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Baustelle / Rückblick 1988 - 2021

Editorial

Nichts für Nostalgiker:innen

Liebe Leser:innen
Dies ist unsere erste Ausgabe und wir deklarieren sie als Baustelle. Da wir vor der Herausforderung standen, innerhalb weniger Tage eine Sommerausgabe aus dem Boden zu stampfen, haben wir aus der Not eine Tugend und die Baustelle gleich zum Thema gemacht. Bevor wir in der Septemberausgabe neu loslegen, mit neuen Autor:innen, neuen Gefässen und frischer Farbe, wollten wir zurückschauen und fragen: Welchen Boden betreten wir eigentlich? Welche Grundrisse wurden in den letzten gut dreissig Jahren fürs Magazin gelegt? Wo wollen wir aufbauen, abreissen, Neues hinstellen? Zu diesem Zweck haben wir im Archiv gewühlt, mit ehemaligen Autor:innen, Redaktor:innen und IG-ler:innen gesprochen. Wir haben gefragt: Welche kulturpolitischen Themen hat das Magazin beschäftigt, welche schillernden Figuren haben sich in den Neunzigern
in der Szene herumgetrieben und wie haben vergessene Kulturorte das Stadtleben geprägt?

Pirmin Bossart erinnert an den Musikjournalisten Charly Schum und Beat Bieri zeigt am Beispiel von Thomas Hösli, inwiefern das überschaubar-gemütliche Luzern auch einen Kosmos der Selbstgenügsamkeit schafft. Von Catherine Huth, ehemalige IG-Geschäftsleiterin, und Michael Gasser, ehemaliger Chefredaktor, wollten wir wissen, ob etwas dran ist am urban myth von IG Apéro und wie es um die Unabhängigkeit des Magazins tatsächlich bestellt war und ist. Stoph Ruckli und Mario Stübi haben eine szenige Liste erstellt mit verloren gegangenen und vergessenen Kulturorten.

Wer aufmerksam liest, hat es bereits gemerkt: Die Frauennamen sind auch in diesem Heft untervertreten. Martina Kammermann, ehemalige Chefredaktorin, widmet sich in «Männerriegen und Voralpen» dieser Tatsache der Unterrepräsentanz von Frauen in der 041-Redaktion, wenn auch die Kurve nach oben zeigt. Wir sind also in der Pflicht, diese Kurve im Hinterkopf zu behalten. Wir stimmen ebenso der Aussage zu, dass es nicht damit getan ist, da und dort Frauen als Autor:innen zu gewinnen. Inhalte und eine kritische offene Haltung sind wichtiger denn je.

Das Heft ist nichts für Nostalgiker:innen. Bei genauem Hinsehen war früher nicht alles besser, sondern einfach anders. Und – je nach Perspektive – zum Erfreuen oder zum Erschrecken, sind viele kulturpolitische Themen, verpasste Züge, Gefälligkeiten und Abhängigkeiten aktueller denn je. Oder wie es der ehemalige Chefredaktor Jonas Wydler in seinem persönlichen Rückblick formuliert: «Namen gehen, Themen bleiben.» Wir bleiben dran. We do it for you.

Anja Nora Schulthess und Robyn Muffler
Co-Chefredaktion


KEINE FEIGHEIT VOR DEM FREUND
Ein Gespräch mit Matthias Burki und Christoph Fellmann

VON MÄNNERRIEGEN UND VORALPEN
Ein Blick zwischen die Beine des Kulturmagazins

EIN ROTES TUCH FÜR LUZERN
Über eine vereitelte permanente Installation von Roman Signer im Luzerner Kunstmuseum