
19.10.26
Wagners Erbe
Richard Wagner verfestigte seine antisemitische Haltung in Tribschen. Auch die spätere Gründung des Museums war von diesem Erbe geprägt. Ein Gespräch mit dem Historiker Patrik Süess.
Giulia Bernardi (Interview) und Kim da Motta (Bilder)
Ihre Untersuchung wurde durch eine Debatte über die Dauerausstellung im Richard Wagner Museum ausgelöst, die im April 2023 eröffnet wurde. Ein Postulat, das im Juni 2023 im Luzerner Stadtrat eingereicht wurde, forderte eine kritische Überprüfung der Dauerausstellung, da Wagners Antisemitismus zu wenig kontextualisiert werde. Ist diese Kritik für Sie nachvollziehbar?
Ich finde es richtig, dass Wagners Antisemitismus im Rahmen der Dauerausstellung thematisiert und auch kontextualisiert wird, sowohl historisch wie biografisch.
Ein Schwerpunkt Ihrer Untersuchung, die von der Stadt Luzern in Auftrag gegeben wurde, ist Wagners Zeit in Tribschen von 1866 bis 1872. In dieser Zeit verfestigte Wagner seine radikal-nationalistische und antisemitische Haltung. Inwiefern?
Diese Haltung hat sich bei Wagner über längere Zeit entwickelt, spätestens ab der zweiten Hälfte der 1840er-Jahre. Für die Zeit in Luzern fällt auf, dass er sich dazu entschied, sein Pamphlet «Das Judenthum in der Musik» neu aufzulegen, und zwar als Einzelpamphlet.
Als Einzelpamphlet – warum betonen Sie das?
Er verfolgte offenbar die Absicht, dass dieser Text nochmal gesondert veröffentlicht und wahrgenommen wird. Während die erste Veröffentlichung 1850 anonym war, stand er diesmal mit seinem Namen dahinter. Wagner hatte 1869 eine grössere Bedeutung in der Öffentlichkeit als noch 20 Jahre zuvor.
Wagner spricht in seiner Hassschrift von einem deutschen Kulturverfall, den er auf «zersetzende fremde Elemente» zurückführt. Welches Denkmuster liegt dieser Weltanschauung zugrunde?
Das zentrale Denkmuster ist jenes der Bedrohung des Eigenen und entsprechend dessen Verteidigung. Wagner sah Gesellschaft und Kultur seiner Zeit durch die moderne Entwicklung im Niedergang begriffen, wobei in seinen Augen «die Juden» von diesem Niedergang profitierten. Bei späteren, noch radikaleren Formen des Antisemitismus waren «die Juden» dann nicht mehr nur Profiteure, sondern auch Urheber dieses vermeintlichen Niedergangs.
Sie schreiben in Ihrem Forschungsbericht, dass Wagner in seiner Hassschrift auch das Wort der «Verjüdung» prägte, eine Wortneuschöpfung, die während des Nazismus als Propagandabegriff verwendet wurde. Steht dieser Begriff stellvertretend für eine historische Kontinuität?
Es war eine von vielen antisemitischen Begriffsprägungen, auf die der Nationalsozialismus zurückgreifen konnte. Der Nationalsozialismus hat ja den Antisemitismus nicht erfunden, nicht einmal seine auf totale Vernichtung abzielende Variante. Letztere wurde massgeblich vom völkischen Ideologen und Wagnerianer Houston Stewart Chamberlain, einem Vertrauten von Wagners Witwe Cosima, entwickelt und verbreitet.
Laut Ihrem Bericht spielte Wagner eine wichtige «Mittlerrolle» zwischen dem politischen Antisemitismus und der bürgerlichen Hochkultur. Könnten Sie das näher erläutern?
In der Zeit um 1870 kam die Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts diskutiert wurde, im deutschsprachigen Raum zum Abschluss; in der Schweiz etwa 1866 mit der Streichung der diskriminierenden Passagen in der Bundesverfassung von 1848. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in gutbürgerlichen Kreisen eher verpönt, offen antisemitisch zu sein. Nach der Gleichberechtigung begann der Antisemitismus jedoch auch in diesen Kreisen salonfähig zu werden, nicht zuletzt durch «Vorbilder» wie Richard Wagner. Diesbezüglich war die Bedeutung von Wagner nicht zu unterschätzen: Er war Teil der europäischen Hochkultur.
Gleichzeitig blieb Antisemitismus, auch darauf gehen Sie ein, insbesondere unter Wagnerianern bis weit ins 20. Jahrhundert prägend.
Antisemitismus gehörte in diesem Milieu ganz selbstverständlich dazu, er kann überhaupt als «kultureller Code» in den damaligen rechtskonservativen Kreisen gelten, so beschreibt es zum Beispiel die Historikerin Shulamit Volkov.
Hatte Wagner diese «Mittlerrolle» auch in Luzern?
