
30.06.26
Kulturförderung im Kanton Schwyz: Ein kulturpolitischer Alleingang
Keine Gesetzesgrundlage, keine Steuerfranken, dafür seit diesem Jahr deutlich mehr Lotteriegelder: Der Kanton Schwyz geht in der Kulturförderung eigene Wege. Eine Standortbestimmung.
Ramon Juchli (Text) und Sam Aebi (Bilder)
Wie wär’s mit einem Freilichttheater, das den Trojanischen Krieg neu inszeniert? Oder mit Vokalmusik aus der Renaissance? Oder mit einer Veranstaltung, bei der man selbst in Bewegung ist, die Wandern und Live-Konzerte kombiniert?
Das alles liess sich im Kanton Schwyz Ende Juni am selben Wochenende erleben. Insbesondere Laientheater, Volksmusik oder auch die Fasnacht bewegen die Täler zwischen Zürich- und Vierwaldstättersee. Doch bei all der Breite und Fülle von Angeboten beschäftigt den Kanton seit Jahrzehnten die gleiche Frage: Was darf diese Kulturvielfalt kosten?
Voller Eigenheiten
Die kantonale Kulturförderpraxis passt gut zum Kanton voller Eigenheiten, ist sie doch mindestens so einzigartig wie das Küssnachter Klausjagen. Schwyz ist bis heute der einzige Kanton ohne eigenes Kulturfördergesetz. Stattdessen legt lediglich ein Kulturförderleitbild, das bislang nur in einer einseitigen Zusammenfassung öffentlich einsehbar ist, die Grundlagen für die Vergabe von kantonalen Unterstützungsbeiträgen. Als «unklar formuliert» und «teils intransparent» bezeichnete die neu gegründete Interessengemeinschaft Kultur Schwyz die Kulturförderung im Kanton.
Die Kulturausgaben pro Kopf sind in Schwyz die tiefsten der Schweiz. Laut Bundesamt für Statistik lagen die Ausgaben von Kanton und Gemeinden 2023 bei 90 Franken pro Person. Zum Vergleich: In Luzern waren es 247 und in Nidwalden 150 Franken. Dies sorgte bereits vor einigen Jahren für Kritik im Schwyzer Kantonsrat. Die Regierung legte darauf eigene Berechnungen vor und verortete sich im «unteren Mittelfeld» der Kulturausgaben der Kantone.
Diese scheinbare Zurückhaltung, Geld für die Kultur auszugeben, kennt man von Kantonen, die sparen müssen. Doch zu jenen zählt Schwyz nicht: Der Jahresabschluss 2025 fiel zum elften Mal in Folge positiv aus. Auch die Einnahmen wachsen an: 669 Millionen Steuerfranken flossen in die Staatskasse – wovon Schwyz keinen einzigen für die Kulturförderung aufwendete.
Sämtliche für die Kultur zur Verfügung stehenden Mittel stammen aus dem Lotteriefonds. Der Regierungsrat legt die Gesamthöhe jährlich fest. Danach richtet sich die Arbeit der Kulturkommission, die Beiträge vergibt und an fünf Sitzungen im Jahr über mehr als 250 Gesuche entscheidet. Die Zahl der Gesuche stieg wie auch in allen anderen Kantonen in den vergangenen Jahren kontinuierlich an und verdoppelte sich in den letzten zehn Jahren gar. Aufgrund des wachsenden Bedarfs erhöhte der Regierungsrat auf das laufende Jahr hin die Mittel für die Kultur im Kanton Schwyz: von 1,35 auf rund 2 Millionen Franken.
