
02.03.26
Halbieren meint zerstören
Noch bevor die SRG hundert wird, soll sie kaputtgespart werden. Ein Blick zurück.
Aurel Jörg (Text) und Luca Mondgenast (Illustration)
Bereits Ende der 1920er-Jahre gab es in der Schweiz sieben regionale Radiogesellschaften mit einer Konzession des Bundes in allen Landesteilen ausser der Zentralschweiz. Deren Hörer:innen sassen vor allem in Zürich, Basel, Bern, Genf und Lausanne – ausserhalb der Zentren hörte fast niemand Radio. Bis auf die Zürcher Regionalgesellschaft kämpften lokale Stationen zunehmend mit Finanzierungsproblemen. Die kleineren forderten vom Bund einen regionalen Finanzausgleich, der indes wegen des Kantönligeistes keine Mehrheit fand. Erst 1931 schlossen sich die verschiedenen Lokalsender aus Angst, an Einfluss zu verlieren, zur Schweizerischen Rundspruchgesellschaft zusammen. Der Grundstein der SRG war gelegt, die Vereinheitlichung der Programme und der Sendetechnik ging jedoch schleppend voran. Die damalige SRG war weit davon entfernt, so etwas wie eine schweizweite Öffentlichkeit herzustellen.
im dienst der Landesverteidigung
Als 1939 Nazi-Deutschland Polen überfiel, ging es zackig: Die Kontrolle über die SRG wurde der Armee, später dem Departement des Innern übergeben. Der Krieg fand auch im Informationsraum statt. Fortan mussten Manuskripte einer Zensurbehörde vorgelegt werden. Die Zeit der geistigen Landesverteidigung begann. Der Jahresbericht der SRG für das Geschäftsjahr 1940/41 war unmissverständlich: «Entscheidend ist, dass erst durch das Radio die Möglichkeit geschaffen wurde, das gesamte Volk von einem einzigen Punkt aus zu einer riesigen Landsgemeinde zusammenzuschliessen. Es muss daher die Pflicht des Schweizerischen Rundspruchs sein, diese Gabe in jedem Augenblick zum Wohl des Vaterlandes zu nützen.» Erst die geistige Landesverteidigung verschaffte der SRG eine öffentliche Anerkennung und demonstrierte jene Effizienz und Durchschlagskraft, die das Radio aufgrund seiner grossen Reichweite entfalten konnte.
Es wäre aber zu kurz gegriffen, die Zeit des Zweiten Weltkrieges nur vor dem Hintergrund der geistigen Landesverteidigung zu sehen. Schnell realisierten die Radiomacher:innen, dass sie mit den immer gleichen, drögen Botschaften der Vaterlandsliebe beim Publikum vor allem zwei Reaktionen hervorriefen: Langeweile und Überdruss.
Auf das schwindende Interesse des Publikums reagierten die Verantwortlichen mit einem Kurswechsel: mehr Aktualität, mehr Zuverlässigkeit, mehr Unterhaltung. Der Landessender Beromünster etwa strahlte die Sendung «10 Minuten Mitteilungen» aus. Sie bestand darin, dass ein:e Sprecher:in während zehn Minuten Agenturdepeschen vorlas. Die Meldungen wirkten wie nüchterne Unfallberichte und boten eine willkommene Abwechslung zur emotionalisierten Berichterstattung der Presse.
Gleichzeitig reagierte die Radioleitung auf den Wunsch nach leichter Unterhaltung: Fortan erklang in den Schweizer Stuben nebst Mozart und Schubert auch mal «erbauende Unterhaltungsmusik». Die Zahl der Hörer:innen stieg an, aber der Ausbau der beiden Sparten hatte seinen Preis. Und erstmals wollten auch die grossen Schallplattenfirmen ihr Stück vom Kuchen. In rund sechs Jahren explodierten die Kosten für Urheber:innenrechte von jährlich 75 000 auf 237 000 Franken im Frühling 1942.
