Performatives Stelldichein (Teil 2) – Der Wettbewerb

SA 17.10.2015, Kunstmuseum Luzern: Der zweite Tag des Performancepreis Schweiz 2015 stand im Zeichen der Wettbewerbsaufführungen. Sieben verschiedene Performances im Zeitraum zwischen 12 Uhr und 18 Uhr haben die Aufmerksamkeit eines zahlreich erschienenen Publikums in Anspruch genommen. Gewonnen haben Katja Schenker und Philippe Wicht.

(Fotografien: © Lee Li Photography / Performancepreis Schweiz 2015)

Nach einem vormittäglichen Spaziergang unter der Leitung der Künstlerin Claudia Grimm folgte mit den von der Jury im Vorfeld auserwählten Live-Performances das Herzstück des dreitägigen Programmes. Los ging es nach einer kurzen Einführung von Moderator Marco Meier mit dem Beitrag von Lou Masduraud & Antoine Bellini. Lou Masduraud & Antoine Bellini (GE) Big Bodies Die aus Genf kommenden und mit mehreren Masterabschlüssen ausgestatteten Künstler installierten eine Szenerie aus personifizierten Audioboxen und dem dazugehörigen Kabelsalat. Zwei menschliche Schulterpartien aus Ton sind auf die Boxen geschnallt, in einem Fall mit einem weissen Gewand verhüllt und stehen skulpturenhaft im Raum. Das Publikum flankiert die Szene auf zwei Holztribünen und beobachtet, wie Lou Masduraud in englischer Sprache einen Monolog widergibt. Antoine Bellini bedient Computer und Effektgeräte, während die Performerin mit einem Sensor am Finger beginnt, den am Boden liegenden Kabelsträngen entlang zu gleiten, jedoch ohne mit ihnen in Berührung zu kommen. Rein durch die Bewegung und das vermeintliche Tangieren der Kabel und auch des eigenen wie Antoines Körper, scheint der Sensor deren physikalische Eigenschaften in eine Tonfrequenz zu transformieren. Man fühlt sich an ein Theremin erinnert und je nach Bewegungsmuster erklingt eine andere Rhythmik und Intensität der Töne. Lou Masduraud legt sich kurz unter ein Mikrophon und wispert eine Buchstabenabfolge, was Antoine mit dem Rumschieben der menschenartigen Box per Schultergriff (was den Sound abermals beeinflusst) quittiert. Es möge eine abstrakte Form einer digitalen Liebesgeschichte, geprägt von Nah- und Unnahbarkeit unter der konsequenten Berücksichtigung von Körperlichkeit gewesen sein.

Performance Art Award 2015Performance Art Award 2015

Lauren Huret (GE) I left my head and my heart on the dance floor Ab in den Terrassensaal hiess es für das Publikum, wo etliche Kissen am Boden lagen. Zuerst mal den Allerwertesten darauf packen, bevor die Anleitung der ebenfalls aus Genf stammenden Performerin Lauren Huret folgt. Hinlegen, bequem machen, Beine strecken, Kopf auf Kissen ablegen. Wer will, soll doch die Schuhe ausziehen, hiess es in zärtlichem, französisch-akzentuiertem Englisch. Huret, mit schwarzer Perücke (?) und smaragdgrünem Kleid am Rand des Terrassensaals stehend, arrangiert das Publikum auf dem Boden in der Art von Spencer Tunik – im Gegensatz zum ihm aber mit Kleidung – und beginnt von ihrem vorbereiteten Papier abzulesen. Fahrstuhlmusik erklingt und sie beginnt ihre Litanei im Jahr 1984 und thematisiert die digitale Revolution von Informatik, Computern und Internet. In Wikipediamanier liefert sie Jahr für Jahr die Fakten und Zahlen der in Betrieb genommenen EDV-System, das Aufkommen von MAC und Microsoft, die wachsende Vernetzung mit dem World Wide Web und schmettert uns so, abwechselnd mit aufmunternden und beruhigenden Relaxing-Parolen, die rasante und durchaus Besorgnis erregende Entwicklung in den letzten dreissig Jahren in die Ohren. Das Fühlst-du-mich-spürst-du-mich-Wohlfühlprogramm beginnt ganz unten bei den Zehen und wandert dem Körper entlang nach oben. Die Konzentration des Publikums wird auf die Probe gestellt, zumal die Scheinwerfer einem die Dunkelheit vermiesen und der Fussboden einen kalten Rücken bescheren.

