Cover April-Ausgabe 041 - Das Kulturmagazin

Jetzt probelesen aus dem April-Magazin mit dem Fokus Identität

Queere Identitäten in der Kunst: Gibt es die? Ja, aber sie werden unsichtbar gemacht. Das kann sich die Kultur nicht leisten – drum gibt’s hier Tipps, wie alles besser wird.

Ehrlich gesagt mussten wir schon ein bisschen kichern. Ein gutes Dutzend Fotos, die Unterleiber von Männern zeigten. In Leder. Nahaufnahmen. Von vorne. Erigiert.

Wir waren in einem Museum, meine Freundin und ich, an einer Ausstellung über das Gesamtwerk eines Fotografen. Auf dem Erklärschildli der Unterleibsfotos stand dann unter anderem der folgende Satz: «Zu sehen ist unintendierte Homoerotik.» Nun mussten wir erst recht lachen. Es braucht wirklich viel Vorstellungsvermögen, um Nahaufnahmen von in Leder gehüllten Ständern eines männlichen Fotografen als «unintendierte Homoerotik» auszulegen. Die Chancen stehen gut, dass das sehr wohl intendiert war. Full on homoerotisch. Und ein voller Fail des Museums.

Ich denke immer dann an diesen Satz zurück, wenn ich in der Kultur mal wieder der Hetero-Norm begegne: Dieser verkrampften Ansicht, dass jeder Mensch ausschliesslich auf das andere Geschlecht steht – und dazu die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gibt, gegenteilige, Mann und Frau, und dass das wiederum auch klar an ihren Körpern erkannt werden kann.

Die Ansicht (und wissenschaftliche Tatsache), dass dem nicht so ist – dass viele Menschen nicht hetero sind und Geschlecht in ganz verschiedenen Formen daherkommt –, nennt sich queer. Queer ist ein Überbegriff für alle Abweichungen von der Geschlechternorm; von Homos über Transpersonen bis hin zu asexuellen, inter- und bisexuellen Menschen. Dafür, dass es so viele von uns gibt, hinkt die Kultur echt hinterher mit queeren Identitäten.

Deutliches Willkommenheissen

Man muss hier unterscheiden zwischen Queers in der Kultur und queerer Kultur. Zweiteres gibt es nämlich schon seit Jahrzehnten, entgegen aller Homo- und Transphobie, auch in der Zentralschweiz. Orte (wie das Luzerner Uferlos), Anlässe (wie beispielsweise die «Akt»- Party im Neubad), Ausstellungen (etwa von Claudio Näf, der sein Schwulsein in seinen Illustrationen reflektiert) oder Filme (in Form des etablierten PinkPanorama Festivals) sind wichtige Teile queerer Kultur in der Innerschweiz. Aber: Sie sind von Queers geschaffen und ziehen ein mehrheitlich queeres Publikum an.

Das ist schön. Aber es ist nicht das Ende des Regenbogens. Queere Kultur – durchaus heterofreundlich – muss ergänzt werden durch Kultur, die Queers beinhaltet, einbindet, wiedergibt. Jeden Winter witzelt die queere Community, dass die Fasnacht eigentlich eine Hetero-Pride ist. Das ist ja ganz lustig, aber auch tragisch: Die meisten grösseren Anlässe, von der Fasnacht bis zum Oktoberfest, verfestigen Geschlechterstereotypen, die nicht nur nerven. Sie fügen zahlreichen Menschen Schaden zu, der für andere schwer vorstellbar ist. Die Pointe der «Hetero-Pride» würde weniger gut funktionieren, wenn die Mainstream-Kultur Queers deutlicher willkommen heissen würde. «Tradition» heisst nicht unbedingt «unreflektierte Wiedergabe von veralteten Werten».

