Verführerisch spontan

Museum1 Adligenswil, 20. Januar 2019: Der Künstler Stephan Wittmer ist Initiator hinter dem Museum1 in Adligenswil. Institutionen zu gründen ist sozusagen sein Ding: Neben der Kunsthalle Luzern hatte er bei gut fünf weiteren Kunsthäusern ebenfalls seine Finger im Spiel. Von Munchs Atelier unter freiem Himmel inspiriert, forscht er in Adligenswil nach der Ur-Form des Museums.

«Wer je seinen Fuss auf die abschüssigen 4000 Quadratmeter gesetzt hat, die das Museum1 als Ausstellungsfläche nutzt, der weiss: Die Brache mit der Nummer 837 in der Gewerbezone Winkelbüel in Adligenswil strahlt maximale Durchschnittlichkeit aus», schreibt die Kulturjournalistin Julia Stephan im Sommer vergangenen Jahres in der «Luzerner Zeitung» über das Museum 1. Doch wie definieren wir den Durchschnitt? Wenn das Guggenheim mit seiner herausfordernden Architektur, dem keine-Wünsche-offenlassendem Museumsshops, zwei Restaurants inklusive Michelin Stern und der umfassenden Sammlung den einen Pol eines Spektrums markiert, ist das Museum 1 wohl eher unterdurchschnittlich.

Aber genau diese leise, aber konsequente Unterdurchschnittlichkeit, ist für Initiator und Künstler Stephan Wittmer die «angestrebte Ur-Form eines Museums». Darin steckt grosse Qualität: Es sollen poetische und organische Prozesse stattfinden, die sich durch hohes Entwicklungspotential auszeichnen.

Im verschneiten Adligenswil strahlt heute das Weiss des Winters und Wittmer  stapft über die Ausstellungsfläche seines Museums. «Diese Ur-Form, quasi die Essenz, ist ein Ort, der Menschen zusammenbringt. Ein Ort, wo Wissensvermittlung stattfindet und die Kultur hochgehalten wird. Es soll Platz für Auseinandersetzungen mit der Umgebung und künstlerischen Fragestellungen aus dem Leben und dem Alltag haben. Ich geniesse das sehr, wenn ich mich hierher zurückziehen kann», erzählt der Künstler.

Museum1_Architektur

Das Museum 1 hat architektonisch eigentlich was zu bieten: Herzog und De Meuron haben auf der Brache eine Metallzunge verloren.

Schlafender Baum in «Peristasis»

Friedlich schlafender Baum in «Peristasis» vom Aargauer Künstler Roman Sonderegger.

Ein Baum im Transfer

So kam auch die ausgestellte Arbeit «Peristasis» vom Aargauer Künstler Roman Sonderegger zustande. Ein toter Baum stellte ein Problem auf der Brache dar; Bevor sich die Gemeinde einmischt, sollte  diese Aufgabe möglichst künstlerisch gelöst werden. Die Arbeiten Sondereggers entstehen, wenn physikalische Kräfte auf Baumaterialien treffen. Zum Beispiel, wenn schwere Eichenbalken nur von Spannsets gehalten im Raum zu schweben scheinen. Den Künstler und Bildhauer beschäftigen Fragen nach Raum, Architektur und physikalischen Gegebenheiten wie Volumen oder Gleichgewicht, die er auf verschiedene Weise erforscht.

In «Peristasis» verändert der tote Baum seinen Zustand: er wird transformiert, auf unterschiedlich hohen Holzkonstruktionen abgelegt und aufgebahrt. Es scheint, als würde er friedlich auf Holz gebettet schlafen und bildet unter ihm ein neuer Raum – eine Art begehbares, tiefes Tipi. Es ist aber noch nicht das Ende der Reise dieses Baumes im Museum 1: Im Frühling wird ihn der Luzerner Künstler René Odermatt weiter bespielen. So entsteht ein interessantes Konzept der geteilten oder auch weitergeführten Autorenschaft eines Werks. Es stellen sich neue Fragen wie: kann die fortgesetzte Arbeit nur mit dem vorherigen Werk bestehen? Ist das Vorangegangene Werk negiert, sobald der Baum weitergegeben wird? «Neue Fragen zu stellen ist wichtig. Im klassischen Kunstkontext, vor allem in der Institution Museum, ist man verblendet und reibt sich an immer ähnlichen Fragestellungen», meint Wittmer dazu, der auch an der Kunsthochschule Luzern doziert.

Wenn man sich auf dem Ausstellungsgelände bewegt, entdeckt man zwischen Bäumen, oben oder unten am Hang Werke von mehr oder weniger bekannten Künstler*innen, die alle etwas gemeinsam haben; und zwar stellen sie hier Arbeiten aus, die mit dem Ort entstanden sind. Brachenspezifisch und eigens fürs Museum 1 sozusagen. Es solle aber kein Skulpturenpark entstehen, sagt Wittmer. Plötzlich steht man auf der zugeschneiten runden Platte, die der deutsche Künstler Fritz Balthaus angelehnt ans Guggenheim in New York hier verwirklicht hat. Das Spontane und Ungezwungene ist verführerisch, aber etwas mehr Struktur wäre trotzdem wünschenswert. Wenn Versuche von Vermittlung in Form von Labels vom Winde verweht werden, muss ein neues Konzept her.

Modell für «Peristasis»

Ein Modell für «Peristasis» im Atelier von Roman Sonderegger.

Fritz Balthaus' kreisförmige Form im Schnee

Hier kann die kreisförmig eingelassene Form von Fritz Balthaus unter der Schneedecke erahnt werden.

Aufleuchten

Für die meisten Adligenswiler*innen stellt das Museum 1 noch eine Herausforderung dar. Denn das zentrale Gebäude, der Pavillon mit der Eisenoxid-Fassade von Hubert Hofmann, bildet nicht das Herzstück des Museums und das Gelände drum herum ist nicht nur Museumsgarten: Der Charakter der Brache soll um jeden Preis bewahrt werden. Das stösst nicht immer auf Verständnis. «Sie kommen schon mehr, als am Anfang. Aber sie müssen noch Vertrauen in das Unkonventionelle gewinnen. Die ausgestellten Werke besetzen das Museum 1 nicht, sie sind mehr ein Entwurf, eine Geste des Provisorischen, das von der Natur des Ortes verändert werden kann.» Sie leuchten inmitten der Brache auf, aber nur, um auch wieder zu erlöschen und Platz für Neues zu machen. Ein Zelebrieren der Vergänglichkeit, aber auch eine Chance, immer wieder über den Kontext eines Museums und dessen Vermittlung von Kunst und Kultur nachzudenken.

Stephan Wittmer unter «Peristasis»

Der Künstler und Initiator des Projekts Stephan Wittmer unter «Peristasis».

Achim Schroetelers «Im Lot als ob nichts wäre»

Neben «Peristasis» ist noch bis Ende Januar die Installation «Im Lot als ob nichts wäre» von Achim Schroeteler zu sehen. Im Hintergrund der Pavillon.

Roman Sonderegger: «Peristasis» ist noch bis Ende Januar im Museum 1 in Adligenswil zu sehen.