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Katja Schenker (ZH) vesuv Abermals wird man zum Rücklauf in den Pilatussaal gebeten. Vom Moderator bereits verraten, begab sich das Publikum in eine gefährliche Situation. So platziert, dass in der Mitte des abgedunkelten Raumes eine freie Fläche entsteht, wartet das Publikum auf den Auftritt von Katja Schenker. Mit Gummiband und daran befestigtem Steinbrocken tritt die Künstlerin in die Mitte und bereits klingen bei den Gästen in der ersten Reihe die Alarmglocken und spätestens beim Schwungausholen verlassen einige ihre Plätze. Katja Schenker dreht den Stein wie eine Leichtathletin um die eigene Achse, das Gummiband verlängert sich mit zunehmender Umdrehung. Der Stein dreht und dreht und dreht und man denkt sich: Lass nicht los, lass einfach nicht los! Durch die monotone Handlung entsteht ein starkes, auf die Körperlichkeit und die Handlung reduziertes Bild. Die Bewegung des Steines, der dem Ausstellungsboden eine kreisförmige Kratzspur hinterlässt, und die körperliche Anstrengung von Katja Schenker sind die zentralen Elemente der Performance, die zu einem ausdrucksstarken Gesamtbild verschmelzen. (Gewinnerin 17'500 CHF Jurypreis und  5'000 CHF Publikumspreis)

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Romy Rüegger (ZH) Ohne Titel Wie eine Mediatorin mit Headset tritt Romy Rüegger im Terrassensaal in Erscheinung. Mit multifunktionalem Pyjama bekleidet, hat sie ein kleines Setting an Beamer, Leinwand, Computer, Plattenspieler, Bücher und Notizpapier bereitgelegt. Auf einem kleinen Campingtisch sind die Dinge platziert, die Performerin sitzt auf einer grauen Postbox. Ihre Performance gleicht einem eklektizistischen Vortrag verschiedenartiger Themen. Sie mixt historische Fakten von Entdeckungsgeschichten mit Tourismusslogans, erzählt von der französischen Naturforscherin Jeanne Baret, verknüpft analoges und digitales Piratentum und sucht Antworten auf die Frage, wieso die Schweiz keinen Meeranschluss besitzt. Romy Rüegger konstruiert eine spannendes Geflecht an Narrationen, das Fiktion und Realität miteinander zu verknüpfen scheint und als komplexer Erzählraum daherkommt. Man fühlt sich aufgefordert, die Informationen zwischen den Zeilen wahrzunehmen und verstrickt sie zunehmend im eigenen Assoziationsfeld.

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Philippe Wicht (VD) Prom Gerade rechtzeitig von der 45-minütigen Verschnaufpause erreicht man den mit ein paar wenigen Partyballone und einer trüben Bowle dekorierten Pilatussaal. Der Performer versteckt sich in der Low-Budget-Variante des Halloweenkostüms eines Geistes. Voller Energie lädt der französisch sprechende Philippe Wicht, der unter dem weissen Laken eine Aufmachung in Sportlermontur enthüllt. Sein energisches Bonjour à tous! richtete sich an das ganze Publikum und katapultierte den Performer mit der schmächtigen Postur unmittelbar in den Mittelpunkt. In nachvollziehbarem Französisch erklärte er, dass er gerne die Wiederholung seines Bal de promotion durchführen möchte, da der tatsächliche Abschlussball eine emotionale Katastrophe gewesen sein muss. Durch Verarbeitung der traumatischen Tragödie fordert er das Publikum auf, mit ihm zu feiern, zu tanzen und mit der Fruchtsaftbowle anzustossen. Nach allmählichem Zögern beginnt die Interaktion mit den Zuschauenden, die von Philipp Wicht mehrmalig für kurze Interventionen unterbrochen wird. Er singt über sich selbst einen Lied mit dem Titel Furzgesicht, bis er ausflippt und auf das Tambourin einhämmert oder er übergiesst sich mit Multivitaminsaft, um im eigenen Mitleid zu baden. Er inszeniert gekonnt die Tragik einer Mobbing-Situation und treibt es mit einer Darbietung von Telekinese auf die Spitze. Das Publikum, oft selbst Teil von Wichts Aktionen, schwankt zwischen Mitleid und Schadenfreude und die Grenzen zwischen Hypochondrie und Ernsthaftigkeit verfliessen. Der dramaturgische Höhepunkt ist erreicht, als Philippe Wicht nach einer Aufsteh-Umfall-Orgie in einem roten Samtkleid im Raum erscheint, Horrorfilmmusik ertönt und die schauspielerischen Fähigkeiten auf Hysterie getrimmt werden. Das Publikum folgt ihm noch in die Ausstellungsräume, bevor man ihn aus den Augen verliert und bereits die ersten Gedanken an die Ikonografie in Stephen Kings Carrie – Des Satans jüngste Tochter aufkommen. (Gewinner 17'500 CHF Jurypreis)

