«Er ist ein Magier, der mit seinen Tricks verzaubert» – David Glanzmann über den TV-Maler Bob Ross

Intimer geht es nicht: 39 originale Malereien von Bob Ross sind ab heute in der Wohnung des Museum Bellpark-Mitarbeiters David Glanzmann ausgestellt – und für Besucher:innen während normalen Öffnungszeiten zu erkunden. Das 041-Kulturmagazin hat ihn in seiner temporären Glasbox besucht und mit ihm über Bob Ross und den Ursprung dieses ungewöhnlichen Ausstellungskonzeptes gesprochen. Auch darüber, wie Glanzmann seinen Alltag im hauseigenen Museum arrangieren wird. Eine Homestory.

Gleich neben der Eingangstüre mit Glocke hängen drei auf den ersten Blick identische Malereien. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man Unterschiede. Auf dem Rand der Keilrahmen steht beim Bild links «Inspiration» geschrieben, beim mittleren «TV» und beim rechten «Book». Es läuft Musik und riecht nach Pasta. David Glanzmann hat uns in seine Wohnung an der Denkmalstrasse zum Mittagessen eingeladen – inmitten von gemalten Bergen, glasklaren Seen, dramatischen Wellen und tosenden Wasserfällen. David empfängt im Namen des Museum im Bellpark ab dem 30. Oktober zwei Monate lang Besucher:innen der «Bob Ross at Home – 39 Originale»-Ausstellung bei sich zu Hause. Bob Ross (1942-1995) kann mit seinen legendären 30-minütigen Mal-Shows, der Perücke und entwaffnend glücklichen Sprüchen wie «It’s life. It’s interesting. It’s fun» als Phänomen der 80er-Jahre Popkultur bezeichnet werden. Warum David hinter den auf den ersten Blick kitschigen Malereien mehr sieht, als nur Unterhaltung, erzählt er uns zu Tomatenpasta und einem Glas Wein.

David Glanzmann vor einem Teller Tomatenpasta bei Kerzenschein und einem Glas Wein.

Ein Bob Ross über der Bettdecke.

Gehört die Musik, die wir gerade hören, zum Ausstellungssetting?
David Glanzmann: Nein, jede Person, die Aufsicht macht, darf ihre eigene Playlist spielen. Man soll sich zu Hause fühlen.

Wie kam es dazu, dass in deiner Wohnung 39 originale Malereien von Bob Ross für die Öffentlichkeit ausgestellt werden – und für alle zugänglich sind? In anderen Worten: Dass du deine Wohnung zum Ausstellungsraum hast werden lassen?
Es ist quasi eine Folgeausstellung von «After Bob Ross – Beauty is Everywhere», die das Museum im Bellpark Kriens im ersten Corona-Sommer gezeigt hat. Wir haben verschiedene Kunstschaffende eingeladen, ein Bild nach Bob Ross zu malen. Wir haben sie sozusagen in Maltherapie geschickt (lacht). Es wurde eine erfrischende und auch nicht ganz so ernsthafte Ausstellung.

Und warum hängen die Bilder nun hier und nicht im Museum?
Damals wollten wir unbedingt ein echtes Bild in die Ausstellung einschleichen, um zu schauen, ob jemand das Original von den Nachahmungen unterscheiden kann. Wir sind dann aber nicht an die Bilder rangekommen, und eines zu kaufen hat nicht in unser Budget gepasst.

Wie viel kostet ein Bob Ross-Original?
Um die 15'000 Franken. Aber dann haben wir mit einem holländischen Museum Kontakt aufgenommen, das eine Ausstellung mit Originalen plante – jedoch hatten sie die Bilder zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht.

Und wie seid ihr dann trotzdem zu den Bildern gekommen?
Etwa ein halbes Jahr später fragten sie uns dann, ob wir immer noch daran interessiert sind, bevor sie wieder zurück nach Amerika geschickt werden. Wir waren uns erst nicht so sicher, weil wir schon ein volles Programm und das Thema auch schon ein wenig abgeschlossen hatten. Aber wir wollten uns die Gelegenheit dann aber doch nicht entgehen lassen. Es nahm uns schon Wunder, wie die Bilder in echt aussehen.

Ein bisschen Guilty Pleasure ist es ja schon...
Ja, das trifft es eigentlich sehr gut. Es würde niemand direkt zugeben, aber es interessiert einen schon! Ist das Ausstellen in deiner Wohnung eine Notlösung? Nicht wirklich. Zuerst habe ich schon eher aus Scherz gesagt: «Dann stellen wir sie halt bei mir aus», aber nach einigen Nächten darüber schlafen, dachte ich, warum eigentlich nicht? Ein Bob Ross sollte doch zu Hause gezeigt werden und passt viel besser in eine heimelige Atmosphäre als in einen sterilen Museumsraum. Die Bedingung war, dass der Aufwand nicht zu gross wird, und wir unsere Sachen in der Wohnung lassen können.