Kriegsgewinnlerin
Der Kostendruck stieg – nicht nur wegen Technik, Personal und Urheber:innenrechten, sondern auch wegen der regionalen Radioorchester. Der Zentralvorstand der SRG beschloss deshalb im Sommer 1944, die Orchester zu verkleinern und die Unterhaltungsmusik weiter auszubauen. Das Ziel war klar: Geld sparen und noch mehr Publikum erreichen. Die Interventionen reichten bis in den Bundesrat und ins Parlament – schlussendlich fanden die Beteiligten eine gütliche Lösung.
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz ein «Waffenstillstand im Radiokrieg» – so nahmen die Zeitgenoss:innen die Einigung im Streit um die Orchester wahr – die Planskizze für einen Ausbau der SRG legte. Politikerinnen, Hörer, Radiomacherinnen und Musiker waren sich einig: Das Radio sollte mehr Freiheit gegenüber dem Staat erhalten und Fachpersonen, nicht Beamte, die SRG leiten. Vor allem aber sollten auch die Hörer:innen mitreden dürfen und das Radio zu einem demokratischeren und pluralistischeren Ort werden lassen. Die Schweizer:innen bauten die SRG aus, nicht ab. 1945 ging erstmals das «Echo der Zeit» auf Sendung. Es entstand ein Netz aus Korrespondent:innen im Ausland und in den Regionen.
Abbau in den Regionen
Die SRG wurde zu dem, was sie heute ist: einem öffentlichen Service, der eine schweizweite Öffentlichkeit herstellt und zugleich regionale Themen abdeckt. Kein privates Medienunternehmen leistet dies – und wird dies je leisten können. Besonders die regionale Berichterstattung ist durch die Halbierungsinitiative akut bedroht.
In der Zentralschweiz sieht etwa die Luzerner Kantonsregierung das Regionalstudio Luzern gefährdet. In einer Mitteilung warnt sie, eine massive Reduktion der SRG-Gelder gefährde die dezentrale Struktur mit sieben Haupt- und siebzehn Regionalstudios: «Durch eine Zentralisierung wäre insbesondere die breite regionale Berichterstattung in der Zentralschweiz nicht mehr leistbar.» Die Befürworter:innen der Halbierungsinitiative bestreiten dies selbstredend. Die Initiative ist perfide konstruiert: Sie tangiert den gesetzlichen Leistungsauftrag der SRG nicht. Aber die Einnahmen werden um rund die Hälfte gekürzt. Noch ist weitgehend unklar, was bei einer Annahme abgebaut werden soll. Klar ist, dass die bereits beschlossenen Sparbemühungen der SRG – bis 2029 sind es 270 Millionen Franken, was rund 17 Prozent des Budgets entspricht – mit Annahme der Initiative noch einmal drastisch erhöht werden müssten.
Es droht ein zweiter «Radiokrieg», der unterschiedliche Einzelinteressen gegeneinander ausspielt: Welches Regionalstudio wird geschlossen? Wird das Angebot im Tessin reduziert? Fallen Untertitel für Personen mit einer Hörbehinderung weg? Eine Institution, die über Jahrzehnte gewachsen ist und unterschiedliche Interessen austariert hat, stünde über Nacht vor einem Scherbenhaufen.
Es wäre naheliegend, dann die Unterhaltung weiter auszudünnen und das Feld privaten Medien zu überlassen. Verkommt die SRG aber zu einer reinen Informationsanbieterin, bedient sie nur noch eine Nische und verliert an gesellschaftlicher Relevanz. Die gemeinsame und über alle Sprachregionen hinweg geteilte Öffentlichkeit würde langsam schwinden.
Dabei zeigt die Geschichte der SRG eines deutlich: Erst der Ausbau – die Verbindung von Information und Unterhaltung – machte die SRG zu einem breitenwirksamen Publikumsmedium. Und damit zu einem entscheidenden Faktor für eine funktionierende Öffentlichkeit – ohne die keine Demokratie sein kann.

