Klaus Johann Grobe am B-Sides Festival

Das totale Erlebnis

Die Eventisierung der Kultur sorgt für Emotionen – beim Publikum im besten Fall für hocherfreuliche, bei Kritikerinnen und Kritikern verursacht der Begriff rote Köpfe. Wohin es künftig gehen könnte und was schon der Sonnenkönig wusste.

Text: Anna Chudozilov
Bild: Silvio Zeder

Natürlich könnte man hier mit einer der vielen Definitionen einsteigen, die Google auf die Suche nach «Event» liefert. Ich möchte aber lieber im Jahr 1674 in der Nähe von Paris beginnen. Fünf Tage und fünf Nächte lang feierten Tausende dort die «Divertissement de Versailles». Eingeladen hatte Louis XIV., Anlass war die Eroberung der Freigrafschaft Burgund, die Botschaft so simpel wie klar: Der Herrscher ist gross. Für das Programm liess der Sonnenkönig die renommiertesten Künstler Frankreichs aufbieten, etwa den Komponisten Lully, die Dramatiker Molière, Racine und Quinault sowie den Maler Le Brun. Nichts wurde dem Zufall überlassen, auch Wasserspiele, Gartenarchitektur, Feuerwerk und die ausgesprochen raffinierte Verpflegung trugen zum totalen Erlebnis bei.

Die Schilderung des Versailler Megaevents ist dem Buch «Komponieren für Events. Zur Rolle der Künste in der Eventkultur» von Martin Sigmund entnommen. Dort setzt sich der Autor mit der Frage auseinander, was Events mit Kunst machen – und was mit dem Publikum. Und er räumt auf mit der Vorstellung, dass wir es mit einem Phänomen der letzten 20, vielleicht auch 30 Jahre zu tun haben. Tatsächlich ist es jedoch so, dass Events irgendwann in den Neunzigerjahren zum Allerheilmittel werden, wenn es gilt, im Kampf um Aufmerksamkeit zu punkten. Denn Events, die als Erlebnisse, wenn nicht alle, so doch möglichst viele Sinne ihrer Besucherinnen und Besucher ansprechen, sorgen für eine tiefe emotionale Verbindung.

Was schon Louis XIV. wusste: Positive Erlebnisse schaffen Verbindlichkeit. Das machen sich heute alle möglichen Akteure zu nutzen. Firmen erreichen durch Marketing-Events eine Kundenbindung, die weit über Loyalität zu einem Produkt hinausgeht. Events sprechen mit einer wilden Mischung aus Sport, Spass und Wahnsinn zum Beispiel die Zielgruppe «junge, risikofreudige Männer» optimal an und schaffen es durch hochemotionale Gruppenerlebnisse, die Marke an die Identität zu koppeln (zweifellos in redbullfeuchten Träumen). Auch die örtliche Polizei nutzt Events wie den Blaulichttag  m Neubad, um sich ins optimale Licht zu rücken, genauso wie das auch der Gossverteiler Coop als Sponsor des Luzerner Marathons tut.

So erstaunt es nicht, dass Institutionen aus dem Kulturbereich Events ebenfalls als probates Mittel zur Publikumsbindung entdeckt haben. Martin Sigmund schildert, wie in den Nullerjahren gleichzeitig klassische Konzertreihen um Gäste bangen und Klassik-Festivals zu boomen beginnen. Im «Tages-Anzeiger; erklärte im Sommer die Leiterin der Solothurner Literaturtage, warum trotz sinkender Verkaufszahlen im Buchhandel das Festival ausgezeichnet läuft: «Es geht um die Lesung als Event. Die Leute erleben gerne etwas.»

Lesen Sie den ganzen Text in der Septemberausgabe-Ausgabe des Kulturmagazins.