Die erhöhten Beiträge sollen Vereine und Institutionen stärken und dabei helfen, die wachsende Zahl der Gesuche zu bewältigen, hiess es in der entsprechenden Medienmitteilung. Besonders hervorgehoben wurden vier Institutionen, die der Kanton gezielt fördern will. Ausgewählt habe man sie laut Mitteilung aufgrund ihrer «strategischen Bedeutung» für den Kanton, wobei unklar blieb, wie diese definiert ist. Sie sollen als «dezentrale kulturelle Stützpunkte» wirken. Denn im Unterschied zu Kantonen wie Luzern oder Zug fehlt in Schwyz ein städtisches Zentrum, auf das sich Kulturangebote und -publikum konzentrieren. Die vier Institutionen erhielten zuvor schon vergleichsweise höhere Beiträge – nun sind sie auserkoren, zu «festen Eckpfeilern» der Kulturlandschaft zu werden.
Das erste Haus mit Leistungsvereinbarung
Eine dieser Institutionen, die der Kanton gezielt fördern will, ist der Mauz Music-Club in Einsiedeln. Co-Leiter André Kälin führt diesen gemeinsam mit Astrid Gerber seit 2017. Seither spielten etablierte Namen der Schweizer Musikszene wie Elie Zoé, Stahlberger oder To Athena sowie internationale und lokale Künstler:innen im 280 Personen fassenden Saal. Zuweilen findet auch ein Pingpong-Turnier oder ein Musikschule-Konzert statt.
Nun unterschrieb die Co-Leitung Mitte Mai eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton. «Wir sind das erste Haus mit einer solchen Vereinbarung», sagt Kälin. So erhält der Betrieb in den kommenden drei Jahren jeweils 45 000 Franken aus dem Lotteriefonds. Mehr als doppelt so viel wie die bisherigen 20 000 Franken. Ein Geldsegen ist dies nur auf den ersten Blick.
Die Produktion eines Konzerts im Mauz, das rechnet Kälin vor, kostet zwischen 4500 und 6500 Franken. Nicht enthalten sind darin die Gagen für die Künstler:innen. Bei über einem Dutzend Konzerten im Jahr entspricht die kantonale Förderung also einem guten Zustupf, deckt aber nur einen Teil der Fixkosten. Das Konzertprogramm im Mauz wird durch lukrativere Anlässe wie Hochzeiten, Firmenfeste oder Geburtstagsfeiern mit hausinternem Catering quersubventioniert. Dies wird sich durch die Leistungsvereinbarung nicht ändern. Trotzdem ist für Kälin klar, dass die Entwicklung der Kulturförderung in die richtige Richtung geht.
Nicht gut genug
Für den Vorstand der im April gegründeten IG Kultur Schwyz ist die Erhöhung der Mittel aus dem Lotteriefonds richtig, jedoch nicht gut genug. «Es ist schön, steht jetzt mehr Geld zur Verfügung», sagt Vorstandsmitglied Anna-Brigitte Schlittler. «Die Crux bleibt aber, dass es keine eigentliche Förderung von Institutionen gibt.» Stattdessen ist die Förderung auf die Unterstützung einzelner Projekte und Veranstaltungen ausgelegt, die Jahr für Jahr mit Gesuchen angefragt werden muss.
Es gebe viele Vereine und Kulturschaffende, die mit der Kulturförderung unzufrieden seien. Von «Frust und Resignation» spricht etwa Vorstandsmitglied Bruno Steiner. Im heterogenen Kanton mit sehr reichen Gemeinden am Zürichsee sowie ländlich geprägten Regionen, die finanziell weniger gut dastehen, sind die Herausforderungen für die Kulturschaffenden je nach Wohn- und Arbeitsort unterschiedlich.
Die IG strebt an, Kräfte zu bündeln, um die Förderstrukturen weiterzuentwickeln. Heisst: Sie will ein Kulturfördergesetz. «Ein solches Gesetz schafft Kontinuität für die Kultur im Kanton», sagt Steiner. Mit einer entsprechenden Gesetzesgrundlage sollen der ganzjährige Betrieb von Kulturhäusern, Projekte von Vereinen oder die Kuration von Ausstellungsorten gestärkt werden. Dadurch soll die Kulturförderung nachhaltiger ausgerichtet werden. Wie ein Gesetz aussehen soll, das zu mehr Zufriedenheit bei den Kulturschaffenden führt, ist allerdings noch offen. Klar ist für die IG, dass die Unterstützung aus dem Lotteriefonds durch gesetzlich festgeschriebene Förderung über das ordentliche Budget nicht ersetzt, sondern erweitert werden soll.
