Replikant oder kein Replikant?

Ist das Jazz?

(Musikkolumne aus der November-Ausgabe von «041 – Das Kulturmagazin»)

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Diese Frage des deutschen Philosophen Herbert Grönemeyer geht mir durch den Kopf, als mich Polizeichef Mattmann mitten in der Nacht anruft und sagt: «Los zue, füüf Replikante send usem Grosshof gflohe. Mer vermuetet, dass sie sech onders Lozärner Partyvouch gmescht hend. Zieh sie usem Verchehr. Aber pass uf, die send em Tüüfu abem chare gheit.» Während ich entgegne, dass dies doch eher ein Job für den Flückiger wäre, hat er bereits aufgelegt. Nun dann, rauf auf den Drahtesel und rein ins Getümmel. Wo könnten diese Vögel sein? Samstag um Halbvier, was hat noch länger offen? Ich konzentriere meine Rasterfahndung auf Uferlos und Kegelbahn. Es regnet Katzen. Ich komme wie ein begossener Pudel im Uferlos an. Dem Kassenpersonal werfe ich eine Zehnernote entgegen und laufe hastig in den Saal. Drinnen tanzt ein Pulk aus euphorisierten Mittzwanzigern zu pumpendem Happy-Hippo-House aus der Konfektionswarenabteilung. Man kann über Replikanten sagen, was man will, aber Geschmack haben sie. Hier sind die bestimmt nicht. Ich beobachte die tanzende Meute und komme ins sinnieren. Dieser Jazzy Jeff hat doch mal gesungen: God is a DJ. Aber hätte dieser Gott gewollt, dass seine Jünger den Abend lang Tracks spielen, die genau tönen wie der Vorherige? Und immer im gleichen Tempo? Ein Tempo das auch angesäuselte, mitteleuropäische Nichttänzer das Tanzbein schwingen lässt. Ein Tempo, das in etwa dem Geradeausfahren mit dem Velo entspricht: Zwei Pedaltritte pro Sekunde. Ein Tempo, ein Rhythmus, wie das Hin-und-Her-Schwanken vor dem Pissoir, wie man es von Männern kennt, die nach getaner Notdurft nochmals mit ihrem Gesäss wackeln. Bumm bumm, bam bam. Ich stelle mein Glas hin und kralle mir auf dem Rausweg meine zehn Franken aus der Kasse. Mit 180 BPM flitze ich Richtung Baselstrasse. Es regnet Katzen. In der Kegelbahn angekommen, knöpfen sie mir an der Kasse wieder zehn Franken ab. Ich balanciere die Treppe hinunter, während mir links und rechts traurige Gestalten entgegenkommen, die sich wie nasse Säcke am Geländer raufhangeln. Ich öffne die Türe: Schweiss, kalter Rauch und Schwefel dringt durch meine Nase. Aus den Boxen dröhnen wummernde Techno-Beats, zu denen im Halbdunkel ein grösstenteils männliches Publikum nervös rumhampelt. Es ist eben doch schon fünf Uhr morgens. Ich schaue mir die abgekämpften Fratzen genauer an. Die sehen verdammt nochmal alle aus wie Replikanten. Ich zücke mein Smartphone und schreibe dem Mattmann: Chef, habe keine Replikanten gefunden. Mache jetzt Feierabend. PS: Mit meinem mickrigen Lohn auf Stundenlohn-Basis spart ihr an der falschen Stelle. Sagen sie das dem Winiker!

Stefan Zihlmann

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