Visu – Libra

PlattenWechlser: Auf seinem Debütalbum sucht Visu nach «Libra», lateinisch für «Waage» oder «Gleichgewicht". In den elf Songs, die zu seinen bisher besten gehören, offenbart der 23-jährige Rapper diverse Facetten seiner Persönlichkeit. Ein abwechslungsreiches Album, dessen Vielseitigkeit aber oft widersprüchlich statt harmonisch wirkt.

Visu kann rappen. Und zwar egal, auf welchem Instrumental. Schon in Teenager-Jahren machte er sich seine Anpassungsfähigkeit zunutze. Auf Debüt «Libra» spielt er diese Stärke nun noch besser aus. Gib Visu ein Trap-Banger und es entsteht die Ausrasthymne «Shots!». Gib Visu ein smoothes Brett wie von der amerikanischen Westküste für den Titeltrack und er übt Sozialkritik. Gib Visu einen diffus-tropischen Uptempo-Beat und er schreibt die Optimismus-Anthem «Mach dis Ding».

Diese unterschiedlichen Tracks funktionieren auch dank der hochwertigen Produktion. Visus Team um Produzent Pascito hat die Songs ausgearbeitet und mit Backing-Vocals oder einem Synthie-Solo ausgeschmückt. Auf humoristische Art verpasst Visu einigen Songs die gewisse Einzigartigkeit. Auf «Alles no bim Alte» lallt er wie besoffen ein paar Zeilen vor dem Refrain. Und auf der Single «Ned normal» stimmt er das Kinderlied «Mini Farb ond dini» an. Aber: Auch wenn der Humor schon immer charakteristisch für Visus Musik war: Spätestens beim zweiten Hören sind die Intermezzi zu viel des Guten.

Wenn Visu ernst wird, sind die Songs am besten. «Existiersch» ist nach eigener Aussage sein bisher bester Song. Man neigt dazu, ihm zuzustimmen. Über ein atmosphärisches Instrumental rappt sich Visu den Frust über schnelle Liebe und fehlendes Vertrauen vom Herzen. Dazu kommt der beste Refrain eines Albums voller Ohrwurm-Kandidaten. Auf dem Titeltrack «Libra» nimmt Visu Haltung ein. Es geht um globale Ungerechtigkeit und das Bankensystem: Visu will nicht arbeiten für ein Arschloch, keine Waffen im Nahen Osten. Ein weiteres Highlight ist «Ella x Louis». Visus «Bonnie & Clyde»-Moment, ganz ohne Kriminalität. Zuckersüss und poppig singen und rappen Visu und Feature-Gast Valeria Lucia von einer Beziehung, in der alles passt.

«Libra» ist vielseitig. Man weiss nie, was als nächstes kommt, sei es inhaltlich oder soundtechnisch. Das macht das Album überraschend, tut jedoch der Stringenz nicht gut. Dazu tragen auch Visus widersprüchliche Aussagen bei. Zum einen ist er auf der Suche nach der einen Frau, zum anderen schmiert er einem Girl seinen «Cock» ums Maul. Einerseits beteuern, keine harten Drogen zu nehmen, dann aber von Koks und Lean rappen. Ja, was denn nun?

Für sich stehend versammeln sich auf «Libra» einige von Visus besten Songs. Nur: Die gesuchte Harmonie findet Visu auf dem Album nicht. Dafür sind die Songs zu unterschiedlich, zu widersprüchlich. Wobei genau diese Widersprüche spannend wären, wenn Visu sie nur stärker thematisieren würde.

Visu: Libra (erschien am 24. Mai)

Plattentaufe
SA 8. Juni
Konzerthaus Schüür