
02.03.26
«Etwas passiert, das wir niemals planen können»
Die Nischen verlassen und allen etwas bieten: Das will Lea Willimann, zum dritten Mal künstlerische Leiterin des Fumetto Comic Festivals.
Gina Bucher (Interview)
Es riecht nach frisch zugesägter Fichte und Büchern im neuen Büro des Fumetto Comic Festivals. Lea Willimann sitzt hinter einem riesigen Bücherregal, das der Betriebsleiter eigenhändig gezimmert hat. Gerade erst im Dezember ist das Festival von der Rössligasse an die Fadenstrasse in der Viscosistadt gezogen.
Du kuratierst als künstlerische Leiterin das Fumetto Comic Festival jetzt zum dritten Mal. Wie entsteht das Programm?
Laufend, manche Ideen entwickeln sich weit im Voraus. Da wir mehrere grosse Ausstellungen planen und dazu Zwischen- und Nebenformate sowie ein Begleitprogramm, sind es viele verschiedene Zeitstränge, die wir gleichzeitig verfolgen. Das ist die grösste Herausforderung für uns: diese tausend Fäden, die alle überhaupt nicht gleich lang sind, zu einem schönen Ding zu verweben.
Wir leben in einer hypervisuellen Zeit. Was bedeutet das für das Erzählen mit Bildern?
Womöglich Fluch und Segen zugleich. Zum einen kommt die Bilderflut dem Comic zugute. Es ist einfacher geworden, über das Medium Comic mit Bildern Geschichten zu erzählen, weil ein Comic einfach als ein Bild unter vielen wahrgenommen wird. Da ist ein weiteres Bild, das einem etwas erzählen will. Gleichzeitig ist jedes zusätzliche Bild eine Konkurrenz. Wir können nicht alles wahrnehmen, was wir sehen. Damit ist ein Comic nicht mehr so einzigartig.
«Den Röstigraben gibt es auch in der Comicszene. Nur schon, weil der Comic in der Romandie viel weniger erklärt werden muss als in der Deutschschweiz.»
Du reist für das Fumetto auch viel ins Ausland: Wie wird die Schweizer Comicszene in der Welt wahrgenommen?
Durch die Schweizer Sprachvielfalt entsteht eine ganz besondere Melange. Jede Region bringt eine andere Tradition mit: der frankophone Raum, der sich an der frankobelgischen Comictradition orientiert, die Deutschschweiz, die vom deutschen Comic beeinflusst ist, das Tessin, das sich nach Italien ausrichtet. Wenn ich im Ausland mit den Schweizer Comics vertreten bin, dann nehme ich alle Regionen mit, weil sich das Fumetto als gesamtschweizerische Institution versteht. Gemessen daran, wie klein die Schweiz ist, haben wir eine sehr vielfältige Szene. Das wird im Ausland gesehen. 2024 waren wir zum Beispiel mit dem Comic-Netzwerk Schweiz in Erlangen vertreten. Dort findet alle zwei Jahre das grösste deutsche Festival statt. Bei der Vergabe des renommierten Max-und-Moritz-Preises räumte die Schweiz alle Preise ab, das war ein schöner Triumph. Dabei spielt sicher auch mit, dass die Schweiz eine Tradition mit Buchgestaltung pflegt. Verlage wie die Edition Moderne oder Atrabile sind weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.
Was ist mit dem Röstigraben?
Den gibt es – auch in der Comicszene. Nur schon, weil das Medium Comic in der Romandie viel weniger erklärt werden muss als in der Deutschschweiz. Der Vibe ist dort anders, selbstverständlicher.
Was fasziniert dich persönlich am Comic?
omics sind intuitiv zu verstehen, weil der Text auch visuell funktioniert. So entsteht eine tolle Sprache, die niederschwellig zugänglich ist. Das Grossartige ist ja das Dazwischen – der Subtext zwischen Bild und Text. Diese Ebene kriegst du nur im Comic. Dadurch bieten Comics sehr viele Möglichkeiten für jedes Gegenüber – und für unterschiedlichste Zwecke. Neben literarischen Erzählungen auch für Vermittlung, Dokumentation oder Reportagen.
Obwohl die Struktur des Festivals stark professionalisiert wurde, hat es nie seine Atmosphäre verloren. Wie ist das Fumetto sich selbst treu geblieben?
Wir sind ganz, ganz, ganz stark von einer treuen Community getragen! Obwohl sich der Zeitgeist gewandelt hat und nicht mehr so viele bereit sind, umsonst zu arbeiten, haben wir viele freiwillige Helfer:innen. Nach wie vor kommen vor und während des Festivals zig Comic-Zeichner:innen, Studierende, Interessierte für zwei, drei Wochen hierher, um das Fumetto gegen Kost und Logis mitaufzubauen. Ich glaube, das gibt dem Festival die Seele, die alle spüren. Und natürlich auch die Stadt selbst: Durch die Satellitenausstellungen und die vielen auf verschiedensten Ebenen involvierten Menschen vor Ort sind wir stark in Luzern verankert.
Ihr bietet einer Kunstform, die sonst hauptsächlich in Nischen gezeigt wird, eine grosse Bühne. Wie schafft ihr das?
Das Fumetto ist als Festival ein Solitär. Grosse Festivals finanzieren sich über teure Tische, die in grossen Hallen an Aussteller:innen verkauft werden. Das Fumetto zeigt unabhängige, nichtkommerzielle Comic-Stimmen. Solche Festivals sind normalerweise klein und werden unter prekären Bedingungen selbst organisiert. Wir aber haben eine Geschäftsstelle mit einem fest angestellten Team. Zum Teil mit kleinen Pensen, aber ich bin ganzjährig angestellt und kann für das Fumetto auch ins Ausland reisen. Für ein nichtkommerzielles Festival ist das eine spezielle Situation. Wir agieren auf einer Zwischenebene: Wir sind besser aufgestellt als die ganz kleinen, selbstorganisierten und gleichzeitig unabhängiger als die grossen Verlagsmessen.
