Wellness in Luzern um 1900: Das Spreuerbad

Ein historischer Ausflug in die Badegeschichte der Stadt Luzern und vom Ende des «Mississippidampfers».

Text: Richard Sollberger und Valentin Groebner
Plakat: Werbung für die Bade- und Waschanstalt bei der Spreuerbrücke. Lithographie der Gebr. Eglin. SALU, F5/0365
Fotografien: Historische Aufnahmen aus dem Stadtarchiv SALU, F2a/Anlagen/36

Was ist Wellness im Alltag? Nach einem Arbeitstag nach Hause kommen und ab unter die heisse Dusche oder, noch besser, in die dampfende Badewanne. Aber die Selbstverständlichkeit von heute ist der Luxus von gestern.

Vor etwas mehr als einem Jahrhundert verfügte nicht einmal ein Viertel aller Wohnungen in Luzern über eine eigene Badeeinrichtung, wie die Wohnungszählung 1910 festhielt. So häufig die vermeintlich idyllischen guten alten Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg beschworen werden, von der Körperhygiene unserer Grosseltern ist dabei meistens nicht die Rede. Die Kellner und Zimmermädchen in den zahlreichen Hotels schliefen in engen Massenunterkünften ohne Duschen. Die Soldaten der Kaserne direkt an der Reuss, die namensgebend für den Kasernenplatz war, mussten sich bis nach dem Ersten Weltkrieg in einem umgebauten Stall mit kaltem Wasser aus Eimern waschen. Deodorants waren noch nicht erfunden, fliessendes heisses Wasser war ein Privileg der Wohlhabendsten. Wie unsere Vorfahren in der guten alten Zeit gerochen haben, wollen wir deshalb lieber nicht so genau wissen.

Warum also nicht Badewannen vermieten? Der Ingenieur Johann Baptist Felder-Clément und sein Geschäftspartner Christoph Gilli waren schon 1866 auf die Idee gekommen, eine öffentliche Bade- und Waschanstalt zu bauen – mitten in der Reuss, mit Anschluss an die Spreuerbrücke. Ihr Schiff der Reinheit wurde zu Beginn der 1870er Jahre eröffnet. In Anlehnung an seine nordamerikanischen Namensvetter nannte der Luzerner Volksmund den langgezogenen Kastenbau mit dem markanten Kamin «Mississippidampfer» – oder war vielleicht auch eine Anspielung auf die Wildnis dabei? Denn das Spreuerbad lag am ärmsten und schmutzigsten Ende der Stadt, nur ein paar Schritte vom ehemaligen Armenspital, von Schlachthof, Kaserne und Gefängnis entfernt.

 

Sol- oder Kiefernbad; oder heute lieber nur duschen?
Aber es bot Wellness für alle: Sein Angebot reichte von einfachen Duschen bis hin zu Bädern aller Art und Temperatur – Schwefel-, Meersalz- und Solbäder, Kiefernadel- und Kleienbäder, Eisen- und parfümierte Seifenbäder, aber auch Schwitzbäder. Wem dies noch nicht genug war, der konnte das Wellness-Erlebnis mit einem Kaffee und der aktuellen Zeitungsausgabe im hauseigenen Café ausklingen lassen.

Wer sich wann in eine Badewanne des Spreuerbades legen durfte, war allerdings strikten Regeln unterworfen: Die Bäder standen von Dienstag bis Freitag von 14 bis 19 Uhr und samstags von 14 bis 20 Uhr der zahlenden Kundschaft zur Verfügung, strikt nach Geschlechtern getrennt: Für die Männer waren jeweils zwei Wannenbäder und alle Brausebäder in Betrieb; für Frauen standen je nach Tag zwei oder vier Wannenbäder bereit.

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Die Kundschaft löste am Eingang eine Badekarte. Auf ihr waren der Preis der Dienstleistung und das Datum aufgedruckt – 1932 kostete ein Wannenbad 1 Franken 40; Handtücher und Seife kosteten je 10 Rappen extra. Zum Vergleich: Für 50 Rappen konnte man sich im selben Jahr einen Film im Kino Capitol ansehen. Nur hatte man für den mehr Zeit, denn die maximale Nutzungsdauer für Brausebäder war auf 25 Minuten festgelegt, für Wannenbäder 40 Minuten – die Zeit fürs Aus- und Ankleiden inbegriffen. Nichtbeachten der Zeitbegrenzung führte zu einer Verdoppelung des Badepreises.

Das Reglement der Badeanstalt war ohnehin strikt. Jegliche Unterhaltungen mit dem Anstaltspersonal, ermahnte es die Kund:innen, seien zu unterlassen. Wer was jeweils unter Wellness versteht, ist eben historischen Wandlungen unterworfen.

 

Der Traum neuer Dimensionen für Wellness
Die Nachfrage nach den Badewannen über der Reuss war aber so gross, dass der Besitzer und Betreiber Johann Baptist Felder-Clément 1910 ein Gesuch für den Ausbau seiner Bade- und Waschanstalt einreichte. Sein Etablissement, schrieb er der Luzerner Baudirektion, sei zu gewissen Tageszeiten längst zu klein und biete nicht mehr genügend Kapazitäten. Der geplante Neubau des Spreuerbades sollte auf dem Fundament der bestehenden Anlage realisiert werden, weil der Ort günstig gelegen sei und Wasser in bester Qualität böte. Felder-Clément betonte in seinem Antrag die «ideale Ausnützung des Raumes», verbunden mit einer «natürlichen Ventilation inmitten der Stadt». Sein projektierter Umbau bot Wellness in neuen Dimensionen: Geplant waren ein Hallenschwimmbad, licht- und elektrotherapeutische Bäder, ein Dampfbad, ein Luft- und Sonnenbad, 15 Brause- und sieben Wannenbäder auf zwei Stockwerken.

