illu wicki leseprobe mai

Abstimmung mit den Füssen

In Luzern herrscht Kulturüberfluss und Überdruss. Leidtragende sind die Kulturschaffenden und ihr Publikum.

Freitagabend im Neubad. Die Wartezeiten an der Bar sind lang. Doch das stört niemanden. Hier trifft sich das urbane Hipsterpublikum. Oben im Pool oder unten im Keller passiert auch noch Kultur, doch das scheint Nebensache. Hauptsache, man ist dort, wo alle anderen sind. Das Kulturangebot in Luzern ist riesig. Neben den grossen Kulturinstitutionen wie Südpol, Schüür, Neubad, Sedel oder Treibhaus gibt es ein Dutzend private Veranstalter von der Bar 59 zur Jazzkantine, dem Klub Kegelbahn bis zum Madeleine sowie normale Gastrobetriebe, die Konzerte, Lesungen etc. anbieten.

Hat Luzern einen Kulturüberfluss? Ja, aber das sei positiv, ist sich die Kulturszene (wie allzu oft) einig. Aber ist das wirklich so? Nein, das ist es nicht. Dies zeigt ein Augenschein an den Rändern der Stadt. Im Südpol finden die Konzerte meist im kleinen Club statt. Für das Konzert der algerischen Band «Imarhan» ist auch dieser zu gross. Am «Tuareg Rock» der Band liegt es nicht. Die Konkurrenz ist halt gross in der kleinen Stadt und der Weg in den Südpol lang. Fast schon trostlos ist das Bild im Sedel. «Tera Melos» aus Sacramento, Kalifornien, versprechen experimentellen Indierock. Ihr Sound ist brachial und düster. Doch gerade mal eine knappe Schulklasse, meist ergrauter Menschen, findet den Weg ins ehemalige Gefängnis. Lange ist es her, dass hier bei Konzerten der Schweiss von den Wänden tropfte und die tobende Menge Pogo tanzte. Dem jüngeren Publikum ist es schlicht zu anstrengend, mit dem Shuttle oder gar mit dem Velo in den Sedel zu fahren.

Das Angebot in der Stadt Luzern ist offenbar grösser als die Nachfrage. Aus Sicht des Kulturpublikums mag diese Auswahl erfreulich scheinen. Doch viele Veranstaltungen finden vor gelichteten Reihen statt. Dies dämpft den Ausgehspass doch arg. Das Publikum muss sich angesichts der fehlenden Stimmung fragen, ob es zuhause vor der Glotze nicht gemütlicher wäre. Nun könnte man sagen, das Publikum hat immer Recht. Es stimmt mit den Füssen ab. Wenn ein Kulturhaus zu wenig Publikum hat, dann muss es schnellstens das Programm ändern. Oder es macht etwas Neuem Platz. Doch in Luzern verschwindet selten etwas. Im Gegenteil, die Stadt schafft alle paar Jahre ein neues subventioniertes Kulturhaus (Treibhaus, Neubad, Südpol), welche die bestehenden Institutionen konkurrenzieren. Dadurch haben viele wenig bis zu wenig Publikum für einen schlauen Betrieb.

Ziel müsste eigentlich sein, dass sich diese Kulturhäuser so weit wie möglich über die Eintrittspreise und die Gastronomie finanzieren. Doch davon ist man weit entfernt. Konzerte und Theater sind oft nur durch massive finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand und privaten Stiftungen möglich. Dies führt zu einer doppelten Verzerrung von Angebot und Nachfrage. Für die Kulturinstitutionen wie auch für die Programmmacherinnen ist die Zahl der Besucher nicht existenziell wichtig. Die Einnahmen stammen ohnehin aus anderen Töpfen. Die Leidtragenden sind die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne und das Publikum. Es macht schlicht keinen Spass, in halbleeren Lokalen herumzustehen.

Aus Wettbewerbssicht ist dies auch gegenüber all den kreativen Gastronomiebetrieben nicht fair, die für ihre Räume normale Mieten bezahlen und es dennoch schaffen, attraktive Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. In der Stadt Luzern herrscht Kulturüberfluss und beim Publikum Überdruss. Somit braucht es keine zusätzlichen Kulturräume und Zwischennutzungen durch die öffentliche Hand. Es gibt genügend bestehende Räumlichkeiten. Und es gibt die Gastronomen und Veranstalterinnen, die diese kreativ zu bespielen wissen.

Marc Lustenberger ist Unternehmer und Publizist. Illustration: Anja Wicki

(Dieser Artikel stammt aus der Maiausgabe von «041 – Das Kulturmagazin». Hat Ihnen diese Leseprobe gefallen? Dann bestellen Sie jetzt ein Jahresabo von «041»