Eine Geschichte der Absagen – und ein Trotzdem

Eine Geschichte der Absagen – und ein Trotzdem

Text: Marlène Schnieper

«Der Luzerner Intendant Benedikt von Peter inszeniert Mozarts ‹Don Giovanni› und zeigt einmal mehr, warum sein Theater zurzeit das interessanteste der Schweiz ist.» So las man in der «NZZ» nach der Premiere vom 13. Januar. Das Lob war nicht neu. Die Irritation von Seh- und Hörgewohnheiten, die Überblendung von Bildern, eine multimediale Annäherung an den klassischen Stoff – vieles, was diesen «Don Giovanni» charakterisiert, steht für von Peters künstlerischen Impetus schlechthin. Der 41-jährige Deutsche startete in Luzern mit der Spielzeit 2016/17 und wird seine Zeit hier in der Saison 20/21, einem Ruf nach Basel folgend, definitiv beenden. Selten sind die Kritiken für das Luzerner Theater (LT) so enthusiastisch gewesen wie für die Ära, die er mit einem festen Stab und teils illustren Gästen prägte. Das Haus an der Reuss hat damit auch neue Sponsoren und gelegentlich auch ein neues, jüngeres Publikum gewonnen.

«Du fühlst dich als Systemtölpel»

Bei allem Glanz und Spektakel mehren sich freilich die Zeichen, dass es an der Basis rumort. In seiner dritten Spielzeit in Luzern verdiene er nur unwesentlich mehr als den Mindestlohn, klagte der Schauspieler Yves Wüthrich am 26. März auf dem Onlineportal «Zentralplus». Für einen, der einen Hochschulabschluss habe, sei das «schlichtweg zu wenig». Im Kindergarten in Basel habe er einst einen Vogel gespielt, in Jena als Profi auch den Hamlet. Die Bühne fasziniere ihn, erzählte Wüthrich. Im Alter von bald 40 Jahren müsse er sich indes eingestehen, dass ein Künstler vom Applaus allein nicht leben könne. Er sei darum froh, dass er sein Budget mit sporadischen Einsätzen bei Film und Fernsehen aufbessern könne. In zwanzig Drehtagen verdiene er so viel wie in einem halben Jahr als Ensemblemitglied am LT.

Wüthrich lässt sich namentlich zitieren. Andere fürchten, sich diesen Luxus nicht leisten zu können, selbst wenn sie ähnlich empfinden. Die Mindestgagen für das künstlerische Personal am LT gehören heute zu den schlechtesten, die Theater hierzulande bezahlen. In der laufenden Spielzeit beträgt die Mindestgage in Luzern 3700 Franken, das entspricht einem Brutto-Monatslohn. Künstlerinnen und Künstler der verschiedenen Sparten arbeiten dafür sechs Tage die Woche, vor Premieren oft bis in alle Nacht. Die Malocherei ginge ja noch, wenn sich bei ihr nicht gleichzeitig so etwas wie Re- signation eingeschlichen hätte, sagt eine junge Kollegin Wüthrichs, die einen Berufswechsel erwägt: «Du lässt dich zu Höchstleistungen anspornen, doch der Chef kennt dich nicht und grüsst dich nicht im Lift. Da fühlst du dich als Systemtölpel.»

Zum System Theater gehört, dass das technische Personal, das im Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) organisiert ist, tendenziell besser verdient als das künstlerische Personal. Aber auch hier orten Gewerkschafter Nachholbedarf. Der Mindestlohn eines gelernten Schreiners etwa beläuft sich nach dem national gültigen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) auf 4985 Franken pro Monat, am Luzerner Theater beträgt er 3893 Franken, also 1092 Franken weniger. Auch diesem Handwer- ker ist schon aufgefallen, dass das Geld nie fehlt, um etwa ein Bühnenbild dreimal neu zu konzipieren, während er finanziell kurzgehalten wird.

Wie im biblischen Gleichnis

Die einen kündigen, die andern harren aus. Bei manchen wächst die Einsicht, dass sie sich gewerkschaftlich stärker engagieren müssen. Woher die Unruhe? Weshalb gewinnt man den Eindruck, einige in Benedikt von Peters Truppe seien am Anschlag? Diese Fragen wollten wir mit Leuten diskutieren, die nach unserem Dafürhalten dazu berufen wären. Bald fühlten wir uns wie der König im biblischen Gleichnis, der die Notabeln seines Reichs zum Hochzeitsmahl lädt und lauter Absagen erhält.

Da ist zum Beispiel der Zweckverband für die grossen Kulturbetriebe, über den Stadt und Kanton Luzern im laufenden Jahr 28,3 Mio. Franken an fünf Institutionen fliessen lassen.Davon geht der Löwenanteil – 20,2 Mio. Franken – an das Luzerner Theater. Der Rest verteilt sich auf das Luzerner Sinfonieorchester, das Kunstmuseum, das Lucerne Festival und das Verkehrshaus der Schweiz. Die städtische Delegierte in diesem Zweckverband, Rosie Bitterli Mucha, und ihr kantonales Pendant Stefan Sägesser räumen zwar ein, dass die Arbeitsbedingungen am Luzerner Theater und bei anderen Kulturbetrieben ein wichtiges Thema seien. Mit dem Einwand, die Personalpolitik dieser Betriebe sei gewiss nicht ihre Sache, reichen sie das heisse Eisen aber gleich weiter.

Adrian Balmer verfügt als Verwaltungsdirektor des LT über personelle und finanzielle Kompetenzen. Auch er schlägt unsere Einladung aus. Am Theater sei gerade ein Prozess in Gang, der die Strukturen «im Sinne einer innovativen Organisationsentwicklung» überprüfe, man beleuchte «die aktuelle Situation wie die mittelfris- tige Zukunft». «Nach interner Rücksprache» auch mit der Stiftungsratspräsidentin Birgit Aufterbeck Sieber wolle man «während dieses laufenden Prozesses keine exter- nen Verlautbarungen abgeben».

Martin Wyss ist Geschäftsleiter des VPOD Zentralschweiz und Präsident des technischen und administrativen LT-Personals. Prompt zieht er sich ebenfalls zurück. Verhandlungen für einen besseren GAV speziell für das Haus an der Reuss stehen an. Die will Wyss nicht gefährden.

«041 – Das Kulturmagazin» jedoch hält am Thema fest. Lesen Sie das ausführliche Gespräch mit Arbeitnehmervertreterin Salva Leutenegger und dem Grünen-Politiker Urban Fye in unserer Mai-Ausgabe.