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Porträt von Romana Lanfranconi und Sarah Elena Schwerzmann, fotografiert von Franziska Kleinsorg

02.03.26

Film

«Das betrifft tausende von Arbeitsplätzen»

Die Annahme der Halbierungsinitiative hätte nicht nur verheerende Auswirkungen auf die Medien-, sondern auch auf die Filmlandschaft. Ein Gespräch mit Romana Lanfranconi und Sarah Elena Schwerzmann.

Alice Galizia (Interview) und Franziska Kleinsorg (Bilder)

Romana Lanfranconi, Sarah Elena Schwerzmann, wo steht der Schweizer Film heute?

Romana Lanfranconi: An einem interessanten Punkt: Wir haben eine grosse Vielfalt an Filmen und Serien, die auf ganz unterschiedliche Arten von Lebenswelten und Regionen der Schweiz erzählen. Denken wir zum Beispiel an «Tschugger»: Die Serie hat ein grosses Publikum mit spezifisch schweizerischen, eigentlich regionalen Inhalten erreicht. Das ist wichtig: Es stiftet Identität und trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

Sarah Elena Schwerzmann: Was wir in der Schweiz gut können, ist, in einen Mikrokosmos einzutauchen und von da aus etwas Grösseres zu erzählen. Das sieht man etwa an unserer langen, qualitativ hochstehenden Dokumentarfilmtradition, die auch international wahrgenommen wird.

RL: Auch «Heldin» ist ein gutes Beispiel. Der Film von Petra Volpe war auf der aktuellen Oscar Shortlist und lockte so viele Zuschauer:innen ins Kino wie schon lange kein Film mehr. Wie gesagt: Eigentlich steht der Schweizer Film an einem interessanten Punkt – aber er ist durch die Halbierungsinitiative stark bedroht. Eine Annahme der Initiative wäre eine Katastrophe für das Schweizer Filmschaffen, man muss es so deutlich sagen. Und deswegen ist die Stimmung in der Branche aktuell nicht gerade gut, das haben wir kürzlich an den Solothurner Filmtagen gemerkt.

Wie hat sich das geäussert?

RL: Die Branchenanlässe waren geprägt vom gegenwärtigen Klima der Sparmassnahmen und Kürzungen. Dennoch gab es viele interessante Schweizer Filme zu entdecken, die zu einem spannenden Austausch zwischen Filmschaffenden und Publikum geführt haben.

SES: Die Filmbranche ist zum Glück traditionell sehr gut darin, sich zu organisieren und zu mobilisieren. Trotzdem war die Anspannung spürbar.

Sie sind als Geschäftsleiterin beziehungsweise Vorstandsmitglied beim Berufsverband Film Zentralschweiz aktiv. Welche Rolle hat der Verband im Abstimmungskampf?

SES: Unsere Region ist zentral für das Ständemehr. Deshalb haben wir früh angefangen und vor allem versucht herauszustreichen, welche Vielfalt existiert, also schon nur hier in der Zentralschweiz. Viele gewöhnen sich an die Diversität und sind sich darum oft gar nicht bewusst, was auf dem Spiel steht. Unsere Aufgabe als Branchenvertreterinnen ist es deshalb, diese Vielfalt sicht- und spürbar zu machen und ihren Wert für den sozialen Zusammenhalt hervorzuheben.

Was steht auf dem Spiel?

SES: Rund ein Drittel der Finanzierung des unabhängigen Filmschaffens, also nicht nur Kino, sondern auch unabhängig produzierte Fernsehfilme, wird von der SRG gedeckt. Das ist Teil des Pacte de l’audiovisuel, der 1997 in Kraft trat. Aktuell sind das rund 34 Millionen Franken jährlich; im Jahr 2024 hat die SRG so 220 Schweizer Filme und Serien mitfinanziert.

Dieses Geld würde komplett wegbrechen. Der Vertrag läuft noch bis und mit 2027 – mit der Halbierungsinitiative würde er aller Voraussicht nach nicht verlängert werden. Wenn dieses Geld fehlt, betrifft das Tausende von Arbeitsplätzen, nicht nur Regisseurinnen und Produzenten, sondern auch Technikerinnen, Schauspieler, Kostümbildnerinnen und so weiter.

RL: Ich habe bisher all meine freien Produktionen mit dem SRF koproduziert, was bedeutet, dass sie jeweils rund ein Drittel des Budgets beigesteuert haben. Die freien Produktionen sind ein wichtiger Beitrag zum qualitativ hochstehenden Angebot der SRG. Umgekehrt braucht es die SRG als Koproduktionspartnerin für ein starkes, innovatives Filmschaffen.

SES: Eine Weile hat man noch gehofft, es würde von anderen Stellen ein Back-up geben. Auf Bundesebene wie auch bei den Kantonen und Gemeinden sind allerdings Sparübungen angesagt. Es ist nicht zu erwarten, dass das Wegbrechen des Pacte de l’audiovisuel von anderen öffentlichen Stellen aufgefangen wird. Es geht im Übrigen auch nicht nur um die Filmbranche: Bei grossen Produktionen fliesst ein beträchtlicher Teil des Budgets in die lokale Wirtschaft, dorthin, wo gedreht wird – in Hotels etwa oder in die Verpflegung.

