Unter dem Schirm der Menschlichkeit

Mühleplatz, Luzern, 5.7.2018: Der vom Solinetz Luzern organisierte Demonstrationszug für die Rechte von geflüchteten Menschen zieht am Donnerstagabend durch die Luzerner Innenstadt, setzt sich ein für Menschenwürde, klagt Missstände im Asylwesen an, und trotzt dabei jeder Witterung.

 

Es ist etwa 18.30 Uhr. Am Mühleplatz werden die letzten Banner beschriftet, die letzten Plakate gehämmert. Es herrscht eine auffallend ausgelassene Stimmung. Man posiert für Fotos, Flyer und Laufblätter werden verteilt. Jung, alt, die gesamte Palette an Hautfarben, alle stehen beisammen. Die Wolken reissen auf, und endlich brechen auch an diesem regnerischen Tag noch einige Sonnenstrahlen durch. Der Grund für die Versammlung: Menschlichkeit im Allgemeinen und Rechte für geflüchtete Menschen im Besonderen. Der Slogan «Ich bin auch ein Mensch» steht dabei im Zentrum dieser Demonstration.

Organisiert wurde die Demo vom Solinetz Luzern. Das Solinetz ist die jüngste Flüchtlingsorganisation des Kantons Luzern, sie wurde erst Ende Mai diesen Jahres gegründet. Es ist aber weniger eine eigenständige, neue Instanz, als vielmehr eine Vernetzung von bereits bestehenden Nicht-Regierungs-Organisationen der Region.

IchbinaucheinMensch

Die Masse bewegt sich zügig vorwärts. Sie ist laut. Pfeift und johlt ohrenbetäubend, ist nicht zu ignorieren. Etwa 700 Menschen sind nach Angaben der Veranstalter anwesend. Mehr als zynischere Geister erwartet hätten.

 

Immer wieder hält der Zug an, und in kabarettistisch anmutenden Einlagen werden verschiedene Missstände im Asylwesen angeprangert. Die Sozialhilfe solle wieder auf den Satz der normalen wirtschaftlichen Sozialhilfe angehoben werden, um wenigstens das Existenzminimum zu erreichen. Der F-Ausweis für vorläufig Aufgenommene solle abgeschafft werden, da er mehr Unsicherheiten und Schwierigkeiten verursache als er schlichtet. Die als rassistisch empfundenen Personenkontrollen sollen aufhören. Einige Geflüchtete richten selber noch Worte an die Masse, wobei sie mit beklemmender Unmittelbarkeit auf ihre Situation aufmerksam machen und dabei nicht mehr und nicht weniger verlangen als Würde.

 

Während des ganzen Marsches ist eine gewisse Zwiespältigkeit permanent spürbar. Einerseits ein Zelebrieren der Menschheit und der Menschlichkeit, der Gleichheit, der Liebe. Andererseits schwingt immer diese Wut mit. Eine Wut gegen die Ungerechtigkeit, gegen Rassismus, gegen Abschottung, gegen das System, was auch immer das genau sein mag. Man scheint sich irgendwie nie richtig entscheiden zu können, wie es denn klingen soll. Ob man eine positive oder eine negative Botschaft senden will. Man hat die farbige Broschüre, mit dem Aufruf in sieben Sprachen, und dann wieder die martialisch anmutenden, grauen Flugblätter der Bewegung für den Sozialismus, die ebenfalls an der Demo beteiligt ist. Kinder laufen neben augenscheinlich konflikterprobten Profi-Demonstranten. Luftballons und Springerstiefel. Aber vielleicht geht bei dieser Thematik nicht nur das eine oder das andere. Vielleicht braucht es beides. Liebe und Hass waren schon immer leidenschaftliche Tanzpartner. Am Ende überwiegen heute die lachenden Gesichter.

IchbinauchMensch

Plötzlich wird es finster und ein wütender Regen bricht aus den Wolken. Sofort springt die Menge auseinander, drängt sich fast schon panisch an die Häuserwände, nur um sich dann wieder zu beruhigen. Es ist schliesslich Wasser und nicht Tränengas. Schirme springen auf, Regenjacken werden hastig übergestreift, und unter Protestschildern lässt sich auch Schutz finden. Die Masse, die jetzt weitermarschiert, fühlt sich noch energetischer an, geschlossener, mutiger. Der Regen verschafft ihnen noch mehr Gemeinsamkeit, gibt der bunten Truppe eine Identität.

 

Bestärkt werden die letzten paar hundert Meter zum Helvetiapark zurückgelegt, wo Abschlussreden gehalten, Gedichte in verschiedenen Sprachen vorgetragen werden und ausgelassen diskutiert wird. Es wurde ein friedliches, lautes Zeichen gesetzt. Und letzten Endes ist ein Zeichen für Menschlichkeit immer der richtige Weg.