, dass die Produktionsarbeit mit einem gewissen Lohnverzicht geleistet wird.
Für unbezahlte Arbeit gibt es im Förderwesen ein Wort: Eigenleistung.
CH: Übersetzt heisst Eigenleistung: Verzicht. Und je mehr Eigenleistung man in einem Gesuch deklariert, desto besser. Das ist immer eine Form von Selbstausbeutung. Ich hatte gestern ein Gespräch mit einer Person, mit der ich ein Projekt machen möchte. Punkto Finanzierung steht die Rückmeldung einer wichtigen Stiftung aber noch aus. Die Person wollte trotzdem zusagen und fragte: Wie viel wollen wir verzichten? Dabei möchte ich gerade das eigentlich nicht. Ich möchte, dass alle, die an meinen Projekten mitarbeiten, für ihre Arbeit bezahlt sind.
DJ: Ich sitze selbst in einer kantonalen Fachkommission für Musik und nehme wahr, dass dort die Eigenleistung immer kritischer gesehen wird. Aber es bleibt widersprüchlich. Förderstellen verlangen, dass Musiker:innen in ihren Eingaben eine faire Gage nach Branchenrichtlinien budgetieren. Die Eigenleistung macht das dann wieder zunichte.
In der Debatte um die neue Strukturförderung im Kanton Luzern sagte SVP-Kantonsrat Guido Müller: «Gerade Kulturinstitutionen mit einem sehr hohen Anteil an ehrenamtlichem und freiwilligem Engagement erbringen meistens einen sehr hohen Eigenfinanzierungsgrad. Es darf also nicht sein, dass wir eine wachsende Verwaltungsstruktur finanzieren und die Kultur auf der Strecke bleibt.» Zugespitzt heisst das: Es funktioniert ja mit Gratisarbeit. Wieso also Geld reinstecken?
BR: Guido Müller verwechselt Lai:innen mit professionellen Kulturschaffenden, die eine entsprechende Ausbildung haben und das hauptberuflich machen. Das ist in bürgerlichen Kreisen ein weit verbreitetes Missverständnis. Gerade auf dem Land passiert in der Kultur vieles im Ehrenamt. Aber auch Laieninstitutionen wie die Tellspiele in Altdorf oder die Spielleute in Luzern engagieren für die künstlerischen Leitungspositionen professionelle Theaterschaffende. Die Laienkultur würde nicht existieren, wenn es nicht auch eine professionelle Kulturszene gäbe. Und beides ist wichtig.
DJ: Ich sehe, wieso er das sagt. Wenn du wirtschaftlich erfolgreich sein willst, wirst du nicht Künstlerin. Ausserdem sind Künstler:innen und Kulturschaffende unbequeme Personen, die mit ihrer Arbeit oft gegen den Strich der SVP gehen. Die willst du eigentlich nicht zahlen, sonst machen sie dir ja noch mehr Probleme. Und Kulturschaffen wird, wie du sagst, Béla, oft als Hobby oder Selbstverwirklichung abgetan. Dabei ist es ein Dienst an der Gesellschaft.
Könntet ihr euch nicht über ein paar wenige, auf Kommerz ausgerichtete Projekte querfinanzieren? Das Theaterkolleg könnte ein Musical produzieren, der Bildfluss Verlag Krimis ins Programm aufnehmen, die Tattoo Agency auf ein, zwei populäre Artists setzen, die hohe Gagen haben.
DJ: Für grössere Agenturen, die kommerzieller ausgerichtet sind, mag das funktionieren. Aber ich lebe vor allem von meiner Arbeit als Programmatorin und Bookerin. Die Tattoo Agency basiert auf der Idee, dass ich mein Wissen und mein Netzwerk aus meiner Haupttätigkeit nutzen kann, um Künstler:innen zu supporten. Daraus einen eigenständigen Betrieb zu machen, war gar nie das Ziel.