Aber wir betteln eigentlich gar nicht darum, endlich Teil von Kunst und Kultur zu werden. Nein, ohne uns gäbe es euch in dieser Form gar nicht. Kulturelle Institutionen schulden es gewissermassen denen, die von der Geschlechternorm abweichen: Die Musik schuldet es Freddie Mercury und John Cage; Museen schulden es Francis Bacon oder Frida Kahlo; und wir alle schulden es David Bowie. (Diese Aufzählung ist übrigens recht willkürlich. Es wären Hunderte weitere Namen infrage gekommen.)

Was der Kommerz kann ...

Selbst wenn es keine so prägenden Kunstschaffenden gegeben hätte: Kultur kann es sich gar nicht leisten, queere Identitäten auszulassen. Subversion und kritisches Hinterfragen von Normen waren schon immer ihre Aufgabe; sie geht unter, wenn sie sich dem Normalen unterwirft. Normal sind momentan Videoclips von Seppli MC. Nicht, dass ein Männerpaar Hand in Hand durch die Bruchstrasse spaziert.

Im Übrigen ist selbst die nordamerikanische Populärkultur mittlerweile so weit, dass sie queere Inhalte normalisiert hat: Von der Reality-Show «Ru Paul’s Drag Race» über Hayley Kiyoko bis hin zu Kim Petras hat der Mainstream endlich langsam die Lunte gerochen. Und was der Kommerz kann, kann die Kunst schon lange.

Eine kleine zusätzliche Motivation für jegliche kulturelle Institutionen: Queere Inhalte bringen euch auch ein queeres Publikum. Und das besteht laut internationalen Statistiken aus immerhin bis zu 10 Prozent der gesamten Bevölkerung. Wenn es ganze Instagram-Accounts gibt, die sich über den Männeranteil auf Schweizer Bühnen lustig machen, ist es nur schon ein erster Schritt, noch ein zweites Geschlecht auf die Bühne zu holen. Just saying.

Als gäbe es nur Männer

Okay okay okay, sagen jetzt vielleicht diejenigen Kulturinstitutionen, die zugehört haben, wir haben’s verstanden, wir hauen ein paar weibliche und schwule Acts ins Programm. War’s das?

Nein. Das war’s noch nicht. Menschen jenseits der Norm miteinzubeziehen endet nicht am Bühnenrand. Setzt euch doch mal mit eurer Kommunikationsabteilung zusammen (oder dem Praktikanten, der euer Insta momentan bedient) und sprecht darüber, wie ihr sprecht. Sagt «Publikum» statt «Zuschauer», schreibt «Künstler*innen» statt «Künstler» (macht Spotify auch so). Überdenkt ausserdem eure Infrastruktur: Luzern zum Beispiel gehört zu den Kantonen, die geschlechterneutrale Toiletten erlauben. Informiert euch, weshalb das sinnvoll ist.

Und sowieso: Informiert euch! Man kann nicht eine ganze Bevölkerungsgruppe in die Kunst (re-)integrieren, ohne eine grobe Ahnung zu haben, worum es eigentlich geht. Luzern hat nicht umsonst den queeren Kulturverein «Queer Office», den man um Rat und Tipps bitten kann. Es mag nicht immer einfach sein, queere Bands, Autorinnen und Theaterstücke zu finden, aber es gibt Fauxpas, die Kulturbetriebe einfach verhindern können. Wer sich schon einmal mit Transfrauen unterhalten hat, weiss zum Beispiel, dass als Frauen verkleidete Männer keine faire Comedy-Pointe sind. Und wer schon mal mit queeren Aktivist*innen am gleichen Tisch sass, checkt, dass «Musiker» wie Seppli MC uns Queers nachhaltig aus der Innerschweizer Kulturszene vertreiben (looking at you, Radio 3fach).

Grundsätzlich gilt: Wir Queers sind eh überall. Erst recht in der Kulturszene. Es ist möglich und nötig, diese Vielfalt der Identitäten wiederzugeben. Und es ist nicht tragbar, wenn manche kulturelle Programme maximal bei «unintendierter Homoerotik» landen.