Die IG möchte nun mit den über 300 Kulturvereinen des Kantons in Kontakt treten und sich darüber hinaus mit Politik und Wirtschaft vernetzen. Bisher meldeten gut 35 Einzelpersonen und Vereine Interesse an einer Mitgliedschaft an. Denn bevor ein neuer Gesetzesvorschlag in den politischen Prozess einfliessen kann, braucht es eine gemeinsame Konkretisierung.
Neuer Anlauf
Schon einmal war der Kanton Schwyz kurz davor, ein Kulturfördergesetz zu verabschieden. Hauchdünn lehnte es die Schwyzer Stimmbevölkerung 2005 an der Urne ab: 778 Stimmen machten den Unterschied. Das Nein war ziemlich überraschend, hatte im Kantonsrat doch eine grosse Mehrheit zugestimmt und sich nur die SVP dagegengestellt. Zudem schien das Ziel der Gesetzgebung moderat: 500 000 Franken aus dem ordentlichen Budget sollten in die Kulturförderung fliessen. Neue Anläufe für ein Gesetz haben seither einen schweren Stand.
«Auch ohne Gesetzesgrundlage hat sich unsere Kulturförderung sehr bewährt», schreibt der zuständige Mitte-Regierungsrat Michael Stähli auf Anfrage. Die Mittel aus dem Lotteriefonds wurden in den letzten Jahren regelmässig «angepasst und erhöht».
Doch warum die Förderung nicht aus dem florierenden Staatshaushalt bezahlen? «Dann wäre der Kulturbegriff und das Verständnis der Kulturförderung einem regelmässigen politischen Aushandlungsprozess ausgesetzt», so Stähli. Damit würden nicht mehr der Regierungsrat und die Kulturkommission die Förderschwerpunkte festlegen, sondern der Kantonsrat jährlich darüber debattieren und im Budgetprozess einen Entscheid fällen.
Ein Blick auf die politischen Mehrheitsverhältnisse lässt vermuten: Beiträge für die Kultur dürfte das konservativ geprägte Parlament, in dem 38 von 100 Mitgliedern für die SVP politisieren, nicht gerade freigiebig absegnen. Das kann abschrecken: Die IG Kultur Schwyz spricht von Angst vor einer politischen Debatte über die Kultur. Doch genau die brauche es. «Wir wollen ein offenes Gespräch darüber, was Kultur ist, und aufzeigen, was Kultur leistet», so Bruno Steiner. Er sieht Potenzial darin, auch das bürgerliche Milieu überzeugen zu können. An der Kultur hängen Arbeitsstellen, Angebote machen Gemeinden attraktiver und schaffen Mehrwert. Steiner sagt: «Kulturförderung ist auch Wirtschaftsförderung.»
«Extrem schlank» arbeiten
Einer, der in den vergangenen Jahren öffentlich nach höheren Fördermitteln rief, ist Roger Bürgler, Leiter des Innerschwyzer Festivals Der Herbst. Er wurde erhört: Das Festival zählt ebenfalls zu jenen Institutionen, die der Kanton nun gezielt fördern will.
Auf verschiedenen Bühnen in Brunnen, Gersau, Schwyz und im luzernischen Vitznau finden Konzerte und ein Kabarett-Abend statt. Der dezentrale Anlass sei in der Bevölkerung verankert: Laut Bürgler bestellen etwa 3500 Personen das gedruckte Festivalprogramm zu sich nach Hause. Die Konzerte von 1980er-Jahre-Ikone Kim Wilde oder Saxofonistin Candy Dulfer Mitte Oktober sind bereits ausverkauft.
