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Bild David Harnisch

30.06.26

Ausstellungen zu «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen»: Ein Unrecht, das bis heute nachwirkt

Aktuell thematisieren eine Ausstellung im Museum Luzern und eine in Alberswil die Geschichte staatlich angeordneter Zwangsmassnahmen. Wie gut die Schweiz dieses Unrecht aufgearbeitet hat, wird in den Ausstellungen unterschiedlich dargestellt.

Yves Demuth (Text)

Sie wurden verdingt, weil sie arm waren. Sie landeten im Heim, weil ihre Mutter nicht verheiratet war. Über den Umgang der Schweiz mit Menschen, die nicht der Norm entsprachen, informieren derzeit auf einfühlsame Weise gleich zwei Ausstellungen. Die Ausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen?» wird im Museum Luzern zum ersten Mal in der Deutschschweiz gezeigt. Sie ist im Auftrag des Bundesamtes für Justiz entstanden, um die Geschichte der «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» in der Schweiz bekannter zu machen.

Bis in die 1980er-Jahre haben Behörden Kinder und Jugendliche in Heime gesteckt, auf Bauernhöfen verdingt, zwangssterilisiert oder in Psychiatrien weggesperrt. «Unangepasste» Erwachsene wurden entmündigt oder in staatliche Institutionen eingewiesen, die offiziell Zwangsarbeitsanstalten hiessen. Hunderttausende Menschen waren davon betroffen. Ein Unrecht, das sich oft bis heute auswirkt. Die Eidgenossenschaft zahlt deshalb Betroffenen einen Solidaritätsbeitrag von 25 000 Franken auf Gesuch hin. Die Kantone Schaffhausen und Zürich verdoppeln diesen Betrag aus eigenen Mitteln, was der Regierungsrat des Kantons Luzern Mitte April ablehnte. Er empfiehlt dem Kantonsrat, ein entsprechendes Postulat abzuweisen.

Wer hat profitiert?

Im Museum Luzern nähert sich der erste Teil der Ausstellung dem dunklen Kapitel Schweizer Geschichte mit einem riesigen Karteikasten von über 800 Schubladen. Hundert davon stehen für Biografien von Menschen, die ihre Geschichte mit den Besucher:innen teilen. Die geschlossenen Schubladen stehen für jene Betroffenen, die schweigen oder verstorben sind. Oder für all jene Betroffenen, die durch Suizid aus dem Leben gegangen sind, weil sie es nach körperlichem, psychischem oder sexuellem Missbrauch nicht mehr ausgehalten haben.

Die Luzernerin Theresa Rohr-Steinmann erzählt als eine von zwölf Betroffenen an einer Hörstation von ihrer Fremdplatzierung. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter kam sie in Pflegefamilien und Heime, wo sie Vernachlässigung und Missbrauch erleben musste. In einer Sägerei wurde sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt. Später holten sie die Traumata immer wieder ein. Etwa, als sie 1962 nach dem Suizid ihrer zwanzigjährigen Schwester in eine Krise stürzte. Der Berner Alfred Ryter schildert, wie er als kleiner Verdingbub mangelernährt in der Scheune schlafen musste und wie hart ihn die Suizide seiner beiden Brüder trafen.

Der zu frühe Tod nach staatlich angeordneten Zwangsmassnahmen, von dem so viele Betroffene berichten, wird in der Ausstellung jedoch umschifft. Erst jüngst zeigte eine Studie der Universität Zürich, dass Kinder, die schon im Säuglingsalter in ein Heim mussten, doppelt so häufig vor dem vierzigsten Lebensjahr starben.

Die nationale Wanderausstellung im Museum Luzern will denn auch weniger bestehende Forschungslücken thematisieren, als die offizielle wissenschaftliche Aufarbeitung als das Ende einer langen Auseinandersetzung um die Vergangenheit darstellen. So werden im zweiten Teil der Ausstellung elf Erkenntnisse aus dem nationalen Forschungsprogramm «Fürsorge und Zwang» präsentiert. Diese lassen jedoch wichtige Fragen wie jene nach den Täter:innen oder den Profiteur:innen aus. Die Schweizer Gesellschaft als Ganzes erscheint als Verantwortliche der Taten, wodurch die individuelle Verantwortung verschwimmt. Spielräume und Entscheidungsmöglichkeiten, die «Fürsorgebeamt:innen» oder Fabrikbesitzer:innen hatten, bleiben unsichtbar.

Visuell dominieren in diesem Teil acht Expert:innen den Raum, die die grossen Fragen der Gerechtigkeit oder der Wiedergutmachung auf ebenso grossen Leinwänden kritisch und differenziert diskutieren. Das Publikum darf zwischendurch abstimmen. Etwa, ob der Solidaritätsbeitrag von 25 000 Franken reiche. 81 Prozent von 1026 Besucher:innen drückten den Knopf «Das ist zu wenig».