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Angela Marzullo (GE) Makita Shooting Ohne eine Miene zu verziehen stösst Angela Marzullo ein Migros-Einkaufswagen vor eine Leinwand im Terrassensaal. Noch emotionsloser legt sie eine Fahne mit Waffenemblem aus und packt vier aufblasbare Sexpuppen aus ihren Verpackungen. Ein Druckluftgerät übernimmt die Arbeit der Luftzufuhr. Anschliessend postiert Angela Marzullo – gekleidet wie eine Laborantin in weissem Kittel und Möchtegerngeheimdienst-Sonnenbrille – die vier Sexpuppen auf der Terrasse und packt abermals aus ihrem Einkaufswagen eine Druckluftpistole aus. Die daran befestigte Kamera vermittelt auf der Leinwand eine Ego-Shooter-Gameansicht, bei welcher man die Absicht von Marzullo rasch durchschauen kann. Mit Scannerblick bewegt sie sich am Rande der Terrasse, nimmt Besucherinnen und Besucher der Luzerner Määs ins Fadenkreuz, um schlussendlich alle vier Sexpuppen mit gelber Munition kaltblütig zu erschiessen. Puff, Peng, vorbei. Auf dem Weg zurück in den Pilatussaal fragt man sich leise, ob das irgendetwas mit IS zu tun haben könnte?

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Lilian Frei (TI) Marmor, Stein und Eisen bricht, mit Stella Glitter und Guests Die letzte Aufführung an diesem Samstag gebührte der Tessinerin Lilian Frei und ihrem trash-kitsch Ensemble um der/die Gitarrist/in Stella Glitter. Auf einer Leinwand flimmert eine verpixelte Videoaufnahme und zeigt Vorarbeiten mittels Presslufthammer an einem rosa gefärbten Steinbrocken. Wenig später wird die Szenerie in die Raummitte vom Pilatussaal verlagert. Der rosafarbene Steinbrocken gelangt via Palettrolli in den Ausstellungsraum und wird sofort mit Hammer und Meissel von Lilian Frei und ihrem Indiana-Jones Helfer eingenommen. Mit der fortschreitenden Zentralhandlung beginnen sich Personen aus dem Publikum, einige auffallen mit rosaroten Utensilien bekleidet, in die Performance einzuführen. Eine Opernsängerin gibt auf dem Palettrolli eine kurze Arie von sich preis, ehe sie wieder abgeschoben wird. Ein junge Mann mit Handschuh und roter Rose trappt auf der Stelle und raucht zum Zeitvertreib eine Zigarette, eine junge Dame schlägt wortlos das Rad, Textpassagen werden rezitiert und Personen aus dem Publikum werden von den Mitperformern näher an das Geschehen geführt. Es ereignet sich ein Potpourri an Handlungsebenen, das sich zunehmend verstrickt und metaphorisch für die vielen Facetten einer Liebesgeschichte stehen mag. Sämtlichen Klischees bedient man sich und packt am Ende sogar noch den allseits bekannten Song Marmor, Stein und Eisen bricht von Drafi Deutscher aus, frei interpretiert von Stella Glitter. Den harten Brocken zu entzweien hat Liliane Frei trotz vollstem Körpereinsatz nicht geschafft, denn der Hammer hatte zuvor den Geist aufgegeben...

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Die Prämierung der Live-Performances fand am SO 18. Oktober 2015 im Kunstmuseum Luzern statt und kührten Katja Schenker (Jurypreis zu 17'500 CHF und Publikumspreis zu 5'000 CHF) und Philippe Wicht (Jurypreis zu 17'500 CHF) zu den Gewinnern.