Und doch verfügt ihr nicht über die ganz grossen Gelder.
Nein, alles ist auf Kante genäht, und das ist oft herausfordernd. Denn wir wollen alle professionelle Arbeit leisten und vor allem die Künstler:innen richtig bezahlen. Wir verstehen uns ja schliesslich als Lobbyist:innen für die Zeichner:innen. Das ist unser Spannungsfeld: Wir wollen fair bezahlen und gleichzeitig möglichst viel Programm zeigen. Das funktioniert nur, weil wir viele gute Leute haben, die gegen wenig Geld mit uns arbeiten. Wie halt oft in der Kulturarbeit – und das macht es gefährlich. Denn das gehört sich eigentlich nicht. Und es ist schwierig, die guten Leute langfristig zu halten. Das ist ein ständiger Kampf. Gleichzeitig erfahren wir viel Wohlwollen. Immer wieder tun sich neue Fenster auf.
Wie hat die Pandemie das Festival verändert?
Manchmal glaube ich, dass die Pandemie das Bedürfnis nach dem Live-Erlebnis sogar gestärkt hat. Ein Festival lebt davon, dass alle gleichzeitig an einen Ort kommen und dann etwas passiert, was wir niemals hätten planen können. Das ist der allerschönste Moment. Auch wenn sich das Konsumverhalten in der Kultur gerade stark ändert, gehen die Menschen immer noch ins Museum oder ins Theater. Das ist die Aura des Originals, das lässt sich nicht durchklicken. Deswegen, glaube ich, ist ein Festival wie das Fumetto auf gewisse Weise unverwundbar.
Inwiefern interessieren dich digitale Formate? Muss man sie zwangsläufig integrieren, um modern zu wirken?
Tatsächlich muss man sie als Ausstellungsmacher:innen ins Portfolio nehmen. Und wir machen das auch. Aber wirklich fundiert mit der Natur des digitalen Erzählens befasst habe ich mich bislang noch nicht. Das bräuchte ein eigenes Festival! Im digitalen Raum wird anders erzählt. Das ist ein riesiges Thema, an das ich gerne richtig herangehen will. Denn die alleinige Integration von digitalen Mitteln führt oft nur zu Wiederholungen. Zeichnungen einfach auf einem Tablet zu präsentieren, ist noch keine Auseinandersetzung mit digitalem Erzählen.
Wann ist eine Fumetto-Ausgabe gelungen?
Wenn wir am Ende Positives aus verschiedensten Ecken hören. Denn wir wollen kein Programm von der Szene für die Szene machen, nicht nur für akademisches Publikum, nicht nur für die Luzerner:innen oder nicht nur für die Leute aus Zürich – sondern wir wollen allen, wirklich allen, etwas bieten.
Du hast Kulturanthropologie und Osteuropäische Geschichte studiert. Wie bist du zum Fumetto gekommen?
Schon während des Studiums habe ich im Cartoonmuseum Basel gearbeitet, danach über zehn Jahre im Caricatura Museum Frankfurt. Das Fumetto kenne ich ursprünglich als Besucherin, privat habe ich schon immer gern Comics gelesen. Beim Fumetto kommt vieles zusammen. Ich komme aus dem Museumsausstellungskontext, habe aber auch einen kulturanthropologischen Blick.
Worauf bist du dieses Jahr besonders stolz?
Das ist eine fiese Frage! Dieses Jahr haben wir zum zweiten Mal ein Fumetto-Tandem. Alessandra Respini aus Neuchâtel und Salma El Tarzi aus Kairo wohnen und arbeiten während zwei Monaten in der Residenzwohnung im Neubad. Daraus entsteht eine Ausstellung, mit der sie später zusammen auch am Cairo Comix Festival sind. In diesem Projekt passiert ganz vieles, wofür das Fumetto steht: dass man zwei zusammenbringt und daraus eine Überraschung entsteht.
Wo bist du während des Festivals?
Überall! ... Tatsächlich.
Mit dem Velo?
Nein, ich fahre nicht mit dem Velo in Luzern! Das ist viel zu gefährlich.
Was hast du bisher noch nie geschafft und was willst du unbedingt noch schaffen?
Zwei grosse Augen auf den Wasserturm montieren! Das geben wir jedes Jahr bei der Stadt ein und bekommen jedes Jahr eine Absage. Ursprünglich hiess es, die Aufhängung müsse besser sein. Das haben wir mit einem Steinmetz prüfen lassen. Dann hiess es: Die Mauersegler brüten. Jetzt sind wir zwar einen Monat früher als sonst, also eigentlich auch früher als die Mauersegler, aber das hat irgendwie auch nicht geholfen, sondern wurde wieder abgesagt. Aber wir bleiben dran.
Wo entdeckst du neue Formate, Namen, Bücher?
Peinlich – im Internet. Auch wenn ich versuche, einen Ausweg zu finden, damit man dort nicht mehr so oft sein muss. Schliesslich verliere ich auf Plattformen wie Instagram viel Zeit und weiss doch nicht, welche Persönlichkeitsrechte ich abgebe. Aber natürlich nutze ich es. Am allerliebsten aber fahre ich auf andere Festivals. Und ich bin oft in Buchhandlungen. Ich liebe es, Bücher in den Händen zu halten. Ein guter Tipp ist übrigens die Luzerner Stadtbibliothek. Sie hat eine wirklich gut sortierte Comic-Abteilung.