BR: Aber das ist doch scheisse, wenn man als Agency, die auf experimentelle Musik setzt, automatisch davon ausgeht, dass es immer eine ehrenamtliche Tätigkeit bleibt. Wieso soll Produktions- und Strukturarbeit in der experimentellen Musik nicht bezahlt sein und solche mit kommerziellem Potenzial, die eher den Mainstream bedient, schon?
DJ: Ich glaube nicht, dass experimentelle Musik nicht auch kommerziell funktionieren kann. Auf dem internationalen Markt gibt es viele Festivals für experimentelle Musik, die gute Gagen zahlen. Und ich empfinde meine Arbeit auch nicht als ehrenamtlich. Wir arbeiten mit Künstler:innen, die extrem interessante, innovative, eigenständige Musik produzieren, die von Veranstalter:innen und Stiftungen auch unterstützt wird. Vielleicht ist das die wirtschaftliche Überlegung: Rosters so kuratieren, dass es in der Szene funktioniert. Mich persönlich würde es aktuell eher überfordern, wenn die Tattoo Agency eine Firma mit Angestellten wäre, weil ich dann meine andere Arbeit nicht mehr machen könnte.
Dominika, du hast vorher Honorarrichtlinien angesprochen, an die Geldgeber:innen ihre Förderbeiträge zunehmend knüpfen. Solche Richtlinien – für die Musik von Sonart, fürs Theater von T. Punkt – sind Ausdruck einer Professionalisierung. Was haltet ihr davon?
DJ: Den Geldgeber:innen bieten die Branchenempfehlungen von Sonart eine sehr gute Richtlinie. Künstler:innen, die für Eingaben Budgets aufstellen müssen, vermitteln sie ein Bewusstsein für den Wert ihrer Arbeit. Gleichzeitig können sich viele Veranstaltungsorte Gagen, wie sie Sonart empfiehlt, niemals leisten. Und hier bin ich manchmal ratlos.
Wieso?
DJ: Es gibt neben den Künstler:innen so viele Instanzen, die unterstützt werden müssten, weil sie strukturell wichtig sind. Aber wir sind nicht an einem Punkt, an dem das möglich ist. Prekäre Arbeitsbedingungen fangen bei den Artists an und werden dann weitergegeben, über Agenturen und Labels bis zu den Veranstalter:innen. Solange die Künstler:innen nicht fair entlöhnt sind, ist es wahnsinnig schwierig, in die Strukturen zu investieren.
Deshalb sind Richtlinien wie die von Sonart ja auch umstritten: weil sie oft realitätsfern sind.
DJ: Genau. Da wünsche ich mir eine Präzisierung von Sonart: Hey, das ist eine Empfehlung. Wenn du ein Betrieb bist, der nicht 600 Franken pro Person zahlen kann, die auf der Bühne steht, heisst das nicht, dass du schliessen musst.
BR: Das sehe ich gleich wie du. Ich finde die Honorarrichtlinien vom Berufsverband T. Punkt fantastisch. Sie zeigen, dass wir eigentlich wüssten, wie Professionalisierung geht. Wenn jedoch von Förderstellen Professionalisierung gefordert wird, gleichzeitig aber nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden, ist das ein Widerspruch. Denn Professionalisierung bedeutet in den allermeisten Fällen, dass Arbeit, die vorher ehrenamtlich gemacht wurde, von Profis übernommen wird und entsprechend bezahlt werden muss.
Und dafür fehlt bei den Förderstellen das Bewusstsein?
BR: Wir haben die Institution Theaterkolleg mit sehr viel Wohlwollen auch von der kantonalen Kulturförderung aufgebaut. So ist es oft: Am Anfang gibt es Strukturgelder, Anschubfinanzierungen. Im kulturellen Mittelbau eine Institution zu gründen, ist einfach. Schwierig wird es, wenn nach drei, vier oder fünf Jahren nach wie vor strukturelle Arbeiten anfallen, für die Gelder fliessen müssten.
Ziel war, dass sich das Theaterkolleg nach ein paar Jahren mit seinen Produktionen trägt. Wieso hat das nicht geklappt?