Wagners direkter Einfluss auf das politische Klima in Luzern blieb wohl sehr begrenzt. Er wohnte in Luzern ziemlich zurückgezogen; die paar wenigen näheren Bekannten, die er in der Schweiz hatte, lebten in Zürich. Auch hat die Luzerner beziehungsweise die Schweizer Presse sein Pamphlet damals kaum zur Kenntnis genommen oder gar diskutiert. Das ist speziell, denn sowohl in Deutschland wie in Österreich wurde die Publikation wahrgenommen und kommentiert – meist negativ, übrigens.
«Nach der Gleichberechtigung begann der Antisemitismus auch in gutbürgerlichen Kreisen salonfähig zu werden, nicht zuletzt durch ‹Vorbilder› wie Richard Wagner.»
Ein viel diskutiertes Thema, wenn es um Richard Wagner geht, ist die Trennung zwischen Werk und Autor. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?
Diese Trennung wird immer wieder gemacht. Es gibt natürlich auch Stimmen, die der Ansicht sind, dass das Werk von Wagner eben nicht losgelöst von seinen politischen Implikationen betrachtet werden kann. Wenn man der Ansicht ist, dass Wagner für die europäische Musikgeschichte von Bedeutung ist und man ihn nicht einfach ignorieren kann, dann muss man einen Umgang mit ihm finden: einerseits mit seiner kulturhistorischen Bedeutung, andererseits mit seinem politischen Einfluss. Ich kann allerdings nicht beurteilen, wie man eine Ausstellung einrichten müsste, um das adäquat abzubilden.
Die Jahre der Museumsgründung sind ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Forschung. Der Präsident der Kommission, die das Museum konzipierte und 1933 eröffnete, war der damalige Stadtpräsident Jakob Zimmerli. Sie schreiben, dass Zimmerli den politischen Implikationen der Museumsgründung eher indifferent gegenüberstand, dass er sich vor allem für die touristischen Vorzüge interessierte. Worin bestanden die politischen Implikationen?
Das Wagner-Milieu jener Tage war entschieden antidemokratisch, antiliberal, völkisch-rassistisch und antisemitisch geprägt. Das gilt insbesondere für das zeitgenössische Bayreuth, das sich schon in den frühen 1920er-Jahren zur NSDAP bekannt hatte.
Wer waren die weiteren Kommissionsmitglieder?
Vor allem Adolf Zinsstag und Max Fehr waren treibende Kräfte. Zinsstag war hauptberuflich Goldschmied in Basel und zu seiner Zeit der wohl profilierteste Wagnerianer der Schweiz. Fehr war Gymnasiallehrer in Winterthur und betätigte sich nebenher als Musikhistoriker.
Adolf Zinsstag hatte den Verein «Schweizer Freunde Bayreuths» gegründet. Wie würden Sie diesen Personenkreis beschreiben und welchen Einfluss hatte er auf die politische Ausrichtung des Museums?
Die «Schweizer Freunde Bayreuths» bestanden zum Teil aus Musikinteressierten, denen einfach Wagners Werk am Herzen lag, aber zum Teil auch aus «weltanschaulichen» Wagnerianern, die aus heutiger Sicht am äusseren rechten Rand des politischen Spektrums angesiedelt waren. Etliche von ihnen waren auch dem Tribschener Museum eng verbunden.
1933 wurde das Museum eröffnet – zeitgleich zur Machtübernahme und zum Schweizer «Frontenfrühling». Wie wurde die Eröffnung in Luzern wahrgenommen?
Es gab keine kritischen Reaktionen. Das führt uns nochmal vor Augen, was für ein wichtiger kultureller Wert Wagner und seinem Werk in dieser Zeit zugesprochen wurde, nicht nur von rechts, sondern gesellschaftlich breit abgestützt. Das wird auch in den Artikeln spürbar, die über die Eröffnung berichten: Dort spricht man von einer «Weihestunde», von Tribschen als «Weihestätte».
Sie erwähnen in Ihrem Forschungsbericht, dass es Verbindungen zwischen Bayreuth und Luzern gab. Wie sahen diese aus?
Bayreuth war zufrieden, dass in der Schweiz ein Wagner-Museum eröffnet wurde, das Verhältnis war freundschaftlich. Das zeigt sich auch daran, dass die Museumskommission Mitglieder der Familie Wagner in den 1930er-Jahren als Sommergäste in Tribschen willkommen hiess. Auch Winifred Wagner wurde eingeladen; sie hatte eine enge Verbindung zum Nationalsozialismus und zu Hitler. Selbst nach dem Krieg fand kein Bruch statt. Ellen Beerli, die damalige Museumleiterin, blieb in gutem, freundschaftlichem Austausch mit Winifred Wagner.
Sie haben es vorhin erwähnt: Bayreuth bekannte sich schon 1923 zur NSDAP und wurde über die Jahrzehnte zum «Zentrum
deutsch-völkischer Ideologie». Gab es in der Schweiz kein Bewusstsein für die Verstrickung zwischen Bayreuth und dem Nazismus?
