Von Zäuerli, Rugguseli und Jüüzli

«Jodeln boomt», sagt Simone Felber, klassisch ausgebildete Sängerin und eine der Speerspitzen der jungen Schweizer Volksmusikszene. Was es mit dem alpenländischen Naturgesang auf sich hat und was er ihr bedeutet, erzählt die Luzernerin im Interview.

Stoph Ruckli: Simone Felber, wie würdest du «Jodeln» in deinen eigenen Worten umschreiben?
Simone Felber: Jodeln gehört zu den sogenannten Naturgesängen und ist eigentlich nichts anderes als das offensichtliche Wechseln zwischen Kopf- und Bruststimmregister. Vor allem der archaische Klang der Bruststimme ist sehr charakteristisch. Für mich persönlich bedeutet das Jodeln zudem je länger, je mehr das Finden des eigenen «Urklangs». 

Und wo ist der Naturjodel einzuordnen?
Naturjodel ist «Jodel ohne Worte». Wir unterscheiden in der Schweiz zwischen Jodellied und Naturjodel. Das Jodellied ist ein Strophenlied mit einem gejodelten Refrain, von Solo bis Chorversion. Der Naturjodel hingegen tritt in regional unterschiedlichen Formen wie dem «Zäuerli», «Rugguseli» oder «Jüüzli» auf. Er wird auf Silben gesungen, bedient sich je nach Region der Naturtonreihe und kann beim Singen auch spontan variieren.

Apropos Region: Je nach Ort gibt es verschiedene Jodeltraditionen, beispielsweise im Toggenburg, im Bernischen, im Appenzell und in der Zentralschweiz. Was unterscheidet diese? 
Wie vorhin angetönt, gibt es bei der Art des Naturjodels verschiedene Begriffe, die den jeweiligen Regionen zugeordnet werden können. So haben wir beispielsweise Appenzell Ausserrhoden mit dem «Zäuerli», in Appenzell Innerrhoden gibts das «Rugguseli» und im Toggenburg wird «gjoohlet». Bei uns kennen wir im Kanton Schwyz den «Juuz» und in Nidwalden/Obwalden den «Jutz». Richtung Entlebuch und dann Bern wird einfach gejodelt. Die Zentralschweiz weist ohnehin eine grosse Jodeltradition vor. Im Gegensatz zum Appenzell hat sie es einfach ein bisschen verpasst, diese zu vermarkten. Ansonsten würde am Flughafen Zürich auf dem Weg zum Gate E vielleicht ein Jüüzli anstatt eines Zäuerli erklingen.

Jodeln hat das Potenzial, eine Fülle an Erinnerungen sowie Emotionen abzurufen und Menschen tief zu berühren. Was genau passiert da – auch bei dir? 
Mich berühren vor allem Naturjodel. Da diese ohne Text gesungen werden, kann man sich völlig auf den Klang der Stimme konzentrieren und seine eigenen Gedanken in die Melodie interpretieren. Zugleich sind sie sehr intim und die Vorjodelnden geben wahnsinnig viel von sich preis. Da kriege ich Hühnerhaut, ebenso, wenn ein Chor einen Naturjodel begleitet. Sobald die Stimmen zusammen erklingen und quasi zu einem Klangkörper verschmelzen, ist das extrem faszinierend und auch wunderschön, Teil davon zu sein.

Wo ist das Jodeln heute einzuordnen? Praktizieren es viele Menschen oder nimmt die Zahl der Jodler:innen ab?
Das Jodeln erlebt gerade einen Aufschwung. Vor allem im urbanen Raum boomen Jodelkurse und Workshops. Was jedoch fehlt, sind Männerstimmen. Rund drei Viertel der Jodelinteressierten sind heute Frauen.

Was fasziniert dich am Jodeln oder überhaupt an der Volksmusik?
Das Urchige, Archaische. Egal, ob neue oder traditionelle Volksmusik, den urigen Kern spürt man. Eines der Hauptziele mit meiner Musik ist es dabei auch, dass die Berührungsängste verschwinden und die Gräben aufgehoben werden. Gerade auch zwischen Stadt und Land. Egal, ob Volksmusik, Pop, Jazz: Hauptsache ist doch, dass die Leute durch Musik berührt werden.


Simone Felber (*1992) studierte klassischen Gesang an der Hochschule Luzern – Musik und gelangte in diesem Rahmen zum Jodeln und zur Volksmusik. Neben ihrem Hauptprojekt «Simone Felbers iheimisch» mit Adrian Würsch (Schwyzerörgeli) und Pirmin Huber (kb) tritt sie in den verschiedensten Formationen auf, gibt international Workshops und arbeitet als Chorleiterin. Nennenswerte Namen im Bereich des Naturjodels sind für sie beispielsweise Nadja Räss, Bernhard Betschart, die Älpler- und Jodlergruppe Zihlmann, das Engel-Chörli Appenzell, Christian Metzler sowie s’Schmidigs Juuzer-Zwilling. Weiter verweist sie Interessierte an die Website des Roothuus Gonten und empfiehlt, Jodelfeste zu besuchen. Oder die Stubete in der Luzerner Jazzkantine.


Interview: Stoph Ruckli
Foto: Christian Felber

Dieser Beitrag erschien in der Novemberausgabe 11/2021 von 041 – Das Kulturmagazin.

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