07_08_Das_Kulturmagazin_Probeartikel

Würdigung des Ungesehenen

Die bekannten Sommer-Hotspots am See oder in der Altstadt lassen wir links liegen. Stadtplaner Jürg Rehsteiner zeigt uns sein sommerliches Luzern.

Text: Jonas Wydler

Hinter uns rauscht der Morgenverkehr über die Brücke, vor uns blicken wir über die weite Reuss, die von der Autobahnbrücke geschnitten wird. Am Horizont der prächtige Musegghügel. Wir machten uns mit Jürg Rehsteiner auf eine Tour abseits der bekannten Pfade. Seit neun Jahren ist er Luzerner Stadtarchitekt, sein Blick ist noch frisch. Wie sich die Stadt ver.ndert, merke ich erst jetzt langsam. Es dauert etwa sieben Jahre, bis man die planerischen Veränderungen sieht.

St.-Karli-Brücke: Realitäten prallen aufeinander

Auf der Brücke verweilen sonst höchstens die Fischer, für Rehsteiner ist der Ausblick reizvoll, weil er zwei Realitäten vereint: «Die Museggmauer mit ihrem grünen Vorland ist eine städtische Idylle.» Darunter sticht die massive Autobahnröhre ins Blickfeld. «Die ist natürlich weniger attraktiv, aber sie gehört genauso zur Stadt», sagt er. Ein Stich ins Städteplaner-Herz? «Natürlich würde man die Autobahn heute nicht mehr so planen», sagt Rehsteiner und verweist auf den städtischen Protest gegen die Spange Nord. Aber die Brücke ist ein Abbild der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse. «Damit müssen wir Planer heute umgehen», sagt er. Nur pure Idylle wäre langweilig. Die Mischung und die Vielfalt auf engstem Raum machen für den Stadtarchitekten die Qualität von Luzern aus – man muss sich nur umsehen: die Stadt am Wasser, die «30er-Jahre-Ikone» St.-Karli-Kirche, das über 100-jährige Schulhaus.

«Heinz» als Symbol für die Teilhabe

Jürg Rehsteiner steuert auf eine jüngere Errungenschaft zu: den Kreuzstutz-Kreisel mit dem stoischen «Heinz», der mit seinen Latten unter dem Arm im dichten Verkehr steht. Ihn kennt seit dem Film «Rue de Blamage» die halbe Schweiz. Die Figur von Künstler Christoph Fischer hat es dem Stadtarchitekten angetan. Es sei ein gutes Beispiel, wie man mit einem verkehrsgeplagten öffentlichen Raum umgeht. «Heinz», der langjährige Strassenputzer, ist das Ergebnis der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Ort. «Durch die persönliche Verbundenheit des Künstlers erhält er eine Bedeutung», sagt Rehsteiner.

Diese Verbundenheit sei in Luzern spürbar, Bewohner und Bewohnerinnen seien stolz auf ihre Stadt und bringen sich privat ein. «Daraus ergibt sich ein anderer Umgang mit dem öffentlichen Raum, das ist eine Bereicherung meines Jobs.» Nicht nur professionelle Entwickler prägen die Stadt. «Am Schluss geht’s immer um Menschen», sagt er.

Lesen Sie die ganze Geschichte der ungesehenen Luzerner Sehenswürdigkeiten in der Juli-/August-Ausgabe des Kulturmagazins.