
26.08.26
Literatur
Kristin T. Schnider: «Heute nehme ich mir heraus, die Sache so zu machen, wie ich sie will»
Kristin T. Schnider hat in den 1990er-Jahren mehrere Romane publiziert und zur Traditionsbildung schreibender Frauen in der Schweiz beigetragen. Nun ist eine Neuauflage ihres Debütromans geplant. Ein Gespräch.
Nadia Brügger (Interview) und Liv Burkhard (Bilder)
Als Schülerin haben Sie Verena Stefans Buch «Häutungen» verteilt und deswegen Ärger gekriegt. Was hat Ihnen dieses Buch bedeutet?
Es war eine Art Erweckungserlebnis für mich. Ich war zu dieser Zeit in der Schule und fand es dort furchtbar langweilig. Das ist zwar nicht schön, aber ich glaube, dass die Schule nicht viel zu meiner Bildung beigetragen hat, vor allem der Deutschunterricht. Dann so was zu lesen, das war wirklich eine Erleuchtung. Zu dieser Zeit habe ich auch mein Coming-out noch vermieden. Das Buch hat mir also auf mehreren Ebenen Möglichkeiten angeboten.
Sie selbst haben in den späten 1970er-Jahren mit dem Schreiben begonnen. Ich stelle es mir nicht einfach vor, sich zu dieser Zeit als junge, schreibende, Schwarze Frau in der Schweiz zu bewegen.
Rassismus war hier immer spürbar, das sind nicht meine liebsten Erinnerungen. In der Schweiz war man völlig ignorant, was Kolonialismus angeht. Wohl auch deshalb, weil man selbst keine unmittelbare Kolonialmacht war und sich lange eingeredet hat, damit nichts zu tun zu haben. Als ich aufgewachsen bin, war ich die einzige «mixed-race person» im Umkreis von ich weiss nicht wie vielen Kilometern. Ich habe im Zwischendrin gelebt: Für die einen bist du zu wenig weiss, für die andern nicht Schwarz genug.
Sie sind in Zürich aufgewachsen, werden als Schweizer Schriftstellerin rezipiert. In einem Text von Ihnen, den ich sehr mag, schreiben Sie, dass Sie Mühe haben mit dieser Einordnung: «Nichts liegt mir daran, weder in meiner Rolle als Schriftstellerin noch in derjenigen als Frau, als Semiaus- oder -inländerin, als Leserin, Lesbe, Raucherin, stolze Zahnbürstenbesitzerin, etwas beizutragen zur nationalen Selbstfindung.»
Es ist durchaus die korrekte Bezeichnung. Für mich trägt sie aber einen Missklang in sich, der bis heute andauert und bei den regelmässigen «Überfremdungsinitiativen» schriller wird. Es geht mir ähnlich, wenn ich höre: «Die Berner Leichtathletin Mujinga Kambundji.» Auf der Strasse, unerkannt, wird sie wohl kaum als Schweizerin angesehen. Sobald sich «die Schweiz» im Sport oder im kulturellen Bereich mit Leistung oder gar Berühmtheiten brüsten kann, gehören Menschen, die ansonsten pauschal via Aussehen oder Name «Ussländer!» sind, plötzlich dazu. Vor zwei, drei Jahren erst wurde ich wieder einmal als «Nicht-Ursprüngliche» betitelt. Wie soll es also erst Menschen ergehen, die nicht gut genug sind als Reklame oder Leistungsausweis für dieses Land?
Ihr erster Roman, «Die Kodiererin», ist 1989 erschienen. Sie erzählen darin vom durchgetakteten Arbeitsalltag einer Postangestellten, die die auf dem Förderband dahinfahrenden Pakete codiert, damit sie am richtigen Ort ankommen. Was hat Sie an dieser Figur interessiert?
Ich habe selbst bei der Post gearbeitet. Das sage ich, weil es wegen der Perspektive sowieso klar wird. Dieses ständige Fahren der Bänder, wenn man sich das nur besuchshalber anschauen geht, empfindet man nicht gleich, wie wenn man acht Stunden am Tag danebensitzt. Das Buch war für mich ein Gefäss für alle Themen, die mich umgetrieben haben, auf eine gewisse Art wurden sie von diesem Förderband getragen: Diese ganzen Waren, die Stadt Zürich, in der die Protagonistin lebt, die Wohnungsnot, die Arbeit und das Umfeld, in das sie eingebettet ist. Manchmal denke ich zwar, dass ich etwas gemein gewesen bin zu meiner Figur, weil sie nicht reflektiert. Sie beschreibt einfach, sie reagiert auf das, was ihr passiert.
Aus meiner Sicht waren Sie nicht gemein zu ihr. Vielmehr habe ich es so verstanden, dass man eben gar nicht die Zeit hat, sich Gedanken zu machen, je nach Arbeit, die man hat. Einer meiner liebsten Sätze im Buch lautet: «Unter Förderbändern schleifen sich Herz und Hirn ab.» Was kann uns die Kodiererin heute noch sagen, übers Leben, Lieben und Arbeiten im Endzeitkapitalismus?
Sie sagt immer noch dasselbe, nämlich, dass bestimmte Menschen nicht für wertvoll genug befunden werden, als dass man ihnen angenehme Arbeitsbedingungen geben würde. Die Verachtung für Menschen, die gewisse Arbeiten leisten, ist ja nicht weggegangen, im Gegenteil. Ich finde das ungeheuerlich.