BR: Weil unsere Produktionen im Durchschnitt so schlecht finanziert sind, dass sie eigentlich einen grossen, nicht bezahlbaren Anteil an das Produktionsbüro abgeben müssten. Das ist der Kern des Problems. Deshalb haben wir uns wiederholt um eine Strukturförderung bemüht, dabei ist aber einfach nicht genug reingekommen. Dazu kommt, dass das Theaterkolleg als Verein organisiert ist. Die ganze HR-Arbeit leistet der Vorstand nach wie vor ehrenamtlich. Würde man es wirklich ernst meinen mit dieser Professionalisierungsforderung, dann müsste auch diese Arbeit bezahlt sein. Unter dem Strich haben wir es einfach nicht geschafft, im ökonomischen Milieu, in dem wir produzieren, Leute fest anzustellen.
Weil einfach zu wenig Geld im System ist.
BR: Genau. In Luzern kann man in der freien Szene nur dann Theater produzieren, wenn man bereit ist, auf einen Teil seines
T. Punkt-Richtlohns zu verzichten. Als Künstler gehe ich davon aus, dass ich 70, vielleicht auch mal 80 Prozent des Lohns verdiene, den T. Punkt vorschlägt. Das ist für mich persönlich okay, aber du kannst dann einfach nicht Leute mit einem Vollzeitlohn anstellen. Und mit der Auflösung des Theaterkollegs nächstes Jahr schwingt das Pendel in der freien Luzerner Theaterszene wieder weg von der Professionalisierung. Die Künstler:innen werden die ganze Produktionsarbeit – Buchhaltung, Fundraising, Vertragswesen, Promotion – wieder vermehrt selbst machen, im Ehrenamt.
Wie geht ihr mit Gratisarbeit um?
BR: Ich persönlich kompensiere sie, indem ich auf der Basis einer 42-Stunden-Woche ungefähr 115 bis 120 Prozent arbeite.
DJ: Auch bei mir ist es sicher viel Selbstausbeutung. Vor Jahren hatte ich eine Erschöpfungsdepression, das war ein Augenöffner. Heute habe ich neben meinem Hauptpensum zwar immer drei oder vier andere Projekte parallel am Laufen, aber ich habe viele kleine Hacks, um mit der Arbeitslast umzugehen. Beispielsweise stelle ich mein Arbeitshandy abends in den Flugmodus. Ich versuche, einen Tag pro Woche nicht zu arbeiten und im Jahr sieben Wochen Ferien zu machen; das ist meine Off-Zeit und das kommuniziere ich auch so. Es ist ein learning process. Ich komme immer noch an meine Grenzen, gleichzeitig habe ich mich an die Belastung gewöhnt. Trotzdem bin ich sehr glücklich mit meiner Arbeit.
Wieso?
DJ: Weil sie mir wahnsinnig viel gibt. Ich treffe Menschen, die auf einer ähnlichen Wellenlänge sind, und habe oft sehr viel Spass. Das ist es, was den mangelnden Lohn und die langen Arbeitszeiten für mich legitimiert. Würde es mir keine Freude machen, müsste ich etwas ändern.
CH: Ich kann mir zwar nicht sehr viele Auszeiten nehmen und arbeite auch relativ viel, aber ich habe das Glück, im Kanton Uri zu leben. Da ist man schnell mit einer Seilbahn auf einem Berg. So kann ich mich bei einer Wanderung oder beim Biken entspannen. Und ich finde meine Arbeit ja auch sehr spannend.
BR: Dass das Kulturschaffen eine sehr erfüllende Arbeit sein kann, da schliesse ich mich an. Aber das ist Fluch und Segen zugleich. Auch erfüllende Arbeit muss bezahlt sein.
DJ: Absolut. Kürzlich musste die Luzerner Agentur Young and Aspiring Schluss machen, weil es zu viel wurde … Auch das ist eine Realität.
Per 2027 können mittelgrosse Kulturbetriebe beim Kanton Luzern eine Strukturförderung beantragen, die Betriebs-, Personal- und Infrastrukturkosten deckt. Betriebe wie eure, die eher auf der Distributionsseite angesiedelt sind, sind davon ausgenommen. Darum rein hypothetisch gefragt: Was würde eine solche Förderung für euch ändern?
