Den Teufel aus dem Leib prügeln

In seinem neuen Film «Hexenkinder» erzählt der Zentralschweizer Filmemacher Edwin Beeler die Geschichten von Kindern, die im Namen des Christentums unheimlicher Gewalt ausgesetzt wurden. Der klug und empathisch erzählte Film wirft unangenehme Fragen auf.

Mit ruhiger Stimme erzählt MarieLies Birchler Ungeheuerliches. Sie schildert drastische Körperstrafen und Kindheitserinnerungen, die aus nichts als Angst und Schmerz bestehen, erzählt von in katholisch geführten Kinderheimen eingeprügelten Mustern und Zweifeln, deren Überwindung sie viel Kraft gekostet hat. MarieLies Birchler ist eine der Protagonistinnen in Edwin Beelers neuem Film «Hexenkinder». Der Filmemacher lässt fünf Überlebende der Schweizer Heimkultur der 50er-, 60er-, gar noch 70er-Jahre aus ihrer Kindheit erzählen. Das Vertrauensverhältnis, das Beeler offensichtlich zu seinen Protagonisten aufgebaut hat, schafft eine geradezu unheimliche Nähe, eine zuweilen kaum auszuhaltende Unmittelbarkeit. Die eingestreuten Landschaftsaufnahmen ohne direkten Bezug zu den Geschichten muten wie bitter nötige Verschnaufpausen an.

Armut als Sünde

Die «zwangsversorgten» Heimkinder kamen aus Verhältnissen, die von Armut und oft auch Vernachlässigung geprägt waren, «milieugeschädigt, schwererziehbar oder sittlich verwahrlost» lautete die Diagnose. In den Anstalten sollte ihnen ein sicheres, wohl auch glücklicheres Aufwachsen ermöglicht werden. Doch der Staat unterliess es, nachdem er sie bereitwillig aus ihrem Umfeld riss, «seine schützende Hand über die Kinder zu halten», wie es Sergio Devecchi ausdrückt, ein weiterer Protagonist des Films. Stattdessen werden die Kinder den christlich geführten Heimen auf Gedeih und Verderb überlassen.

Auch wenn mehrere von Beelers Protagonistinnen und Protagonisten Ordensschwestern schildern, die offensichtlich sadistische Züge hemmungslos an den ihnen anvertrauten Kindern ausleben, gelingt es dem 62-jährigen Filmemacher, grössere Zusammenhängeherzustellen. Zum einen stellt er klar, dass die Heime aus heutiger Sicht hoffnungslos unterdotiert waren. So waren zum Teil einzelne Personen Tag und Nacht für Dutzende von Kindern verantwortlich. Dazu kommt, dass viele der Ordensschwestern kaum pädagogisch geschult waren. In ihrer heillosen Überforderung griffen sie regelmässig zu roher Gewalt, um die Kontrolle über die – sicherlich nicht immer leicht zu bändigenden – Kinder zu erlangen.

Kontinuität der Gewalt

Zum anderen schlägt Beeler aber einen mehrere Jahrhunderte umfassenden Bogen. Die Erzählungen seiner Protagonistinnen und Protagonisten verwebt er mit Geschichten von Kindern, die im Zuge der Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit gejagt, gefoltert und oft auch getötet wurden. Auf den ersten Blick mag es irritieren, dass Beeler den fesselnd und schonungslos erzählten Schicksalen unserer Zeitgenossen Geschehnisse aus dem 15. bis 18. Jahrhundert beiseitestellt, die aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar sind. Man ist versucht, ihm zu unterstellen, dass er seinen Figuren nicht traut. Dass er – vollkommen unnötig! – fürchtet, für sich alleine seien ihre Geschichten nicht stark genug.

Es drängt sich der Gedanke auf, welche gesellschaftlichen Mechanismen, die heute zur Normalität gehören, unsere Kinder und Kindeskinder dereinst mit dem gleichen Entsetzen betrachten werden.

Doch im Verlauf des Films drängt sich mehr und mehr eine unbequeme Einsicht ins Bewusstsein: Die in der Frühen Neuzeit verfolgten Kinder wurden aus den gleichen Gründen verfolgt und umgebracht, wie die Menschen in Beelers Film aus ihrem Umfeld gerissen wurden. Damals wie heute sollten die Kinder durch Gewalt in unsere Gesellschaft eingepasst werden – in eine Gesellschaft, die Abweichung nicht toleriert und in der Armut eine Sünde ist. Beeler stellt da nicht den 60er-Jahren das 16. Jahrhundert gegenüber, sondern zeichnet eine beängstigende Kontinuität auf.

Ein Blick auf die Gegenwart

Und während man sich weiter und weiter in den weichen Kinosessel drückt, fragt man sich unweigerlich, wohin denn all diese Inbrunst, mit der man den Kindern den Teufel aus dem Leib prügeln wollte, geflossen ist. Was in den vergangenen dreissig, vierzig, vielleicht fünfzig Jahren aus dem Gedankengut geworden ist, das sich zuvor über Jahrhunderte gehalten hatte. Und genauso drängt sich der Gedanke auf, welche gesellschaftlichen Mechanismen, die heute zur Normalität gehören, unsere Kinder und Kindeskinder dereinst mit dem gleichen Entsetzen betrachten werden, das uns nach Beelers «Hexenkindern» noch lange verfolgt. So gelingt es Beeler, nicht nur ein eindrückliches Zeitdokument zu präsentieren, sondern einen ausgezeichneten Film vorzulegen, der weit über Einzelschicksale hinausweist.

Hexenkinder
Ab DO 17. September
Bourbaki, Luzern; Seehof, Zug; Kino Stans; cineboxx, Einsiedeln.