«Ich fürchte mich vor dem Vernebeln nicht erfreulicher Aussagen in blumig-freundliches Gesäusel»

«041 – Das Kulturmagazin» (ehemals «Kulturkalender») zählt etwa so viele Jahre, wie die ehemalige Kulturchefin Rosie Bitterli Mucha im Stadtamt Kultur und Sport waltete. Das kulturpolitische Geschehen der letzten 30 Jahre hat sie demzufolge wie kaum jemand anderes geprägt. 16 Fragen an Rosie Bitterli.

Red.: Sie sind eine Art lebende Luzerner Stadtlegende. Fürchten sich bestimmte Leute zu Recht vor Ihnen?
Rosie Bitterli Mucha:
Ich vermute, da werde ich gelegentlich nicht richtig verstanden, eventuell auch überschätzt. Wenn, dann geht es wohl um Respekt. Ich bin direkt und bringe die Dinge – aus meiner Sicht – auf den Punkt. Ich fürchte mich vor dem in jüngerer Zeit vermehrt anzutreffenden Vernebeln von für das Gegenüber nicht erfreulichen Aussagen in blumig-freundliches Gesäusel.

1988 bis heute – stehen wir vor denselben kulturpolitischen Problemen wie damals?
Nein, ich hoffe es nicht. Damals ging es darum, kulturelle Teilhabe der jüngeren und nicht dem Bildungsbürgertum angehörigen Kreise zu erreichen, die Anerkennung neuartiger Angebote zu fördern und entsprechende Produktionen, Veranstaltungen und Räume zu finanzieren. Es ging ganz generell darum, Wert und Bedeutung der Kunst und Kultur für die gesamte Gesellschaft zu erschliessen. Hier sind wir – so hoffe ich – etwas weitergekommen. Das Geld spielt natürlich immer noch eine grosse Rolle und der Verteilkampf auch, aber das schreibe ich auch der allgemeinen Ökonomisierung unserer Welt zu.

Hat der Südpol die Boa verschluckt?
Wenn jemand oder etwas die Boa aufgefressen hat, dann war es das richterliche Urteil, wonach die Boa wegen des sogenannten Menschenverhaltenslärms nur noch bis 23 Uhr hätte betrieben werden dürfen. Der Stadtrat hat bis zum Bundesgericht für einen Betrieb in der Boa gekämpft.

Sie haben in Ihrer Amtszeit dafür plädiert, die Kultur in die Peripherie zu verlagern. Wie sehen Sie das heute?
Auch das ist wohl ein Missverständnis. Kulturhäuser und -angebote gehören natürlich nahe ans Zentrum, wo sie gut erreichbar sind. Fragt sich einfach, wie eng oder weit man diesen Begriff fasst. Beim Südpol – und das zeigt sich ja jetzt mit der Entwicklung, die dort stattgefunden hat – oder beim Sedel kann man nicht von Peripherie reden. Anderseits ist es einfach eine Gegebenheit des Marktes, dass zahlbare Ateliers und Proberäume zunehmend eher am Stadtrand zu finden sind.

Hat Sie der Stadt-Land-Graben oft an Ihrer Arbeit gehindert?
Nein, keineswegs. Dass es ein unterschiedliches Kulturverständnis und verschiedene kultur(finanz)politische Haltungen gibt, ist zu akzeptieren. Ich habe das immer als Herausforderung angesehen, und ich habe viele Jahre lang sehr gut mit den Gemeinden rund um Luzern und mit dem Kanton zusammenarbeiten können.

Und das Luzerner Theater soll mitten in der Stadt bleiben?
Ja, unbedingt. Kulturangebote gehören dorthin, wo viele Menschen sind, wo sie sich treffen und austauschen. Das gilt gerade auch für das angedachte Drei-Sparten-Theater, das ja vor allem auch den gesellschaftspolitischen Diskurs pflegen will.

Was schwebt Ihnen beim Neubau des Luzerner Theaters vor? Ein zweites KKL oder eher eine Art Roche-Turm à la Herzog & de Meuron?
Weder noch. Wir brauchen ein Drei-Sparten-Haus für Luzern, das funktional ist und sich gut ins Ortsbild fügt. Ich hoffe auf interessante und innovative Vorschläge von vielen Architekturteams, auch aus Luzern und Umgebung.

Was ist aus den 2017 deklarierten Kultursparmassnahmen geworden? Werden sie demnächst rückgängig gemacht?
Diese Massnahmen hat ja der Kanton Luzern initiiert. Beim Zweckverband Grosse Kulturbetriebe war die Stadt dann mit im Boot, hat aber mitgeholfen, mit einer Übergangslösung den allergrössten Schaden zu vermeiden. Per 2023, wenn ein neuer Finanzierungsschlüssel in Kraft treten soll, ist – soweit ich weiss – geplant, dass diese Massnahmen rückgängig gemacht werden. Der Kanton hat damals aber auch Massnahmen ausserhalb des Zweckverbandes beschlossen – wie der Stand dort ist, kann ich nicht sagen.

Wollten Sie nie weg aus Luzern?
Nein.

Von Ihrer Nachfolgerin, Laetizia Ineichen, merkt man bis jetzt wenig. Wie beurteilen Sie das?
Die Pandemie-Situation hat es bisher kaum zugelassen, dass man sich an Kulturanlässen oder anderswo begegnet ist. Das war und ist eine Herausforderung, gerade in einer Einarbeitungsphase. Ich habe einen guten und angeregten Kontakt mit ihr.

Wann hat «041 – Das Kulturmagazin» Sie richtig verärgert?
Das ist vorgekommen, aber ich kann mich nicht im Detail erinnern.

Welche Aspekte soll das Magazin künftig genauer beäugen?
Ich würde mir mehr Auseinandersetzung mit den Inhalten, dem auf der Bühne, in Ausstellungen und in Filmen und Büchern Präsentierten und Vermittelten wünschen. Das, was künstlerisch-kulturell geboten wird, sollte sich (wieder) vermehrt der öffentlichen Auseinandersetzung stellen müssen. Also mehr kritisches Feuilleton, das steht dann wohl auch im Dienst der Qualität.

Was wurde konkret für mehr geschlechtliche, ethnische oder soziale Diversität – strukturell und personell – im Luzerner Kulturbetrieb unternommen?
In der Geschlechterfrage sind wir in Luzern personell recht gut aufgestellt, sowohl bei den Kulturorganisationen als auch im Managementbereich.
 

Als ich vor 30 Jahren eingestiegen bin, war Diversität noch kein geläufiger Begriff. Kulturförderung sollte nach meiner Auffassung nicht nach Geschlechtern oder Ethnien oder sozialen Schichten erfolgen – im Vordergrund stehen die Kunst und das Angebot. Wichtig ist aber, dass möglichst alle Zugang haben und somit niemand von der Teilhabe am Kulturleben ausgeschlossen ist. Hier müssen alle dranbleiben.

Lesen Sie «041 – Das Kulturmagazin»?
Ja, nur schon wegen der Kreuzfahrt mit Käptn Steffi.

Ehemalige Redaktorinnen und Redaktoren erzählten, Sie hätten einmal ziemlich aufgebracht ins «041»-Redaktionstelefon geschrien. Können Sie sich erinnern?
Aha, da wirft nun jemand eine Rauchpetarde Marke Redaktionsgeheimnis. Mit dieser Frage kann ich nicht viel anfangen. Wie sagte schon Osgood Fielding III.? «Well, nobody’s perfect!»

Wie können wir Sie in Zukunft verärgern?
Mal sehen ...