WELCOME TO PARADISE

Kunstmuseum Luzern, 6.7.2018:  Entführung auf eine farbenprächtige Insel durch die Ausstellung des Schweizer Künstlers Claude Sandoz (*1946), angereichert mit künstlerischen Gegenpositionen zur Insel- und Reisethematik... Kuratiert wurde «Ab auf die Insel!» von Fanni Fetzer. Die gezeigte Fülle ist aber nur ein Bruchteil der Arbeiten des Künstlers, die seit 1997 auf der Karibikinsel St. Lucia entstanden sind.

Fotos: Marc Latzel
Titelbild: Claude Sandoz, «Out of a Paradise, Three Happy Fisherman at Easter I, St. Lucia», 2000, Aquarell und Guache auf Papier

«Ab auf die Insel!» – der Titel könnte aus einer der allgegenwärtigen Ferien-Werbungen sein, die Passant*innen mit günstigen Pauschalreisen locken wollen. Vergleichbar leicht und komfortabel erreichbar ist die neue Ausstellung im Kunstmuseum Luzern mit verschiedenen Künstler*innen, die sich mit dem Fremden, der Reiselust und Inselromantik auseinandergesetzt haben. Der Ortswechsel als Strategie für neue Energie und Inspiration wird und wurde von vielen Künstler*innen angewandt. Ein berühmtes Beispiel ist Paul Gauguin (1848-1903), der sich Ende des 19. Jahrhunderts auf der Insel Tahiti niederliess.

Den Auftakt bilden in der Ausstellung Malereien, die auf den ersten Blick an den Postimpressionisten erinnern. Sie sind aber vom deutschen Künstler Max Pechstein (1881-1955), der auf einer Südseeinsel nach der Ursprünglichkeit suchte. Die Skizzen und Notizen, die auf Palau entstanden sind, dienten ihm als Inspiration für seine Malereien, die durch ihre starken Konturierungen mit Holzschnitten in Verbindung gebracht werden können.

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Max Pechstein, «Frauen mit buntem Teppich», 1920, Öl auf Leinwand
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Rinus Van de Velde baut auch fiktive Flugzeuge

Grobe Formensprache, grelle Farben

Ihnen folgen imposante fotorealistische Kohlezeichnungen mit Textlegenden, die von den Abenteuern einer fiktiven Freundschaft zwischen dem belgischen Künstler Rinus Van de Velde (*1883) und Alexander von Humboldt erzählen. Die kontrastreichen und grossformatigen, schwarz-weissen Zeichnungen erzeugen eine Tropensturm-Stimmung, die von einer grossen Palme und den Sitzreihen eines Flugzeugs aus Karton unterstützt wird. Einen Raum weiter tauchen die Betrachter*innen in die schillernde, bunte Welt von Claude Sandoz’ Insel St. Lucia ein. Seit 1997 verbringt der Schweizer Künstler dort immer wieder Zeit, um in seinem grossen Atelier zu arbeiten. Die raumfüllende Installation «Dancing Flowers» stellt die ganz in Schwarz, Weiss und Smaragdgrün gehaltene Strandbar dar, die zum Verweilen und Schauen einlädt. Sie grenzt sich durch ornamentale Gitterelemente ab, die den Blick nach Aussen oder eben nach Innen nicht versperren; diese Gitter kehren repetitiv in weiteren Arbeiten des Künstlers wieder, beispielsweise in seinen grossformatigen Malereien. Die grobe Formensprache und grellen Farben wirken bewegt und emotional.

Bei genauerem Betrachten sieht man, dass diese aus einzelnen Blättern nachträglich zusammengefügt worden sind; aus praktischen Gründen, denn Sandoz nimmt alle seine Arbeiten mit dem Koffer zurück in die Schweiz. Deswegen malt er auch oft in Büchern oder auf Seidentücher, die sich leichter transportieren lassen. In der Ausstellung können verschiedenste Materialien und Medien, wie Malereien, Skulpturen, Sand, bemaltes Strandgut, Seide, Collagen und Installationen bestaunt werden.