Die Kulturkommission sprach nun 30 000 Franken zur Unterstützung, was gemäss Bürgler ziemlich genau zehn Prozent der Kosten des Festivals entspricht. Ein «schöner Betrag», der «Planungssicherheit» schaffe. Bislang waren es 12 000 Franken. Bürgler gibt aber zu bedenken, dass der Kanton nur einer von vielen Geldgeber ist. Während die Beiträge aus dem Lotteriefonds steigen, gingen – unabhängig davon – jene von privaten Stiftungen zurück. In den letzten drei Jahren habe es zwar jeweils einen «guten Abschluss» gegeben. Jedoch bedeute dies keine grosse Gewinnausschüttung, sondern bloss, alle Rechnungen bezahlen zu können. Weiterhin werden er und seine drei Mitarbeiterinnen «extrem schlank» arbeiten müssen, um das Festival mit zwischen 3500 und 4500 Besuchenden über die Bühne zu bringen.
Die zwei weiteren Institutionen, die der Kanton Schwyz gezielt fördern will, sind das Theater Arth und das Gaswerk in Seewen. Für die Verantwortlichen der Theatergesellschaft Arth entwickelt sich die Situation in eine positive Richtung, wie sie per E-Mail mitteilen. Sie fanden die Förderpraxis jedoch «bis vor kurzem äusserst unbefriedigend», wünschen sich eine Änderung und bauen in Zukunft auf ein Kulturgesetz. Das Gaswerk schreibt auf Anfrage, die Kulturförderung des Kantons Schwyz habe 2025 weniger als 1,5 Prozent des Jahresumsatzes betragen. «Die Erhöhung der Fördermittel betrifft uns somit nur marginal.» Sowohl das Theater Arth als auch das Gaswerk haben bislang keine Leistungsvereinbarung unterzeichnet.
Nicht kämpfen müssen
Der grösste Kulturverein des Kantons hat längst eine Leistungsvereinbarung: Schwyz Kultur Plus erhält höhere Beiträge aus dem Lotteriefonds als jeder andere Verein. 2025 flossen insgesamt 165 600 Franken. Dafür betreibt der Verein eine Online-Plattform mit einem Kalender für Kulturveranstaltungen und einer Rubrik mit News aus der Szene. Überdies organisiert er selbst Anlässe und vernetzt Kulturschaffende.
Ein Ressort des Vereins, das Aktionskomitee Schwyz Kultur, hatte 2025 eine Kulturinitiative ausgearbeitet, die vom Kanton zusätzliche Unterstützung von Infrastrukturen wie Räumen für Proben, Ausstellungen und Aufführungen forderte. Nachdem die Regierung die Erhöhung der Mittel aus dem Lotteriefonds angekündigt hatte, legte das Aktionskomitee seine Initiative Ende des vergangenen Jahres auf Eis. Es teilte damals mit, die Situation vorerst beobachten zu wollen. Wie Schwyz Kultur Plus auf Anfrage schreibt, sei es derzeit noch zu früh, um die Wirkung der erhöhten Fördermittel zu beurteilen, sie seien aber schon mal «ein wichtiger Schritt für die Kulturszene».
Derweil wollen sich auch Roger Bürgler und André Kälin aus dem politischen Tagesgeschäft lieber raushalten. Beide sind stolz darauf, mit wenigen Mitteln etwas aufgebaut zu haben, das vom Publikum wie auch von den Behörden Anerkennung erfährt. Sie sehen sich als Kulturmenschen, die ihr Herzblut in ihre Projekte stecken und damit auch etwas zur Gesellschaft beitragen wollen.
Die höhere Förderung steigere die Sicherheit der Betriebe. Doch weiterhin fliesse viel Zeit und Energie in die Finanzierung, leben kleine und mittlere Kulturorte von «ausserordentlich hoher Eigenleistung», so Kälin. Sein Wunsch: «Kulturelle Arbeit soll möglich sein ohne das ständige Risiko, dabei auszubrennen.» Die Strukturen dafür müssen im Kanton Schwyz erst noch geschaffen werden.