CH: Ich hätte mehr Zeit, an den eigentlichen Projekten zu arbeiten. Die Mittelbeschaffung mit all den Dossiers, den Eingaben, die geschrieben werden müssen, ist oft sehr aufwendig. Da wäre eine kantonale Strukturförderung sehr entlastend.
DJ: Wir könnten jemanden fest anstellen, was unseren Artists zugutekommen würde. Diese Person könnte mehr Anfragen an verschiedene Venues schicken, die Artists könnten mehr spielen, was wiederum mehr Kommissionen generieren würde, also eine grössere Wirtschaftlichkeit. Spannend finde ich auch, dass die künstlerische Selektion mit einer Strukturförderung diverser würde – weil sie sich von den Fachkommissionen stärker auf Agenturen, Labels oder Venues verlagern würde.
BR: Abgesehen davon, dass die Strukturförderung für eine Professionalisierung sorgt, ist diese immer auch ein Bürokratieabbau. Ich möchte noch hinzufügen: Geld, das der Staat in die Kultur investiert, taucht an vielen Orten wieder auf. Etwa bei der Druckerei, wo du deine Bücher druckst, Christof, in der Gastronomie oder im Handwerksbereich. Dieses Geld, das haben verschiedenste Studien bewiesen, hat also einen grossen gesellschaftlichen Effekt. Auch deshalb ist es sinnvoll, Strukturen in der Kulturbranche zu fördern.
CH: Das beobachte ich auch in Uri, beispielsweise beim Musikfestival Alpentöne in Altdorf mit seinem internationalen Renommee. Das auswärtige Konzertpublikum bleibt mehrere Tage. Davon profitieren auch die Hotels und Restaurants vor Ort. Ein Vielfaches von dem, was in Kultur investiert wird, kommt in Form eines gesamtwirtschaftlichen Nutzens zurück.
Neue Strukturförderung für Verlage
Gute Nachrichten für die Luzerner Literaturszene: Nachdem Verleger:innen lange auf die Notwendigkeit einer strukturellen Verlagsförderung hingewiesen hatten, führt der Kanton per 2027 eine solche ein. Fünf ausgewählte Verlage – Der gesunde Menschenversand, die Edition Bücherlese, die Edizioni Periferia, der Quart Verlag und der Quaternio Verlag – können sich für die Periode 2027 bis 2029 auf insgesamt 50 000 Franken bewerben. Mit dem Förderbeitrag, der pro Verlag 5000 bis 15 000 Franken jährlich beträgt, sollen betriebliche und strukturelle Kosten gedeckt werden – also Ausgaben für Infrastruktur und Personal, die neben der Produktion der Bücher anfallen.
Die neue Verlagsförderung wird zusätzlich zu den Druckkostenbeiträgen eingeführt, die Verlage im Rahmen der regionalen Kulturförderung für einzelne Buchprojekte beantragen können. In ihrer Ausgestaltung orientiert sie sich an der Verlagsförderung des Bundesamts für Kultur (BAK), mit der der Bund seit 2016 ausgewählte Verlage unterstützt. «Die kantonale Strukturförderung ist ergänzend zu jener des BAK gedacht», sagt Silja Olivia Risi, Fachverantwortliche Kulturförderung. «Die fünf Verlage, die der Kanton für die Periode 2027 bis 2029 ausgewählt hat, werden auch vom BAK als national relevant eingestuft und entsprechend gefördert.»
Die neue Strukturförderung für mittelgrosse Kulturbetriebe, die der Kanton Mitte 2026 eingeführt hat, schliesst Betriebe aus, die auf der Distributionsseite angesiedelt sind. Verlagen, Labels oder Agenturen steht sie deshalb nicht offen. Mit der Strukturförderung für Verlage schliesse der Kanton Luzern eine Lücke, so Risi. Für Labels oder Agenturen ist zurzeit keine strukturelle Förderung geplant.