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Inselfeeling im Kunstmuseum: Cocktailbar und Sommersound à la Sandoz
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Anna Kanais Druckgrafiken auf Schöpfpapier, 2015 und «Piracanga Chair», 2015, Holz

Die drei Künstlerinnen Lena Henke (*1982), Anna Kanai (*1971) und Marie Karlberg (*1985) bespielen einen Raum mit Werken, die im Rahmen der Künstlerresidenz TwoHOTEL in Brasilien entstanden sind. Sie bieten verschiedene Perspektiven auf das Inselleben, wie die störende Lautstärke der Wellen und Einsamkeit oder Sandburgen-Vergnügen und Zeit für Makramee-Knüpfarbeiten. Auf klischierte Hawaii-Werbung aus den 50er Jahren nimmt Christine Streuli (*1975) Bezug, indem sie die Postkartenromantik in Lackbilder umsetzt. Diese jungen Positionen sind reduzierter und lassen den einzelnen Materialien mehr Raum, als die Fülle und Dichte der Arbeiten von Sandoz, die an die Vielfalt eines tropischen Dschungels denken lassen.

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Sandoz im Kleinformat

Moskitos stechen alle

In einem Raum hängen unzählige Malereien, Drucke, Zeichnungen und Collagen auf gängigem A4-Format und geben den Betrachter*innen die Möglichkeit, immer wieder innezuhalten und neue Formen und Motive der Insel zu entdecken. Sie sind wild, bunt und sprühen vor Lust am Gestalten und vor Lebensfreude. Eben diese hätten die Inselbewohner*innen trotz sozialer Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Drogen laut Sandoz nicht verloren. Dass eine wechselhafte Politik und soziale Missstände existieren, ist ihm durchaus klar, aber er überlässt diese Probleme Anderen und klammert sie bewusst aus.

Dies könnte als Leichtfertigkeit bezeichnet werden, hat im bunten Inselkontext aber auch Berechtigung. Anders sieht es aus, wenn eine Thematik das persönliche Leben des Kunstschaffenden betrifft; aufgefallen sind die Titel der Malereien aus Sandoz’ frühen Jahren auf der Insel, die Tagesabläufe und Selbstportraits zeigen: «Me as a Black Men». Das offensichtliche Fremd-Sein auf der Insel setzte dem Künstler anfangs zu; viele Einheimische wollten erst nur sein Geld und waren kaum an seiner Person als offensichtlich weisser, gut betuchter Mann interessiert. Sandoz konnte mit der Zeit Kontakte und Freundschaften knüpfen und hat versucht, in die Kultur dieser Menschen einzutauchen, um sie zu verstehen. Und die Moskitos würden jeden stechen, erklärt der Künstler. Sie würden nicht zwischen schwarz oder weiss unterscheiden und ohne Mückennetz kann niemand auf der Insel ungestört schlafen.

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Claude Sandoz, «Me as a Black Man», aus der Serie Memories from St. Lucia, A Caribbean, 2000, Wasserfarbe auf Arches-Ingrespapier

Fantasy-Ferien

Den ökologischen, ökonomischen und kulturellen Problemen des Reisens weicht der Schweizer Künstler Samuel Herzog (*1966) geschickt aus, indem er die fiktive Insel «Lemusa» als touristischer Vertreter in der Schweiz repräsentiert. Im lemusischen Museum, aufgemacht als Strandhütte, gewährt er Einblicke in die wirtschaftliche und politische Lage der Insel und deren Kulinarik. Herzog versucht, sich in der seit zwei Jahren herrschenden Diktatur auf der Insel zurechtzufinden und erläutert dazu wortgewandt die Inselgeschichte. Wer keine Zeit und Geld für eine Reise auf eine Südsee- oder Karibikinsel hat, kann sich für die Dauer der Ausstellung im Kunstmuseum jeden Mittwochabend um 18 Uhr je nach Wetterlage vom Künstler mit (Eis-)Tee und literarischen Leckerbissen aus «Lemusa» verwöhnen lassen.

Schön und abwechslungsreich ist die Leichtigkeit, die trotz des einnehmenden Überflusses der Arbeiten von Sandoz beibehalten wird. Als Besucher*in können die lustvollen Kunstwerke auch ohne grosses Vorwissen erfahren werden und man verlässt die Ausstellung inspiriert und motiviert, als wäre man gerade in den Ferien gewesen.

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Samuel Herzogs «Karte von Lemusa», seiner erfundenen Trauminsel. Website von Lemusa: www.hoio.org

Die Ausstellung läuft vom 7.7.2018 bis am 28.10.2018.
Öffnungszeiten Kunstmuseum:
Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr
Mittwoch 11-20 Uhr
Montag geschlossen

MI 11.7.2018, 18 Uhr: Tea-Time-Tales, Samuel Herzog offeriert Tee aus Lemusa und erzählt fantastische und kulinarische Geschichten von der Insel.