Ihre Protagonistin geht eines Tages nicht mehr zur Arbeit. Sie versucht auszusteigen, was ihr nicht gelingt. Warum haben Sie ihr nicht gegönnt, sich davonzustehlen?
Weil es real ist, dass es den meisten Menschen nicht gelingt. Sie haben nicht den Hintergrund, sie haben das Geld nicht, auch nicht den inneren Antrieb. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie versuchen aufzusteigen, damit sie auch auf andere herabschauen können. Deshalb trägt die Kodiererin zum Schluss auch diese Keilabsätze, damit sie ein bisschen höher ist als die anderen. Weisst du: Die Sihlpost, die war früher bekannt bei kreativ arbeitenden Menschen, alle waren irgendwann einmal dort. Für ein halbes Jahr oder so, und dann sind sie durch die Welt gereist. Die anderen aber, die da gearbeitet haben, sind geblieben. Das waren Spanierinnen, Italienerinnen, einige aus dem Balkan und auch Schweizerinnen, die meisten von ihnen mit Familie und Kindern. Die wollten vielleicht auch weg, konnten aber nicht.
«Die Kodiererin» ist aktuell vergriffen. Die gute Nachricht ist, dass eine Neuauflage geplant ist, die der Schriftsteller Martin R. Dean angestossen hat. Mit welchen Gefühlen blicken Sie der Neuauflage entgegen?
Zuerst war ich schockiert, im Sinne von: Was wollen die von mir? Und dann hat es mich als Schriftstellerin sehr gefreut, dass ein Buch von mir überlebt, dass es nicht einfach verschwindet. Es gibt Bücher, die bleiben völlig in ihrer Zeit, sie altern ganz schlecht. Und dann gibt es andere, die «verheben».
Sie haben sich aus dem Literaturbetrieb zurückgezogen, veröffentlichen seit einigen Jahren nicht mehr regelmässig. Haben Sie für Ihr Schreiben ein eigenes Tempo gefunden?
Es gibt Menschen, vor allem Frauen, die alles gleichzeitig schaffen, mit Kindern. Ich stelle mir manchmal Toni Morrison vor, wie sie an der Universität oder im Verlag gearbeitet hat, um vier Uhr morgens aufgestanden ist und ihre beiden Söhne allein erzogen hat. Ich habe immer gedacht, das wäre ein Vorbild. Bei mir ist es anders: Wenn ich eine Arbeit mache, dann gehe ich voll rein, aber das hält mich dafür von den anderen Arbeiten ab, zum Beispiel vom Schreiben. Ich habe diese beiden Pole immer gebraucht, wollte auch als Arbeiterin in der Welt sein. Und vom Schreiben kannst du ja nicht leben.
Sie leben seit Langem im Kanton Uri. In einem Text von Ihnen heisst es: «Ich seh sie gerne, die Steine, die Felsen, sie schweigen, sie bewegen sich unendlich langsam durch die Zeit, und ich bin ihnen vollkommen egal.» Welchen Einfluss haben die Berge auf Ihr Sehen und Schreiben?
Ich war lange die Klischeezürcherin, so à la «hinter Oerlikon hört die Schweiz auf». Der Rest war Landschaft, oben Skilager, unten Picknick, Uri ein reiner Transitkanton. Seit ich hier lebe, hat sich mein Blick verändert, geschärft für Zusammenhänge zwischen Topografie und Mentalität. Die gewaltige Natur um mich herum hat sich ins Denken und in alle neueren Texte geschoben. Heute verteidige ich die Bergbewohner:innen gegen die städtischen Vorurteile, die ich lange pflegte.
Durch Ihr Werk hindurch ist die grosse Lust spürbar, Sprache als Material zu gebrauchen. In der «Kodiererin» folgt sie dem Arbeitsrhythmus der Protagonistin. In Ihrem Erzählband «Ich wollte töten» wird sie fast schneidend, gar zur Waffe. In Ihrem neusten Buch «Friction. Faction. Fiction.» ist sie teils ganz spielerisch-leicht. Hat sich Ihr Verhältnis zur Sprache über die Jahre hinweg verändert?
Die Lust, die Sprache als Material zu brauchen, ist geblieben. Weil ich nicht mehr auf Publikationen schaue, erlaube ich mir so ziemlich alles. Ich liebe es zum Beispiel, vor allem morgens, wenn es ruhig ist und ich keinen Termin habe, zu lauschen. Dann notiere ich: Heute später aufgestanden, dann kommt die Autobahn, dann der Stau, dann höre ich einen Vogel und spiele mit all dem herum. Es muss nicht zusammenhängend sein, wenn du nicht auf den Verkauf schauen musst. Ich merke auch, dass ich immer mehr schweizerdeutsche Ausdrücke benutze, was ich früher absolut vermieden habe. Heute nehme ich mir heraus, die Sache so zu machen, wie ich sie will. Dabei bin ich immer auch mir selbst auf der Spur.
Geboren in London, aufgewachsen in Zürich, lebt Kristin T. Schnider seit 1998 als freie Schriftstellerin in Wassen im Kanton Uri. Seit den 1980er-Jahren veröffentlicht sie Texte in Zeitschriften und literarischen Magazinen; in den 1990er-Jahren erschienen vier Bücher, darunter «Die Kodiererin», «DIN-A», «Ich wollte töten» und «NYSKY». Von 2002 bis 2010 war sie Präsidentin des Deutschschweizer PEN-Zentrums und von 2014 bis 2018 Gemeindepräsidentin von Wassen.





