xavier naidoo blue balls

Nei du!

(aus der Juli/August-Ausgabe von «041 – Das Kulturmagazin»)

 

Ach, das Blue Balls Festival. Da gibt es immer etwas zu meckern. Manche sehen darin den provinziellen Versuch, Luzern kulturgeografisch etwas näher nach Montreux zu rücken. Andere enervieren sich über Hinterländler, die während der neun Festivaltage gleich wagonweise angerollt werden, um überteuertes Importbier zu saufen. Die diesjährige Ausgabe bietet Schandmäulern frisches Kanonenfutter: einen Xavier Naidoo, der sich auf der Suche nach der universellen Wahrheit immer tiefer im Wald der Verwirrten verirrt. Auf dem neuen Album seiner Söhne Mannheims bedient er sich Begrifflichkeiten, die sonst politischen Quereinsteigern von der AfD und Konsorten vorbehalten sind. Vom deutschen Feuilleton gab’s dafür mit der Nazikeule aufs Maul, in Mannheim hat der Oberbürgermeister die einst so intakte Beziehung zu den Musikern gekappt, nur noch ein einsamer NPD-Stadtrat hält ihnen in der Heimat die Stange.

Am 21. Juli lässt das Blue Balls Festival Naidoo im KKL auftreten. Nun ja, was ist dagegen einzuwenden? Ist ja alles strafrechtlich okay, weil Meinungsfreiheit. Genauso steht es einem zu, sich nur noch mit Kartoffelsäcken zu kleiden. Das verstösst ebenfalls gegen keine rechtliche Norm, ist aber einfach etwas beschämend. Man könnte Naidoo also als eine Art Kartoffelsackgewand des Blue Balls verstehen.

Bleibt die Frage, wieso das Festival dieses Gewand seit Jahren trägt und sich weigert, es abzustreifen. Mit den Söhnen Mannheims wird bekanntlich bereits seit Jahren abgekumpelt. Es ist eine Freundschaft, die beiden Parteien reichlich Geld in die Kassen spülen dürfte. Naidoos Konzerte sind oft ausverkauft. Auch der KKL-Gig ist es bereits. Schliesslich beackert Naidoo längst ein lukratives Wirtschaftsfeld – den Markt der Treudoofen. Er besteht aus Kunden, deren Leben aus derart viel Leere besteht, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen als einen Ast, an dem sie sich vor dem endgültigen Nichts retten können. Ihre Verzweiflung macht sie für Musik anfällig, die pathetischen Kitsch mit Inhalten vereint, die auch nach dem zehnten überteuerten Importbier zu verstehen sind. Zu Naidoos Nebenbuhlern gehören Aushängeschilder des schlechten Geschmacks wie die Böhsen Onkelz oder Frei.Wild. Vielleicht wird uns aber auch Gölä vom nächsten Blue-Balls-Plakat entgegenstarren.

 

Martin Erdmann

In der Kolumne «Ist das Jazz?» schreiben Martin Erdmann und Stefan Zihlmann abwechselnd über ein Musikthema und ordnen ein und aus.