Der schwarz gekleidete Mann an der Rock-Theke – Eine Erinnerung an Charles P. Schum (1950–2002)

Charly Schum war der erste Luzerner Kulturjournalist, der regelmässig über Pop, Rock und Jazz schrieb – und dies im Vaterland, der damaligen Tageszeitung der katholischen Garde. Pirmin Bossart, langjähriger Musikjournalist, erinnert sich an einen Freund und Kollegen, der seine Rezensionen, so die Legende, nicht selten noch während des Konzerts hinter der Bar verfasste.

Bilder: Emanuel Ammon

Vor bald 20 Jahren, im Januar 2002, ist er unerwartet gestorben, dieser fleissige, frotzelnde, süffisant kommentierende und liebenswürdige Musikjournalist und Kulturliebhaber aus Luzern. 52 Jahre war er alt, als man ihn an einem frühen Nachmittag in seiner Wohnung in der Neustadt tot auffand.

Von der jungen Generation, deren kulturelles Gedächtnis im besten Falle ein paar Jahre zurückreicht, kennt ihn kaum einer mehr. Dies ist nicht zu werten, sondern gibt einem höchstens zu bedenken, wie relativ das einstmals Wichtige ist, wie vergänglich der Ruhm und wie schnell und erbarmungslos die Zeit in den Aufgeregtheiten der aktuellen Szenen verdampft. Dabei war Charly im populärmusikalischen, jazzigen und gesellschaftlichen Kulturgeschehen mittendrin, wie heute ein Szenenbeobachter kaum stärker mittendrin sein kann, es in Anbetracht der explodierenden Vielfalt kultureller Aktivitäten auch gar nicht mehr sein kann.

Zwischen Vaterland und Sedel
Während 30 Jahren ist Charles P. Schum für die junge Zentralschweizer Pop- und Rockszene eine zentrale Anlaufstelle und wichtiger Vermittler gewesen. Er schrieb wohl Tausende von Artikeln, Porträts, Rezensionen, begeisterte sich für junge Bands, pushte sie, lud auch mal ein paar Lieblinge zu sich in die Wohnung. Dort roch es nach Rauch und Alkohol und schlichen heimlifeiss seine zwei Katzen herum, die auch schon mal Besucher – wie den Schreibenden – stante pede attackierten, weil er zu lange in ihre gelben Schlitzaugen gestarrt hatte. Wie eine Nähmaschine bohrten sich die Katzenzähne ins Handgelenk, da verging auch die Lust auf ein weiteres Bier, oder war es eine Linie?

Charles war als Musikjournalist ein Pionier in der Zentralschweiz. Ausgerechnet das konservative Vaterland (das war damals eine von drei Tageszeitungen in Luzern) lancierte Mitte der 1970er-Jahre mit dem Musik-Report eine eigene Musikseite, die von Charly während Jahren mit Sorgfalt betreut und produziert wurde. Mit dieser Präsenz und unzähligen Berichten über Pop, Rock und Jazz hat er diesen Szenen in der Zentralschweiz überhaupt zu einem öffentlichen Stellenwert verholfen. Dieser war damals noch vergleichsweise kümmerlich und musste von unten, mit Leidenschaft und Beharrlichkeit, erkämpft werden.

Kein Wunder, dass der umtriebige Kulturjournalist mit seinen connections auch massgebend am Aufbau des Musikzentrums Sedel beteiligt war. Zusammen mit dem Musikproduzenten HP Schuwey hatte er die Interessengemeinschaft Luzerner Musiker (ILM) gegründet, die nach vereinten Anstrengungen und Protesten im April 1981 von Stadtrat Robert Schiltknecht den Osttrakt der ehemaligen Strafanstalt für Proberäume und Konzerte zugesprochen erhielt. Auch als Mitglied der kantonalen Kulturförderungskommission sowie in zahlreichen Jurys war er ein verlässlicher Supporter des jungen Musikschaffens. Damit nicht genug: Während Jahren hat Charly mit seiner Agentur Lion’s Productions Konzerte veranstaltet. Unter anderem holte er Stephan Eicher, BAP, Erste Allgemeine Verunsicherung, Jango Edwards, Nena, Jimmy Cliff, Inga Rumpf, Gianna Nannini, Andreas Vollenweider oder Nina Hagen nach Luzern.

Charlie Schum, © Emanuel Ammon

Zuhinterst an der Bar
Das Bild hat sich bis heute eingeprägt: Charly zuhinterst an der Bar in der Schüür, in der Boa oder oben im Sedel-Club. Immer und überall war er zugegen. Eine auffallende Figur, stets schwarz gekleidet, schwarze Brille, schwarzes Kinnbärtchen und gerne mit einem schwarz giftelnden Kommentar auf den Lippen. Charly, der im hierzulande noch etwas prüderen Klima der 1980er-Jahre auch seine Homosexualität ungeniert lebte, war privat ein grosser Opern-Liebhaber und Theater- und Kunstfreund. Regelmässig hat er auch über Filme und Comics geschrieben, zum Beispiel im Kulturkalender, der heute als 041 – Das Kulturmagazin bekannt ist.

Bewundernswert waren seine tadellosen Manuskripte, was in der Vor-Computerzeit, als man noch auf der Schreibmaschine herumklapperte und seine Gedanken jenseits von copy paste zuerst eigenständig klären und ordnen musste, eine Sonderleistung darstellte, zumal er mit seinen kunstvoll gezirkelten Sätzen auch stilistisch eine gute Schreibe hinlegte. Es konnte vorkommen, dass er gelegentlich ein Konzert nur noch mit den Schlussakkorden erwischte, weil er vielleicht zwei oder drei Anlässe pro Abend besuchte. Dass er mit seiner Erfahrung trotzdem einen passenden Artikel hinkriegte, vermögen wohl nur Journalist:innen zu würdigen.

Subkultur, Kulturschickeria, Rock ’n’ Roll
Als Szenegänger par excellence war Charly in der Subkultur und in der etablierten Kultur bewandert. Er kannte die Kulturschickeria und ihre Intrigen, konnte gut spötteln, liebte den Klatsch. Er hat getrunken, geraucht, gut gegessen, gefeiert. Das war sein Rock ’n’ Roll. Doch behielt er immer einen guten Rest Eleganz, eine Eigenheit, letztlich auch ein Gespür für das Mass im Masslosen, zumindest den Schein im Sein.

Vielfältig interessierte Kultur- und Lebemenschen alter Schule, wie Charly einer war, sind heute in den aufgesplitterten Szenen eine Mangelware geworden, vielleicht gar ausgestorben. Die Welt hat sich verändert, auch die Musik, und das Lebensgefühl sowieso. Es wird jenen, die heute am Drücker sind und die Aktualität mit Zeitlosigkeit verwechseln, dereinst nicht anders ergehen. Im besten Fall wird man sich noch ein paar Instagram-Momente lang an sie erinnern. Und dann weiterscrollen.