Fragmente des Alltags – «SOLO» im Kunstmuseum Luzern

Wie frei können wir unsere Beziehungen leben? Diese Frage greift Mahtola Wittmer in ihrer Ausstellung im Kunst- museum Luzern auf.
Ein Gespräch in ihrem Atelier über Liebe, Patriarchat und alltägliche Gewohnheiten.

Sie liegt unter einer Bank, schlingt ihre Arme und Beine um das Möbel, wie wir als Kinder die grossen Körper unserer Eltern umklammerten; wie wir heute jene Personen eng an uns drücken, die uns viel bedeuten, die wir am liebsten nicht mehr loslassen möchten. Mahtola Wittmer hält sich fest, bis sie nicht mehr kann, vielleicht nicht mehr will; sie sinkt langsam wieder zu Boden.
Dieses Szenario, das sie uns im Rahmen einer Performance vor Augen führt, ruft Assoziationen hervor. Wann suchen wir Nähe in Beziehungen, wann gehen wir wieder auf Distanz? Wie viel Raum gestehen wir einander zu? Wie teilen wir Emotionen, die sich mal ähneln, mal diametral auseinandergehen? Diesen Fragen geht Mahtola Wittmer in einer Reihe von Performances nach, die auf Video aufgenommen und auf mehreren Screens im Kunstmuseum Luzern zu sehen sind. Ergänzt wird die Ausstellung von verschiedenen Interventionen, die live im Museum und in seiner unmittelbaren Umgebung stattfinden. «Es geht mir nicht nur um die romantische Liebe, sondern um zwischenmenschliche Beziehungen ganz allgemein, um familiäre, freundschaftliche, berufliche, langjährige oder auch flüchtige Begegnungen und darum, wie wir diese miteinander verhandeln», erzählt Mahtola Wittmer, während wir uns in ihrem Atelier gegenübersitzen. «Meine Auseinandersetzung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie ist vielmehr eine Sammlung einzelner Fragmente, die sich gegenseitig ergänzen und verdichten.»
Solche Überlegungen werden im Kunstmuseum auch anhand einer skulpturalen Installation deutlich, die aus einem Tisch von acht Stühlen umgeben besteht. Die Vorderbeine sind miteinander verbunden und vereinen sich zu einem grossen Knäuel. «Mich interessieren Verstrickungen und gegenseitige Abhängigkeiten sowie die Art und Weise, wie kollektive und individuelleLebensrealitäten sich wechselseitig beeinflussen.»

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Normierte Liebe
Für die Ausstellung liess sich Mahtola Wittmer von Situationen aus ihrem Alltag inspirieren, von Texten oder Zeitungsartikeln, auf die sie stiess. Darauf verweist ein Magazin, das vor uns auf dem Tisch liegt. Auf der aufgeschlagenen Seite ist ein Artikel über das Buch «Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist» von Şeyda Kurt zu sehen, das dieses Jahr erschienen ist. Er wurde mit Frage- und Ausrufezeichen versehen, Worte wurden eingekreist: Silvia Federici, Liebe, romantisches Drehbuch. Passagen sind rot unterstrichen, in denen es um die romantische Begegnung geht, die in der Popkultur zum lebensverändernden Ereignis stilisiert wird, auf das die Protagonist:innen von Filmen und Serien scheinbar unentwegt hoffen. Aber auch jene Normen kommen zur Sprache, nach denen sich die romantische Zweierbeziehung richtet, jene Vorstellungen, wie Liebe gelebt werden soll, welche Erfahrungen legitim und sozial akzeptiert sind – und welche eben nicht. Und schliesslich geht es auch um die Rolle der Frau in Beziehungen, die sich aufopfert, von ihr erwartete Sorgearbeit leistet und gleichzeitig unsichtbar bleibt. «Mich interessiert, wie gesellschaftliche Strukturen unsere Beziehungen beeinflussen und dort reproduziert werden», sagt Mahtola Wittmer, während sie das Magazin in die Hand nimmt und ihre Notizen nochmal betrachtet. «Ich frage mich, wie wir uns von diesen Normen befreien können, sofern wir uns das wünschen.» Schliesslich werde sie immer wieder mit jenen Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert, die von einer patriarchal geprägten Gesellschaft an sie gerichtet werden. «Ich bekomme immer wieder zu spüren, wie ich als Frau, als Künstlerin aufzutreten habe und beurteilt werde.»