Die zwölf Betroffenen aus dem ersten Teil der Ausstellung erhalten am Ende der Ausstellung unter dem Titel «Ende gut – alles gut?» das letzte Wort. Eindringlich erzählen sie von drückenden Geldproblemen oder der Notwendigkeit, bis heute Psychopharmaka zu nehmen, um die Traumata der Vergangenheit auszuhalten. Namenlose Stimmen aus dem Off erzählen, dass es für sie weder ein Ende der Erinnerungen noch eine Wiedergutmachung der Taten gebe. Aber ein möglichst gutes Leben mit dem Trauma.

Kritischer Blick in Alberswil

Inhaltlich deutlich kritischer präsentiert sich die mobile Ausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen», die auch in Alberswil im Kanton Luzern Halt macht. «Im Charakter verlogen und verschlagen», steht in Grossbuchstaben an einem der Container. Die Aussage soll exemplarisch zeigen, wie Autoritätspersonen über andere gesprochen und verfügt haben. «Statt Fürsorge erfuhren Betroffene Willkür, Verachtung, Ausbeutung und Gewalt», heisst es am Eingang.

Auch in Alberswil steht die Sicht der Betroffenen im Zentrum. Ihre Biografien können als Hörspiel angehört oder in einer Videosequenz angeschaut werden, in der Schauspieler:innen die Rolle der Täter:innen einnehmen, die als Vater, Lehrer oder Heimleiter über Lebensläufe richten. Es ist die Perspektive der aufmerksamen Aussenstehenden, die hier von den Journalist:innen Esther Banz und Marcel Hänggi in den Ausstellungstexten eingenommen wird. Die Faltblätter an den Wänden tragen Titel, die zum Nachdenken anregen. So wird die juristische Aufarbeitung unter dem Titel «Taten ohne Strafen» erläutert. Die politische Auseinandersetzung wird unter dem Titel «Spät und unvollständig» erklärt. Und die Zwangsarbeit der Kinder, die auf Bauernhöfen verdingt oder in Fabrikheime eingewiesen wurden, fassen die Autor:innen unter dem Titel «Fast wie Sklavinnen und Sklaven» zusammen. Auch wird gezeigt, dass die staatlichen Übergriffe möglich wurden, weil die Mehrheitsgesellschaft oft wegschaute, und die Zwangsmassnahmen werden in den Kontext weiterer fragwürdiger armenpolitischer Gesetze eingebettet, wie den verbotenen Familiennachzug für Saisonarbeiter:innen.

Der «fürsorgerische Zwang» wird unter dem Titel «Sparen und profitieren» zudem auch als «Wirtschaftsfaktor» präsentiert. Gemeint ist, dass die Behörden einerseits häufig das günstigste Heim auswählten, um Kostgeld zu sparen. Und dass andererseits einige Firmen gleichzeitig die «Versorgten» als günstige und wehrlose Arbeitskräfte einsetzten. «Zu denen, die sich am Elend bereicherten, gehörten Bauernfamilien, die Verdingkinder als billigste Arbeitskräfte ausbeuten», steht da etwa. Oder: «Zu den Profiteuren gehörte der Waffenfabrikant und Kunstsammler Emil Bührle.»

Sätze wie diese sind in Luzern – in der Ausstellung der offiziellen Schweiz – höchstens in Anführungszeichen zu lesen oder zu hören. Als Aussagen von Betroffenen.

STAATLICH ANGEORDNETE ZWANGSMASSNAHMEN
Hunderttausende Menschen wurden in der Schweiz Opfer sogenannter «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen». Diese endeten offiziell 1981 mit einer gesetzlichen Regelung. Die Journalistin Esther Banz weist in einem Interview mit SRF allerdings darauf hin, dass die «Denkweisen und Haltungen», die hinter staatlich angeordneten Zwangsmassnahmen standen, auch nach 1981 weiter wirkten. In welchem Ausmass es auch nach 1981 zu Zwangsmassnahmen kam, sei bis heute kaum erforscht. 2017 hat die Eidgenossenschaft gesetzlich anerkannt, «dass den Opfern Unrecht zugefügt worden ist, das sich auf ihr ganzes Leben ausgewirkt hat». Dafür zahlt der Bund den Opfern auf Antrag 25 000 Franken.

Die Ausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen? Geschichte(n) von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz» ist bis am 23. Oktober im Museum Luzern zu sehen. Die Ausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen» macht vom 11. Juli bis am 4. August in Alberswil Halt.

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Ausstellungsansicht
«Statt Fürsorge erfuhren Betroffene Willkür, Verachtung, Ausbeutung und Gewalt.» Eine mobile Ausstellung, die aktuell in Alberswil im Kanton Luzern Halt macht, findet klare Worte für staatlich angeordnete Zwangsmassnahmen.
Ausstellungsansicht, fotografiert von Emanuel Ammon
Ein Unrecht, das sich oft bis heute auswirkt. Ansicht der Ausstellung im Museum Luzern.

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Yves Demuth

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