Es war kein Thema, auch nicht in linksliberalen Kreisen. Anfang der 1930er-Jahre war noch nicht klar, wie weit das Nazi-Regime gehen würde, man hat erst mal abgewartet. Aus heutiger Sicht ist das nicht mehr ganz nachvollziehbar, schliesslich wusste man schon 1933, was die Ideologie beinhaltete. Was man damals als gefährlicher erachtete, waren der Kommunismus und der Bolschewismus. Die Ansicht, dass der Nationalsozialismus einen Gegenpol dazu darstelle, war sehr verbreitet, vor allem im konservativen Bürgertum.
Die Museumskommission ging 1956 in die «Gesellschaft Richard Wagner-Museum Tribschen» über. Sie schreiben, dass diese kaum als Neuanfang betrachtet werden könne. Warum?
Sie stützte sich zum Teil auf denselben Personenkreis, der schon für die Museumsgründung verantwortlich gewesen war. Max Fehr ist dabei am auffälligsten: Er war pronazistisch bis zum Schluss und wurde trotzdem in den Vorstand der Gesellschaft gewählt. Diesbezüglich gab es nach dem Krieg keine Aufarbeitung.
Warum?
Es gab kein Problembewusstsein. Man war wohl in der Schweiz überhaupt grossmehrheitlich der Ansicht, sich bezüglich der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges nichts vorzuwerfen zu haben. Dabei wäre es doch wichtig zu fragen, wie es nach dem Krieg mit diesen Verbindungen weiterging. Zum Beispiel habe ich entdeckt, leider erst nachdem ich den Forschungsbericht bereits abgeschlossen hatte, dass die «Tribschener Blätter», die von der Museumsgesellschaft herausgegeben wurden, noch 1970 einen Gedächtnisartikel voll des Lobes für Arthur de Gobineau, der das Konzept der «Rasse» im 19. Jahrhundert in Europa massgeblich mitverbreitet hat, veröffentlichten.
Michel Friedman spricht anlässlich des 150. Jubiläums in Bayreuth in seiner Eröffnungsrede von einem «historisch kontaminierten Boden». Trifft das auch für Luzern zu?
Es ist wichtig, dass man weiss, was war und wer in Tribschen gelebt hat. Ich würde den Begriff der Kontamination aber nicht verwenden.
Gibt es einen anderen Begriff, der das historische Bewusstsein in den Fokus stellt?
Vielleicht «geschichtspolitisch aufgeladen»? Oder ist auch das bereits zu metaphysisch gedacht? Jedenfalls ein Ort, der nicht einfach nur historisch ist, sondern der auch heute noch zu politischen Fragen herausfordert.
Für Ihren Forschungsbericht haben Sie viel Zeit im Stadtarchiv Luzern verbracht. Wie sah die Quellenlage zum Thema aus?
In diesem Archiv gibt es Akten der Museumskommission. Es gibt zum Beispiel einen ausführlichen Briefwechsel zwischen Zinsstag und Zimmerli, allerdings nur zwei Briefe von Fehr an Zimmerli, es müsste aber weitaus mehr geben. Ich habe mich gefragt, warum all die Briefe aus der Feder von Fehr, die ja auch in diesem Archiv sein müssten, nicht da sind.
Haben Sie eine Vermutung?
Es gibt zum Glück einen grossen Nachlass von Adolf Zinsstag in Basel, dort ist auch sein Briefwechsel mit Max Fehr überliefert. In vielen Briefen äussert sich Fehr deutlich pronazistisch und antisemitisch. Vielleicht hat man es als unangenehm empfunden, dass sich ein Kommissionsmitglied so äussert, und darum die Briefe aus der Sammlung entfernt.
Das Museum wird noch heute von der öffentlichen Hand finanziert. Wo sehen Sie die Verantwortung der Stadt, was die Kontextualisierung der Forschungserkenntnisse angeht?
Das sind politische Fragen. Meine Rolle ist die des Historikers, der den Bericht liefert. Ich denke aber, dass man die Erkenntnisse der Öffentlichkeit offen kommunizieren sollte. Es wird 2027 eine neue Ausstellung geben, ich bin gespannt, wie das Museum dies angehen wird.
Im April 2023 wurde die neue Dauerausstellung im Richard Wagner Museum in Luzern eröffnet, worauf im Juni 2023 ein Postulat im Stadtrat eingereicht wurde, das die mangelnde Kontextualisierung von Wagners Antisemitismus kritisierte und eine kritische Überprüfung der Dauerausstellung verlangte. Der Stadtrat gab darauf einen unabhängigen Forschungsbericht in Auftrag, der im Mai 2026 erschien. Die daraus resultierenden Erkenntnisse sollen ab April 2027 in einer Sonderausstellung im Richard Wagner Museum präsentiert werden.
Patrik Süess ist freischaffender Historiker. Er studierte Allgemeine Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Zürich und promovierte in Basel. Seine Dissertation «‹Einer besseren Stellung im Staate würdig machen …› Die rechtliche Gleichstellung der Schweizer Juden zwischen ‹bürgerlicher Verbesserung› und Emanzipation 1798–1879» erschien im Juli 2026 im Chronos Verlag.