Verfremdeter Alltag
Beobachtungen aus dem Alltag bildeten schon früh die Ausgangslage ihrer künstlerischen Praxis. In schnappschussartigen Aufnahmen hielt sie immer wieder ungewohnte oder kuriose Situationen fest. Die Vielfalt an Bildern, die daraus entstand, wurde zuletzt in ihrer Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus deutlich. Dort war etwa eine Fotografie von einer kleinen Pflanze zu sehen, die unverhofft aus dem Abfluss eines Waschbeckens spriesst; die Fotografie einer Schnecke, die eine ovale Schleimspur hinter sich lässt. Solche Auf- nahmen legte Mahtola Wittmer jeweils in ihrem Atelier aus, um herauszufinden, wo sich ein Spannungsfeld entfaltet, das uns den Alltag mit anderen Augen betrachten lässt; das unsere Aufmerksamkeit auf die kleinen, bizarren und poetischen Momente zu lenken vermag, die oft übersehen werden. Nicht zuletzt sind auch Skizzen und Zeichnungen Teil ihrer Recherche, mit denen sie einzelne Momente oder Abläufe ihrer Performances visualisiert.

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Mit der Zeit löste sie sich immer mehr von der Rolle der Beobachterin und fing an, alltägliche Objekte von ihrem eigentlichen Zweck zu entfremden. Im Rahmen der Performance «L’Eau de Lucerne» fing ein umgestülpter Schirm die Regentropfen auf, die anschliessend in Flaschen abgefüllt wurden. In «Crossing» verschob sie den eisernen Deckel eines Abwasserkanals, wodurch die sich darauf befindende Strassenmarkierung nicht mehr zur Umgebung passte. «Die Arbeit mit alltäglichen Objekten macht es mir möglich, Gewohnheiten zu hinter- fragen.» Ihre Eingriffe können subtil sein oder ausgesprochen direkt. Etwa während der Intervention «Zeitzeichen», die Mahtola Wittmer gemeinsam mit Klarissa Flückiger konzipierte und wo sie das Glockenläuten der Peterskapelle in Luzern durch einen Klingelton er- setzten. Ein Verweis darauf, wie wir durch digitale Medien immer verfügbar zu sein haben, globale Geschehnisse unmittelbar rezipieren und uns dazu zu positionieren versuchen. Oder aber, wie die schnell zirkulierenden Bilder auf den sozialen Netzwerken unsere Aufmerksamkeit massgebend verändern. So gesellschaftskritisch dieser Inhalt auch scheint, ist er doch keineswegs moralisierend. Dies liess sich beider Aktion an den Reaktionen der Passant:innen ablesen. «God is Calling», kommentierten einige von ihnen, was die Intervention ernst und humorvoll zugleich macht.

Solidarisches Miteinander
«Als ich meine Ausbildung als Grafikerin absolvierte, sagte ich mal: Ich werde nie Live-Performances machen!», erinnert sich Mahtola Wittmer und schmunzelt. Und doch habe sie das Medium für sich entdeckt. Sie sei fasziniert von den Bildern, die aus einer Handlung entstehen, von der direkten Interaktion mit sich selbst, dem eigenen Körper und dem anwesenden Publikum. «Ich versuche subjektive Empfindungen, innere Bilder in meinen Performances zu übersetzen», sagt Mahtola Wittmer. «Das hilft mir, meine eigenen Gedanken besser zu verstehen.» Es ginge aber auch darum, wie sie als Performerin mit der Ambivalenz zwischen unangenehmer und doch aufregender Exponiertheit umgehe. Denn auf einmal werden der eigene Körper, die eigenen Gedanken, die lange privat waren, öffentlich.
Diese aufgenommenen und performativen Bilder werfen uns auf uns selbst zurück. Sie lassen uns darüber nachdenken, wie wir unsere Beziehungen führen, welche stereotypen und patriarchal geprägten Vorstellungen unweigerlich darin Einzug halten. Die Bilder von Mahtola Wittmer gleichen einem Aufruf: nach mehr Liebe für die oft übersehene Poesie des Alltags, nach einem solidarischen Miteinander.


Solo. Mahtola Wittmer
Bis SO 13. Februar
Kunstmuseum Luzern
kunstmuseumluzern.ch
 

Text: Giulia Bernardi
Bild: Videostills der Performances «Panoptikum» und «Fragment I»

Dieser Beitrag erschien in 041 – Das Kulturmagazin im Dezember 12/2021.

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