Dejan Barac: Ein Blick ins Innere

Dejan Barac ist einer der grossen Aufsteiger der Dokumentarfilmszene. Seine Kurzdokumentation «Mama Rosa» gewann die vergangenen zwei Jahre diverse Preise – nun folgt die Auszeichnung mit dem Innerschweizer Filmpreis. Diese Woche gibt's den Film On Demand auf der Webseite des Locarno Film Festivals zu sehen.

Titelbild: zVg

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Dejan Barac ist keine auffällige Erscheinung. Er wirkt in sich gekehrt, im Gespräch wählt er seine Worte sehr präzise. Wenn er spricht, dann mit gemässigter Stimme. Der 35-Jährige lässt in seinem Schaffen andere zu Wort kommen: Barac gehört zu den gefragtesten Jungfilmern der Schweiz, sein Kurzdokumentarfilm «Mama Rosa» wurde im Sommer 2019 am Locarno Film Festival mit dem Goldenen Leoparden für den besten Schweizer Kurzfilm ausgezeichnet, im Januar 2020 folgte der Nachwuchspreis an den Solothurner Filmtagen. Es folgte ein Preis am Odense Film Festival, der ihn für die Oscars qualifizierte, und jetzt erhält er den Innerschweizer Filmpreis für ein Werk, dessen langer Nachhall noch immer nicht verklungen ist.

Ein intimes Porträt

Film studieren wollte Dejan Barac eigentlich schon lange. «Zur Sicherheit» schrieb er sich aber erst an der Pädagogischen Hochschule ein. Es fühlte sich nicht richtig an. Er brach ab, rund zwei Wochen vor Eingabeschluss der Bewerbungsdossiers um ein Filmstudium an der Hochschule Luzern. «Ich lieh mir eine Kamera aus und drehte einen Film. Meine Eingabe bestand aus einem USB-Stick, während alle anderen grosse Kartonmappen mit Projektskizzen einreichten – das verunsicherte mich», erzählt er. Doch war es ausgerechnet ein Dozent der Pädagogischen Hochschule, der Barac zur Eingabe motivierte. So drehte Barac seinen ersten Film überhaupt, eine Dokumentation über einen Freund, der von seiner Flucht erzählt.

Vier Jahre später präsentierte er mit «Mama Rosa» seinen Abschlussfilm, das Porträt seiner eigenen Mutter. Barac zeigt sie im Alltag, wie sie tagsüber als Reinigungskraft arbeitet und sich am Abend um ihren pflegebedürftigen Mann – Baracs Stiefvater – kümmert. Ein Leben zwischen monotoner Arbeit und Selbstaufopferung. Es sind beklemmende Einblicke, die der Jungfilmer in seine ganz persönliche Sphäre gewährt. Er öffnet die Tür zur kleinen Wohnung seiner Familie für die Öffentlichkeit.

Es habe geholfen, in der Rolle des Regisseurs in diesen Kleinkosmos einzutreten, sagt er. Er habe viele Interviews mit seiner Mutter geführt, sie sprachen über Selbstbestimmung, über Selbstwert. Sie würde nie ihr eigenes Wohl über das der anderen stellen, sagt er, selbst wenn sie darunter leidet.

Mama Rosa Stillframe

Gesehen hatte seine Mutter den Film erst im vergangenen Jahr. Ihre Lebenssituation hat sich inzwischen verändert, sie hat sich von ihrem Partner getrennt. Ob sein Schaffen dazu beitrug, wisse er nicht, sagt Barac. Doch: «Die Intention des Films war es, meiner Mutter den Spiegel vorzuhalten, sie zu einer Auseinandersetzung zu bewegen.» Er freut sich über die Veränderung in ihrem Leben.

Skaten gegen Liebeskummer

Bisher wurde der Film an zehn Festivals gezeigt. Und Barac ist bereits an den nächsten Projekten. Neben dem Masterstudium Regie Dokumentarfilm an der ZHdK reist er gerade – soweit möglich – durch Kroatien und Bosnien. Er geht zurück zu den Anfängen seiner eigenen Geschichte, recherchiert über den Exodus der Jungen, über Fluchtschicksale aus dieser Gegend.

Trotz der scheinbaren Unauffälligkeit: Dejan Barac fasziniert. Auf Zukunftspläne angesprochen meint er, gerade suche er einen Abstellplatz für seinen Bauwagen, in diesem Frühling beginnt er ausserdem eine Ausbildung zum Schafhirten. Auch besänftige er seinen momentanen Liebeskummer mit Ollies auf seinem Skateboard, sagt er. Filmerisch ist er aktiv, er setzt ein Projekt für Alzheimer Luzern um. Er nimmt sich Zeit – es wird sich auszahlen.

Mama Rosa
Bis FR 26. Februar
Im Stream des Locarno Filmfestivals, On Demand