«Mundart ist eigentlich ein Knast»

Diesen Freitag gibt Endo Anaconda ein Konzert auf dem Pilatus. Im Gepäck hat er Lieder von seinem aktuellen Album «Endosaurusrex», aber auch alte Hits. Ein Gespräch bei Kaffee und Zigaretten über Mani Matter, den Kommunismus und über Musik. Zwischendurch auch Entscheidungsfragen: Schweiz oder Österreich?

Du hast ein cooles Handy! Das ist das Bananenmodell aus «Matrix».
Das sieht nur gut aus, ist aber Ramsch. Die Tasten sind zu klein.

Hast Du schon einmal auf 2132 m. ü. M. ein Konzert gespielt?
Einmal gab ich ein Duokonzert auf dem Niessen, und einmal auch auf dem Pilatus. Damals war es so neblig, dass ich die vielen Leute nicht gesehen, sondern nur ihre Reaktionen gehört habe. Ein seltsames Gefühl.

Macht Dir die Höhenluft nichts aus beim Singen?
Das ist kein Problem. Ich wohne im Emmental auf 1000 m. ü. M. Ich bin schon akklimatisiert.

Cafehaus

Im Moment spielst Du live im Duo mit dem Pianisten Roman Wyss. Gibt es die Stiller-Has-Band noch?
Ja, wir sind immer an neuem Züüg dran. Und auf die Duo-Konzerte freue ich mich sehr: Der Text kommt besser zur Geltung und ich kann mit Roman schneller alte Sachen spielen. Manchmal sage ich auch Norman, Ramon oder Manor zu ihm.

Vor ein paar Jahren hast Du im Tages-Anzeiger gesagt, Du wärst wohl zu frech für Kulturpreise. Und ein Jahr später hast Du den Schweizer Musikpreis gewonnen. Wie erklärst Du Dir das?
Ich habe auch den kantonalen Musikpreis von Bern gewonnen und den Salzburger Stier und den Prix Nature. Ich wäre eigentlich ein Fall für den Preisüberwacher.

Aber dass der Schweizer Musikpreis mit 25 000 Franken dotiert ist, war doch eine angenehme Nebenerscheinung?
Ich sehe das eher als Stilllegungsprämie. Aber es ehrt mich auch. Ich finde es schön, wenn man Spuren hinterlässt. Obwohl: Wenn ich tot bin, bin ich einfach tot.

Schnitzel

Anerkennung ist gerade für Mundartkünstler schön.
Mundart ist eigentlich ein Knast. Du kommst ja nirgends hin! Du hast die Schweiz, ein bisschen Süddeutschland, und Österreich. Und ab und zu einen Auftritt auf dem roten Teppich der Schweizer Botschaften. Jetzt bin ich bald AHV-positiv, dann muss ich nicht mehr 100 Konzerte pro Jahr spielen.

Dein aktuelles Album «Endosaurusrex» hat der Akkordeonist Mario Batkovic produziert. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Ich habe ihn an der Verleihung des kantonalen Musikpreises in Bern kennengelernt, wo er den Förderpreis bekommen hat. Er ist für mich ein hochkarätiger zeitgenössischer Musiker, und mir gefallen seine Sachen wahnsinnig gut. Ich habe ihn gefragt, ob er mir ein paar Texte vertonen könnte.

Gulasch

Der Song «Zwärg» handelt von Kokain, korrekt?
Es ist eine Post-Kokain-Geschichte. Ich habe die Begabung, die Bremse zu ziehen, wenn ich merke: Jetzt bringt’s mich bald um. Manchmal tun sie in der WOZ so, als müsse man das Zeugs legalisieren. Das darf man nicht machen. Die sollen die illegalen Bankengeschäfte ausschalten und das Bankgeheimnis lüften. Koks zu legalisieren wäre der grösste Dreck. Da finde ich selbst Opiate – wenn man damit umgehen kann – gesünder und weniger schlimm.

Der Kokainkonsum steigt, und die Droge wird auch in der Musik verharmlost.
Kokain zerstört das Hirn, und es zerstört die Liebe. Es ist eiskalt. Das darf man nicht verharmlosen. Es gibt die Tendenz, es als Partydroge anzusehen, aber es ist ein Suchtgift. Ich wäre in Bern gestorben. Deswegen musste ich weg aus der Stadt ins Emmental.

