
07.09.26
Kunst
Noch lange nicht ausgeträumt
Unter dem Titel «Träumende Dinge» versammelt das Kunsthaus Zug Werke von 21 Künstlerinnen, die Träume als Räume der Veränderung erkunden.
Valerie-Katharina Meyer (Text) und Ernst Kehrli (Bild)
Sterne flackern am blauschwarzen Himmel, in der Mitte leuchtet ein runder Mond. Wildes Gewächs und helle Blüten drängen eigenwillig nach oben, schieben die sorgfältig angelegte Gartenlandschaft in den Hintergrund. Dieser «Nächtliche Garten» von Eva Wipf führt in die Ausstellung ein. Während man vor dem gemalten Garten steht, kommt der Eindruck auf, in einer anderen Welt gelandet zu sein; einer Welt mit surreal anmutenden Proportionen, dunkel und hell zugleich.
Die Nacht, das macht die Ausstellung im Kunsthaus Zug von Beginn an deutlich, steht nicht nur für eine Hinwendung zum Unbewussten und Verborgenen. Sie steht auch für eine spielerische Offenheit gegenüber dem, was sich dem Blick zunächst entzieht und erst unter veränderten Lichtverhältnissen sichtbar wird. Entsprechend geht es in der Ausstellung um das Einfangen feinster Regungen, um eine wachsame Aufmerksamkeit gegenüber Verschiebungen. «Ich möchte immer Seismograf sein, in Nacht und Licht, auch wenn ich einmal zerbrechen müsste», wünschte sich Eva Wipf als Grundhaltung für ihr künstlerisches Schaffen.
Träumen als Praxis
Es zeichnet die Ausstellung aus, dass sie sich dem Verborgenen, der Nacht und dem Traum aus unterschiedlichen Perspektiven nähert. Heidi Buchers Wortsammlung «Hülle wie Wickel», mit der sie 1983 ihr Interesse gegenüber der Wandelbarkeit von Körpern und Räumen in Worte fasste, wirkt an dieser Stelle beinahe programmatisch: Die Liste zieht vom «Verdrängten» und «Verdunkelten» hin zum «Verkannten» und wandelt sich danach über das «Geduldete» weiter zum «Erfühlten», «Erwählten», «Erhellten».
Der breite Zugang zum Thema zeigt sich auch im Zusammenspiel der verschiedenen Medien: Schmuckstücke, Skizzen und Skulpturen erhalten ebenso Raum wie Malereien, Fotografien und Videoinstallationen. Werke der aktuellen Gegenwart, etwa von Judith Albert oder Maya Hottarek, stehen neben dem Kunstschaffen von Annelies Štrba und Miriam Cahn, Ilse Weber und Meret Oppenheim. Dabei schlägt die Ausstellung einen Bogen, der bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht. Surrealistische Verfahren bilden einen wichtigen thematischen Bezugspunkt, die 1970er- und 1980er-Jahre wiederum einen zeitlichen Schwerpunkt.
Dass Künstlerinnen insbesondere in diesen beiden Jahrzehnten – unter anderem im Zusammenhang mit der Frauen-bewegung – ihre Träume auch als Entwurf einer emanzipierten Lebensform verstanden, wird nicht ausdrücklich besprochen. Im Mittelpunkt steht viel eher die Frage, inwiefern Gegenstände, Körper und Räume ein rätselhaftes, häufig auch poetisches Eigenleben entwickeln.
Doch schwingt die damalige Aufbruchsstimmung in den Werken oft mit. So verliert Heidi Buchers ausgestellte Hose «Strong John (Hockeyhose)» aus dem Jahr 1977 durch die Latexbearbeitung ihre ursprüngliche Funktion und wandelt sich in eine schwebende Skulptur, die in ihrer aufgefalteten Form an die Flügel eines Falters oder eines Vogels erinnert. Bei diesen Umwandlungen stellt der Vorgang der Häutung für Bucher einen Akt der Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen und patriarchalen Strukturen dar. Und an einer der Museumswände prangt Meret Oppenheims vielzitierter Satz: «Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen.»
Schon in früheren Ausstellungen wie «Bild & Wort» hat das Kunsthaus Zug künstlerische und literarische Positionen zusammengebracht. Auch in «Träumende Dinge» werden mit unterschiedlichem Archiv- und Textmaterial, mit Skizzen oder Briefen, punktuelle Einblicke in die Biografien, das Wirken und das Denken der Künstlerinnen gegeben.
Die Archivalien ermöglichen ebenfalls assoziative Verknüpfungen mit den Werken. So zeigt sich in den Skizzen von Hannah Villiger schon früh ein Interesse am Fragmentarischen und an Formen des Übergangs, was auch ihre grossformatigen Polaroid-Bilder prägt, auf denen sie in den 1980er-Jahren ihren Körper mit fotografischen Nahaufnahmen erkundet und stereotypen Vorstellungen des Weiblichen eine Topografie aus Gliedmassen, Haut und Haar entgegensetzt.
Vor allem lassen die zusätzlichen Objekte in den Vitrinen erkennen, welche Bedeutung das Träumen für viele der Künstlerinnen hatte. Sie zeigen, dass die als «träumende Dinge» ausgestellten Werke keinen Rückzug aus der Wirklichkeit bedeuten. Die Künstlerinnen stellen damit tradierte Ordnungen infrage und setzen sich mit ihrer Arbeit an der Nacht für eine andere Zukunft ein.
Freiräume unserer Imagination
Eine Ausstellung mit ausschliesslich weiblichen Positionen zum Thema Traum birgt ein offensichtliches Risiko: Sie könnte ungewollt tradierte Zuschreibungen reproduzieren, die Frauen an das Intuitive oder Emotionale zurückbinden. Entsprechend verzichtet man in der Ausstellung darauf, die Künstlerinnen als «Träumerinnen» zu inszenieren. Trotzdem bleibt diese Spannung bestehen, eine weitere Einordnung findet nicht statt. Die Befragung der Nacht und des Traums ist denn auch in einer weiteren Hinsicht sprechend: Sie wird zum Anlass, zahlreiche Werke der Sammlung, die bislang weitgehend im Verborgenen geblieben sind, aus der vom Kunsthaus eigens versursachten Dunkelheit zu holen.
Der Ausstellung gelingt mit dem Thema, dass sich unterschiedliche Werke in einen generationenübergreifenden Dialog begeben und die Besucher:innen durch offene und poröse Formen in geheimnisvolle Zwischenwelten entführen. So, wie es die Videoarbeit «Flut» von Judith Albert tut: Ein Bett beginnt zu wanken, kommt immer mehr ins Fliessen, reisst die Welt um sich mit. Während bisherige Gewissheiten schwinden, steht das Bett plötzlich wieder still. Man könnte einwenden, alles sei nur ein Traum. Aber doch hat in der Zwischenzeit eine irreversible Verschiebung statt-gefunden. Die Werke dieser Ausstellung rufen also nicht nur dazu auf, miteinander weiter zu träumen, sondern erinnern auch daran, wie wichtig es ist, auch in unserer Gegenwart die Freiräume unserer Imagination zu bewahren.