Die Befürworter:innen der Initiative argumentieren mit dem Geld, das die Haushalte durch die Kürzung der Gebühren sparen könnten. Wie hält man da dagegen?

SES: Es ist eine aufgeladene Diskussion. Klar, 100 Franken haben oder nicht haben ist für viele eine relevante Frage. Aber auf ein Jahr gesehen ist es trotzdem wenig Geld pro Haushalt. Wenn wir schon von finanzieller Entlastung der Haushalte sprechen, müsste man bei den Mieten ansetzen, bei den Krankenkassen, wo es um viel mehr geht – dass die Befürworter:innen das gerade nicht tun, zeigt doch nur, dass es bei der Halbierungsinitiative nicht um die Haushaltskassen geht. Sondern um die Schwächung des Service public.

RL: Dabei ist es ja gar nicht gesetzt, dass man hinterher tatsächlich mehr Geld im Portemonnaie hätte. Wenn viele Angebote bei der SRG wegfallen, ist es gut möglich, dass man sich dann zum Beispiel für Sportsendungen ein Abo kaufen muss, für die Kultur noch eines – und man am Ende unter dem Strich also mehr Geld ausgibt, als man es bis jetzt im Rahmen der Gebühren getan hat.

Wollen die Leute einfach nicht mehr für Kultur zahlen?

RL: Im Bereich Film hat sich verändert, wie und wo man Filme konsumiert. Wir haben in unserer Jugend Geld gespart für ein Kinoticket. Heute sind gerade junge Menschen weniger bereit, Geld fürs Kino auszugeben. Filme werden vermehrt zu Hause geschaut, was aber auch nicht gratis ist: Ein Netflix-Abo zum Beispiel kostet monatlich bis zu 30 Franken.

SES: Im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Angeboten haben die Streamingdienste keinen Auftrag im Bereich Bildung oder Vielfalt. In Frankreich wurde kürzlich eine Studie veröffentlicht, die unter anderem untersucht hat, was überhaupt als Dokumentarfilm wahrgenommen wird. Bei den 14- bis 35-Jährigen lautete die vorwiegende Antwort: True Crime. Dazu kommen dann vielleicht noch irgendwelche Porträts von Sportler:innen, die eigentlich eher Werbefilme sind.

Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?

SES: Man kann an dem Beispiel gut sehen, welchen Einfluss solche Plattformen auf uns haben, wie sie unsere Wahrnehmung prägen. Im Unterschied dazu spielt die SRG eine wichtige Rolle, wenn sie lokale Geschichten produziert, in vier Sprachen und aus unterschiedlichen Regionen. Das ist für den kulturellen und sozialen Zusammenhalt wichtig, aber auch anspruchsvoll und kostenaufwändig. Denn nur wenn vor Ort berichtet wird, kann die lokale Realität tatsächlich abgebildet werden. Susanne Wille sagt, man würde mit weniger Geld zum Beispiel die Tessiner Inhalte dann eben in Leutschenbach produzieren. Da frage ich mich, wie repräsentativ für die Region das noch sein kann.

RL: Dazu kommt die Übersetzungsarbeit, die die SRG leistet; in Gebärdensprache oder als Audiodeskription für Menschen mit einer Sehbehinderung. Auch sie sind wichtig für das gegenseitige Verständnis, und auch sie werden durch die Sparmassnahmen bedroht sein.

Fehlt es einfach an Bewusstsein für all diese Aspekte?

RL: Ich habe manchmal den Eindruck, es gehe das Bewusstsein dafür verloren, was der Unterschied ist zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Angeboten. Und dass es sich bei Letzteren eben nicht nur um ein kuratiertes, sondern auch um ein möglichst breites Angebot handelt.

SES: Als zum Beispiel «Gesichter und Geschichten» abgesetzt wurde, haben viele Menschen aus meinem Umfeld mit den Schultern gezuckt: «Das habe ich eh nie geschaut.» Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass das Angebot die Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Menschen abdecken sollte, da muss mir persönlich auch nicht alles gefallen.

Wie blicken Sie auf den Abstimmungssonntag?

RL: Als Vertreterinnen der Filmbranche liegt uns das Filmschaffen natürlich besonders am Herzen. Aber es ist uns wichtig zu sagen, dass es bei der Halbierungsinitiative um viel mehr geht als das lokale Filmschaffen: Es geht um unsere Demokratie. Davon ist unsere Arbeit bloss ein Puzzleteil.

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Porträt von Sarah Elena Schwerzmann, fotografiert von Franziska Kleinsorg
Sarah Elena Schwerzmann ist Kulturjournalistin und Filmemacherin. Seit dem 1. September 2025 ist sie Geschäftsführerin von Film Zentralschweiz.
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  • Konzert mit MEAN & SPEAR FLOWER im Musikzentrum Sedel in Luzern
Porträt von Romana Lanfranconi, fotografiert von Franziska Kleinsorg
Romana Lanfranconi ist Regisseurin im Bereich Dokumentarfilm.

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Alice Galizia

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