
14.01.26
Film
ein bisschen Freiheit
Im Kurzfilm «Bleifrei 95» beleben die Regisseur:innen Emma Hütt und Tina Muffler Transitorte an der Autobahn mit queerem Begehren – und schaffen damit ganz normales lesbisches Kino.
Jessica Jurassica (Text)
Roadmovies und Coming-of-Age-Storys sind in der Regel von der Reise und der Vorwärtsbewegung geprägt; die Autobahn ein Versprechen von Zukunft und Abenteuer in der Ferne. Doch Geschichten sind auch da, wo Jack Kerouac nur kurz Halt macht. Lolly fährt nicht auf der Autobahn in die Ferne, stattdessen steht sie neben ihr und schreit die vorbeiziehenden Autos an. Zuvor hatte sie mit Karo, der Mutter ihrer besten Freundin, Sex in einem Auto in der Waschstrasse und danach Streit im McDonald’s-Drive-Through. Karos Tochter Aino heiratet bald Miriam und feiert Junggesellinnenabschied in der Autohof-Kneipe. Und Toni arbeitet im Tankstellenshop, wo sie anonymen Sex mit Frauen und insgeheim Angst hat, ihre beiden besten Freundinnen an die Ehe oder das Versprechen der Ferne zu verlieren. Ganz normales lesbisches Kino also.
Postpubertäre Leichtigkeit
Lesbische Räume sind im Kurzfilm «Bleifrei 95» Normalität: Die Autobahnraststätte ist Schauplatz von lesbischem Cruising, lesbische Bikergangs machen sich auf Parkplätzen breit, gleich neben dem La Gata, einer Bar, in der sich Frauen unterschiedlichen Alters treffen. Queerness hat schon immer auch auf solchen gesellschaftlichen Nebenschauplätzen geblüht, besonders Butchness ist historisch eng mit der Arbeiterklasse verbunden und somit im Autohof alles andere als fehl am Platz. Die drei Protagonist:innen driften mit einer postpubertären Leichtigkeit durch diese Räume, in der ihnen kein Drama wirklich was anhaben kann. Und wenn es dann doch aufkommt, löst es sich bald wieder auf mit einem Moment des Schweigens, aufgeweicht vom unablässigen Rauschen der Autobahn.
Nach dem Streit mit Karo verlässt Lolly die Sicherheit dieser queeren Räume für ein paar Stunden und steigt mit drei Männern in ein Auto, das direkt zum Instrument der Machtausübung wird. Lolly wird zum Drogenkonsum überredet, weiss nicht, wohin die Männer fahren, und findet sich in einer bedrohlichen Situation wieder, in der ihr Le-
ben von Personen mit eingeschränkter Fahrtüchtigkeit und risikofreudigem Verhalten abhängt. Aber sobald Lolly nicht mehr mit den Männern im Auto sitzt, ist die Welt wie-
der lesbischer Safe Space. Im La Gata, wo getrunken, gefeiert und gestritten wird, ist das Drama unbedrohlich und leicht. Und als die berauschten Männer von davor in die Bar stolpern, werden sie kurzerhand von einer intergenerationalen Gruppe Lesben rausgeprügelt.
Hommage an queere Räume
«Bleifrei 95» der Regisseur:innen Emma Hütt und Tina Muffler ist eine Hommage an Räume wie das La Gata, das sich eigentlich in Frankfurt befindet und die älteste Lesbenbar der Welt ist, für den Film jedoch als Schauplatz irgendwo in einen austauschbaren Durchfahrtsort versetzt wird. Dorthin, wo sich viele Provinzqueers nach lesbischen Räumen sehnen, in Pratteln, Würenlos, Gunzgen, Affoltern, Oberbipp, Rothenburg oder sonst wo, wo Autobahnen Landschaften zerschneiden, wo es nach Benzin und Freiheit riecht, nach Drama und queerem Begehren.