Chasselas

Auf «Endosuarusrex» singst Du den Song «So vergeht die Zeit» mit astreinem Österreich-Akzent. Warum?
Ich wurde in Wien sozialisiert, habe dort meine grafische Ausbildung gemacht. Manchmal werde ich gefragt, ob mein Vorbild Mani Matter sei, aber ihn verbinde ich mit meiner Grossmutter: Mein Père war Marathonläufer und hat Fritz geheissen. Er war schon fast für die Olympiade 1960 in Rom qualifizert. 1959 ist er gestorben, da war ich vier. Mein Papi hat mir immer gefehlt. Meine Grossmutter hat mir also immer vorgespielt: «Es git e Bueb mit Name Firtz / Und dä cha renne wie dr Blitz» – und weil er so schnell ist, sieht man ihn nicht. Das hat mir als Kind geholfen. Aber meine literarischen Vorbilder sind Leute wie Georg Kreisler, Helmut Qualtinger oder H. C. Artmann. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb in meinen Texten etwas zur Mundart dazukommt.

Was denn?
Der Blickwinkel. Ich versuchte eine Symbiose zwischen der österreichischen Sozialisierung und der Mundart. Sie hat musikalisch einen schönen Flow. Wobei die aktuelle Mundart teilweise schrecklich ist mit dem ganzen Heimatscheiss.

Falco

Wieso findest Du die Mundartmusik so schlimm?
Die Tendenz zu Blumentöpfen hatte sie immer schon. Aber das Beschauliche, das Helvetia-zentrische Bewusstsein stört mich. Die Welt steht vor dem Untergang und wir schauen immer mehr auf unseren Nabel. Kunst ist nie Wertefrei. Kunst reflektiert das Bewusstsein ihrer Orte, und wir haben in der Schweiz kein globales Bewusstsein.

Was ist daran so fatal?
Wirtschaftlich sind wir schon längst globalisiert, aber bewusstseinsmässig nicht. Es heisst: «Global geschäften, lokal handeln.» Es müsste genau umgekehrt sein. Das habe ich immer probiert. Durch meine Bildung und meine Interessiertheit für die Welt habe ich nie Texte gemacht, die das Lokale so emporheben.

Hat der Lokalkolorit auch mit einem fehlenden kulturellen Selbstbewusstsein der Schweiz zu tun? Fehlt uns der Mut oder ist es Egoismus?
Es ist eine Mischung von beidem. Man soll Mundart machen, und trotzdem eine universelle Sichtweise haben können. Ich bin nicht weniger Weltenbürger, nur weil ich Mundart singe. Ich bin auch nicht dem ländlichen Idiotismus verfallen, nur weil ich Mundart texte.

Bundesrätinnen

Du kannst ja mehr Österreichisch singen.
Die sind noch schlimmer. Mit der Regierung, die sie jetzt haben... Ich muss kurz eine rauchen.

Darf ich mit?
Du rauchst auch? Das ist schlecht für die Haut! Aber zurück zu Österreich: Da kann ich mich schon besser mit der Schweiz identifizieren. Obwohl wir ein verklemmtes Verhältnis zu unserer Geschichte haben. Österreich hat eine braune Weste mit zwei, drei weissen Flecken. Und wir haben eine hellbeige Weste mit ein paar dunkelbraunen Flecken. Es wäre an der Zeit, dass man dazu steht.

In Österreich hat das Geschichtsbewusstsein auch Verbesserungspotenzial.
Ich bin bei den Kommunisten sozialisiert, habe also ein anderes Geschichtsbild. Ich war in der KP, war als Jugendlicher sogar in Moskau. Zum Glück haben wir nicht gewonnen! Aber: Durch den Kommunismus habe ich gelernt, dass die Welt eine Kugel ist. Ich bin in meiner Grundhaltung noch immer Kommunist. Meine Ethik und meine Grundhaltung sind kommunistisch, aber ich bin nicht politischer Kommunist. Ich stehe auf dem Boden des Grundgesetzes.

Marillen

Jetzt steht es 3:3 zwischen der Schweiz und Österreich, plus ein Punkt an Jack Daniels. Kommen Dir noch mehr Entscheidungsfragen in den Sinn?
Nein, sie sind sich ziemlich ähnlich. Eigentlich wären wir auch Habsburger. Kannst ja fragen: K.u.K-Monarchie oder Helvetia? Dann sage ich: Aargau!

VERLOSUNG!

«041 – Das Kulturmagazin» verlost 1x2Tickets für Endo Anacondas Konzert auf dem Pilatus im Wert von 350 Franken!
Im Paket inbegriffen: Berg- und Talfahrt plus 3-Gang-Dinner!
Einfach eine Mail mit Betreff «Endo on the rocks» an redaktion@kulturmagazin.ch schreiben!
Einsendeschluss: Donnerstag, 1. November, 12 Uhr

Weitere Informationen untter: www.pilatusontherocks.ch

Endo Anaconda