David Glanzmann wühlt in seinem Sideboard

Vor einer Woche wurden die Gemälde aufgehängt: Wie wohnt es sich mit ihnen?
Ich hatte erst Angst, dass mich die 39 Landschaftsdarstellungen erschlagen würden, aber es ist voll okay. Je länger ich mit den Bildern bin, desto mehr merke ich sogar, dass sie mehr sind als nur Kitsch. Sie haben Tiefe und sind gar nicht so banal, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Es gibt viel Schlimmeres. Die Technik ist grossartig! Er ist wie ein Magier, der mit seinen Tricks verzaubert. Aber mir ist auch klar, dass die Kunstwelt seine Bilder niemals als Kunst bezeichnen würde.

Warum eigentlich nicht? Es gibt eine grosse Fanbase, Menschen wollen einen Bob Ross haben und auch kaufen...
Es ist einfach nichts für das gängige Kunstpublikum und entspricht nicht dem, was heute als zeitgenössische Kunst bezeichnet wird. Obwohl – viele junge Kunstschaffende malen wieder vermehrt. Ich muss sagen, für mich haben die Bilder von Ross etwas mit Kunst zu tun. Er hat immer drei Versionen gemalt: «Inspiration» komplett aus seiner Fantasie, «TV» live im Fernseher nach Vorlage und dann «Book» als Schritt-für-Schritt-Tutorials in Buchform. Ersteres ist dann vielleicht das wahre Kunstwerk, während das TV-Bild eine Performance sein könnte. Eine spannende Diskussion, dass die Malerei Mittel zum Zweck und gar nicht Endprodukt sein muss.

Er selber hat sich aber nie als bildender Künstler bezeichnet – vielleicht aus Selbstschutz?
Ich denke schon. Die Kunstwelt lebt von Trends und was aktuell ist, und das verändert sich im Eiltempo. Bob Ross’ Bilder sind hingegen zeitlos. Niemand interessiert sich für ein Entstehungsjahr, sie sind immer gleich und es dreht sich alles um das Sujet.

Zeigst du mir dein Lieblingsbild?
Das hier rechts über dem Sideboard aus Holz im Schlafzimmer: Die Berglandschaft ist ziemlich nüchtern gemalt. Etwas untypisch für ihn. Es ist einfach ein normales, etwas langweiliges, unaufdringliches Motiv. Aber der Baumstamm im Vordergrund gefällt mir sehr gut, weil er realistisch und nicht voller Pracht und überidealisiert dargestellt ist.

Holzsideboard  mit drei Malereien darüber gehängt.

Du hast vorher gesagt, die Aufsichten dürfen sich die Musik aussuchen: Betreust du denn die Ausstellung nicht selbst?
Doch, doch. Das hat mehr damit zu tun, dass ich auch noch im Museum Aufsicht habe und während den Öffnungszeiten nicht immer hier sein kann.

Die Wohnung wirkt unglaublich aufgeräumt – bis du ein ordentlicher Mensch oder räumst du jetzt extra auf?
Normalerweise ist es hier viel unordentlicher. Ich habe heute morgen zwei Stunden aufgeräumt und die Wohnung für die Vernissage hergerichtet. Aber das werde ich nicht zwei Monate lang machen. Es wird sicher der Moment kommen, wo ich auch mal in Jogginghosen rumlaufe. Das mache ich sonst ja auch.

So lange performen mag niemand. Hast du etwas im Keller versteckt, das dir peinlich ist?
Nein, warum auch? Aber wir waren auch einfach zu faul, um gross was umzustellen oder zu verstecken. Bürozeugs haben wir als einziges in Schränke gepackt. Aber von mir aus kann gerne jemand eine Rechnung mitnehmen und für mich bezahlen.

Gibt es Räume, die für Besucher:innen nicht zugänglich sind?
Nein. Besucher:innen dürfen auch Schränke öffnen, sich am Kühlschrank bedienen oder einen Kaffee machen. Man kann gerne auch zum Zmittag kommen. Ich lebe ja hier und muss auch essen und trinken.

Mir ist auch der Fernseher mit der Videoinstallation von Miriam Rutherfoord und Joke Schmidt aufgefallen. Ich dachte erst, es läuft Tageschau!
Ja, die Arbeit dreht sich um das Behind the Scenes von SRF. Man merkt vielleicht zuerst gar nicht, dass es eine Installation ist. Ich finde, ein laufender Fernseher trägt viel zu einer wohnlichen Atmosphäre bei. Zeigt ihr eine junge, zeitgenössische Position als Kontrast zu den Malereien? Es geht eher um einen Überraschungseffekt, der dazu dient, auch ein nicht so kunstaffines Publikum an eine junge und lokale Position heranzuführen. Besucher:innen kommen vielleicht wegen Bob Ross, den alle kennen und der nicht mehr erklärt werden muss, aber verlassen die Ausstellung mit Interesse an einer zeitgenössischen Arbeit.

Zum Schluss; was ist dein Lieblingszitat von Bob Ross?
Ich würde sagen: «A happy little accident».

David Glanzmann auf einem Sofa mit einem Müllsack, auf dem «real» stehtEin Bob Ross über einer Kommode mit einer angelehnte Barbie mit Flügeln

 


Interview: Gianna Rovere
Fotos: Hannah Grüninger

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