 

1932 kostete ein Wannenbad 1 Franken 40; Handtücher und Seife kosteten je 10 Rappen extra. Zum Vergleich: Für 50 Rappen konnte man sich im selben Jahr einen Film im Kino Capitol ansehen.

 

Das neue Bad sollte sich nicht mehr nur an den Bedürfnissen der arbeitenden städtischen Bevölkerung orientieren, sondern erstmals auch an Tourist:innen richten. Denn die kamen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in immer grösseren Zahlen an den Vierwaldstättersee, wenn auch mit immer bescheideneren Budgets. Die Jahrzehnte, in denen Luzern das bevorzugte Sommerdomizil des europäischen Hoch- und Geldadels war, waren vorbei; die Luzerner Hoteliers beklagten Überkapazitäten und knausrige Besucher:innen und suchten neue Attraktionen vor Ort.

Nur fehlte Felder-Clément das Geld. Er schlug der Stadt die Gründung einer Aktiengesellschaft mit öffentlicher Beteiligung vor, um den Neubau zu finanzieren. Der Stadtrat beurteilte sein Projekt positiv und versprach Unterstützung. Arbeiter:innen und Schüler:innen sollten durch die Behörden zum Besuch der neuen Badeanstalt an der Spreuerbrücke ermuntert werden; in finanzieller Hinsicht erwog der Stadtrat die Übernahme von Aktienanteilen oder die Bereitstellung von Strom und Brennmaterialien als jährliche Subvention.

Zu Fall gebracht wurde das Projekt schliesslich von ganz anderer Seite. Der Wasserstand des Vierwaldstättersees und die Steuerung des Seeabflusses durch die Reuss in Luzern waren seit jeher ein Politikum, das langwierige Verhandlungen und die Einwilligung der anderen Seekantone erforderte. Die eigens dafür geschaffene Seeregelungskonferenz verhandelte im Jahr 1912 auch über das Anliegen einer neuen Badeanstalt. Das Resultat war für Felder-Clément vernichtend – seine ursprüngliche Idee könne wegen der Abflussbestimmungen nicht realisiert werden, teilte ihm der Stadtrat mit. Der Rest der offiziellen Begründung klingt auch im 21. Jahrhundert vertraut: Städtischer Geldmangel und Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Projekts.

 

Der «Mississippidampfer» hat ausgedient
Zwei Jahre später war die goldene Zeit des Fremdenverkehrsorts Luzern ohnehin zu Ende. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliessen die ausländischen Besucher:innen die Fremdenverkehrsmetropole am Vierwaldstättersee fluchtartig. Die allermeisten von ihnen kehrten nie mehr zurück. Die grossen Luxushotels in den schicken Stadtteilen am Seeufer, die in den Jahren um 1900 mit eleganten Badezimmern ausgerüstet worden waren, arbeiteten mit Verlust und standen jahrzehntelang teilweise leer, wenn sie nicht zur Unterbringung von Internierten und Geflüchteten zwischengenutzt wurden. Die meisten von ihnen baute man zu Wohnungen um, wenn sie nicht abgerissen wurden wie 1948 das Hotel du Lac mit seiner berühmten Jugendstilkuppel und seinen «luxuriösen Badezimmern mit fliessendem warmem Wasser», für die der Hotelprospekt noch in den 1920er Jahren ausdrücklich geworben hatte.

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Das Spreuerbad aber bestand weiter, denn die sanitären Verhältnisse im Bruchquartier und rund um den Kasernenplatz blieben ärmlich und beengt. Die Nachfrage nach heissen Duschen und Badewannen war deswegen unverändert. Noch 1962 pries ein Werbespot das Spreuerbad als ein Stück bezahlbare Wellness im Alltag für die eleganten urbanen Konsument:innen. Diese durften dabei noch vergnügt rauchen – auch das ein Stück verschwundener Alltagsgeschichte.

Endgültig abgerissen wurde der «Mississippidampfer» dann 1971. Oder hat sich die Heimat der dampfenden Badewannen in ein Gespensterschiff verwandelt, das immer wieder aus der Vergangenheit zurückkehrt?

2003 ging beim Stadtparlament ein Vorstoss zu einem neuen Flussbad an der Spreuerbrücke ein, aber die Luzerner Behörden lehnten die Idee ab. Eine Projektskizze des Luzerner Architekturbüros arch-idee von 2017 zeigt einen langgezogenen, lichtdurchfluteten zweistöckigen Bau inmitten der Reuss. Dem 1912 abgelehnten Erweiterungsbau von Felder-Clément sieht diese Vision erstaunlich ähnlich. Nur werden in einem Luzerner Wellness-Tempel der Zukunft Seife und Handtücher vermutlich im Eintrittspreis inbegriffen sein.


«Seelust. Badefreuden in Luzern»
Heinz Horat
Sachbuch, Hier und Jetzt, Baden, 2008
164 Seiten, CHF 38.00


Dieser Beitrag erschien in 041 – Das Kulturmagazin im Januar 01/2021.

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