Kunst_messen_Luca_Schenardi

Kunst messen

Gemessen wird Kunst seit Jahrhunderten, so absurd man das auch finden mag. Rankings einfach zu ignorieren, schafft allerdings neue Probleme.

Text: Paul Buckermann
Illustration: Luca Schenardi

Kunst messen zu wollen, klingt ein wenig vermessen. Entziehen sich nicht gerade Kunst, Kreativität und Schönheit jeder Gleichmacherei? Widerstehen nicht persönlicher Geschmack und die Einzigartigkeit der Werke jeglicher Objektivierung oder gar Standardisierung? Und überhaupt, wollen nicht einfach Politiker und Investorinnen die Kultur mit ihren Messinstrumenten kolonisieren, um zu steuern, zu rationalisieren und Profit herauszupressen? Die grundsätzliche Ablehnung hinter solchen fast rhetorischen Fragen sind aus mindestens drei Gründen problematisch. Trotzdem – dafür argumentiere ich anhand von Kunstrankings – sollte niemand müde werden, diese Fragen immer wieder zu stellen. Nur eben mit anderen Zielen.

Erstes Problem: Rankings werden angefertigt, egal wie absurd sie wirken.

Kritik an Kolonisierung und Instrumentalisierung der Kunst verhindert nicht, dass eine ganze Batterie von Evaluationen, Messungen und Ranglisten auf künstlerische Produktion und den Betrieb losgelassen wird. Dabei handelt es sich eben nicht nur um Kunstmarktanalysen, die sich an Preisen orientieren und sich somit mit gut vergleichbaren Daten befassen. Überraschenderweise wird auch kulturelles Ansehen untersucht, also eine zentrale kunsteigene Ressource. Diese wird quantifiziert und in Rankings von Kunstschaffenden und Kunstinstitutionen gegossen. Anstatt so etwas nun kategorisch zu ignorieren, lohnt sich ein genauer Blick auf die Funktionsweise und die Logik hinter solchen Ruhmeslisten. Wer misst hier wie was? Und noch viel wichtiger: warum? Diese Fragen legen nicht nur das Weltbild offen, das Rankings zugrunde liegt, sondern machen auch die Interessen dahinter glasklar.

Kunst anhand von einheitlichen Metriken zu messen, ist indes kein neues Phänomen. Punkte für Kunst werden seit mehr als dreihundert Jahren verteilt. 1708 veröffentlichte der französische Kritiker Roger de Piles seine Balance de peintre, in der er in verschiedenen Kategorien die Qualität von Malern bewertete. Rembrandt erreichte in «Kolorit» satte 17 von maximal 20 Punkten; Dürer dafür nur schlappe 8 in «Komposition». Nach der künstlerischen Stil-, Medien-, Sujet- und Perspektivenexplosion im 20. Jahrhundert wirkt eine solche ästhetische Qualitätsmessung heute hanebüchen. Es ist auch deshalb kein Zufall, dass 1970 mit dem Aufkommen der Contemporary Art ein Ranking unter dem Namen Kunstkompass erfunden wurde, das zwar wie de Piles Punkte verteilt, dabei aber jede objektive Einschätzung von Qualität für unmöglich erklärte. Der Kunstkompass behauptet gerade entgegengesetzt:

«Kunstwerke sind mangels objektiver, allgemein- verbindlicher Qualitätsmassstäbe nicht messbar und also auch – streng genommen – nicht miteinander vergleichbar. Messbar – und mithin auch vergleichbar – ist jedoch der Ruhm, den Künstler im Laufe der Zeit erlangen.»

Lesen Sie den ganzen Text in der November-Ausgabe des 041 – Das Kulturmagazin.