seerose hirtler kommentar

Der Untergang der Seerose

Vor zwei Jahren fand auf der rosaroten Seerose das «Gästival» statt. Das 462 Tonnen schwere Monstrum verrostet und verrottet nun in Flüelen. Was hat das «Gästival» dem Tourismus und der Kultur gebracht? Nichts, findet Christof Hirtler.

Seit Herbst 2015 liegt die rund 50 auf 50 Meter grosse und 16 Meter hohe «Seerose» im Hafen der Arnold AG in Flüelen. Am 20. März 2018 hatte die Urner Regierung nach einem langen Hin und Her entschieden, dass der 462 Tonnen schwere Stahlkoloss innert 30 Tagen aus dem Urnersee entfernt werden muss. Besitzerin ist die Parkhotel Vitznau AG.

Seit dem 20. April sollte die «Seerose» Flüelen verlassen haben. Nichts ist passiert. Als hätte jemand eine riesige, rosarote Tortenschachtel in den See geworfen, dominiert die Seerose das Seeufer von Flüelen. Der knallige rosa Anstrich ist inzwischen stark verblichen. Die Seerose konnte zwar ihre riesigen «Blütenblätter» aus Stahl hydraulisch öffnen und schliessen. Aber Assoziationen zur farbenprächtigen, zart duftenden Wasserpflanze, wie sie den französischen Impressionisten Claude Monet zu seinen zauberhaften Seerosenbildern inspirierte, kamen nie auf. Die stählerne Seerose wirkte eher wie eine schwimmende Festung. Nun rostet sie auf absehbare Zeit weiter vor sich hin und dürfte für rund 100'000 Franken verschrottet werden.

Nachtrauern wird der «Seerose» niemand. In Vitznau wehrten sich 2017 über 200 Personen gegen eine Stationierung der Seerose beim Strandbad: «Es braucht keine Eventplattform, die mit mehreren über 300 Meter langen Stahlseilen und tonnenschweren Ankern im Vierwaldstättersee befestigt wird, um pro Jahr einige wenige Veranstaltungen durchzuführen.»

Die «Seerose» war nicht nur das hässlichste Unding, das je auf dem Vierwaldstättersee kursierte, sie war auch als Geldvernichtungsmaschine beispielslos. Konzipiert von Wirtschaft und Tourismus als eine Art Mini-Expo, war die Seerose nie mehr als ein Blickfang. Eine Form ohne Inhalt. Und die Vorgabe «die Innerschweizerinnen und Innerschweizer zu guten Gastgebern zu erziehen», mehr als abstrus. Das Prinzip der Gastfreundschaft widerlegte die Seerose gleich selbst: knausrig verlangten die Organisatoren von jedem, der die Plattform betreten wollte, 15 Franken. Zu sehen gab's nichts, ausser einer «Kofferausstellung» über Tourismus und die Aussicht war die gleiche wie vom nahen Ufer.

Für die «100 Mitmachprojekte», in erster Linie Werbung der Zentralschweizer Tourismusorganisationen, hätte es die Seerose nicht gebraucht. Der Tourismus macht vor Ort Werbung, Jodelchöre, Ländlerformationen und Schwingfeste gibt's auch ohne «Seerose». Selbst die Konstruktion, mit acht sich schliessenden und öffnenden Stahlblättern, schützte weder vor Sonne (die Stahlkonstruktion wurde glühend heiss), Regen oder Sturm. Die «Seerose» war so wenig wasserdicht wie das gesamte Konzept.

Die Gesamtkosten des «Gästival» beliefen sich auf 8,2 Millionen Franken, Bau und Betrieb der Plattform kosteten 4,5 Millionen Franken. Die Projektleitung, die Projektbegleitung und die Experten kosteten 1,478 Millionen Franken. Mit dem Geld der «Seerose», mitfinanziert aus NRP-Geldern, mit denen Bund und Kantone das Berggebiet, den ländlichen Raum in ihrer regionalwirtschaftlichen Entwicklung fördern, könnte beispielsweise ein Nottunnel im lawinenbedrohten Meiental zur Hälfte finanziert werden.

Vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wurde die Seerose in den Kreis der «beispielhaften NRP-Projekte» aufgenommen. Im Schlussbericht schreiben die Organisatoren: «Und nicht zuletzt wurde die Seerose mit dem Verein MuTh (Nationales Zentrum für Jugend, Musik und Theater) in eine blühende Zukunft überführt, die auch den Tourismus in der Region Weggis-Vitznau-Rigi stärken wird.» Letzter Eintrag auf der Internetseite von MuTh: «Leider finden im 2017 keine Konzerte auf der Seerose statt.» Nachhaltigkeit gleich Null, 8,2 Millionen Franken lösen sich in nichts auf. Der nachhaltigste Event der Seerose ist deren Verschrottung.

Christof Hirtler ist Fotograf, Autor und Publizist in Altdorf, Uri.

(Dieser Artikel stammt aus der Juniausgabe von «041 – Das Kulturmagazin». Hat Ihnen diese Leseprobe gefallen? Dann bestellen Sie jetzt ein Jahresabo von «041»)