Unsere Ratten im Keller

19.6.2020, Neubad Keller, Luzern: Fetter Vetter & Oma Hommage zeigen ein Märchen für Erwachsene. «Ein Stück über ein Mädchen, das die Treppe hinabsteigt» führt uns bildstark existenzielle Ängste vor Augen, ohne dabei viel zu sprechen.

Bilder: David Inauen

Der Abstieg, in den düsteren Neubad-Keller ist bereits Teil der Theaterinszenierung, welche hier in ein paar Minuten beginnen soll. Man setzt sich vorsichtig auf seinen nummerierten Platz – ja keinen Lärm machen, man will nicht stören. Die Schauspieler*innen sind bereits da: Noah Beeler steht auf der Bühne, gegen eine Wand gelehnt, die anderen drei – Hannah Boldt, Amélie Hug und Maximilian Preisig – befinden sich auf der Plattform weiter oben und schauen auf ihn hinab. Ersterer will hinunter in den Keller, ausgerüstet mit allerlei Dingen: Ibuprofen, Schrotflinte, Brecheisen. Die anderen drei haben gegen sämtliche dieser Equipment-Ideen Einwände. Erst als das Publikum vollständig ist, tritt er durch die Pforte in die Dunkelheit. Dabei hat er nun bloss etwas: Mut.

«Sie erzählen mir Dinge, bei denen ich selbst dabei war.»

Aus dem Stück

Dass die Spielenden bei Einlass sichtbar sind, ist keine neue Idee. Doch hier wird bereits gespielt, gesprochen auf der Bühne. Es ist eine Art Fade in in den Theaterabend. Dies wirkt aufs Publikum: Wer ein paar Minuten vor Beginn eintrifft, schleicht zu seinem Platz, möglichst lautlos. Wer da ist, sitzt still. Die neu eintreffenden Zuschauenden sind verwirrt, fast eingeschüchtert. Ängstlich eben.

(K)Ein Märchen für Erwachsene

Um Angst geht es in dieser Inszenierung. Es ist der neuste Wurf des Kollektivs Fetter Vetter & Oma Hommage. Die «jungen Wilden» der Zentralschweizer Freien Theaterszene zeigen «Ein Stück über ein Mädchen, das die Treppe hinabsteigt» und beenden damit eine knapp dreimonatige Theaterpause in Luzern. Schon dieser Umstand alleine macht das Stück zu Balsam für die geschundene Kulturseele.

Und offenbar war das Kollektiv rund um Béla Rothenbühler (Regie, Dramaturgie) und Gilda Laneve (Regie) produktiv im Lockdown. Ein «Bühnenmärchen für Erwachsene» sei das Stück, so steht es im Programm. Es handelt von der «Angst vor der Dunkelheit, die Angst vor der Einsamkeit, die Angst vor dem Fallen, die Angst vor Kellern und Enge und Moder und Ratten». Der Spielort kann da kaum passender sein als der ehemalige Wasseraufbereitungsraum des alten Hallenbads.

Fetter Vetter & Oma Hommage im Neubad-Keller

Eigentlich erfüllt «Ein Stück über ein Mädchen, das die Treppe hinabsteigt» kaum Charakteristiken eines Märchens. Es gibt nur eine Figur, das Mädchen, es wird verkörpert von den vier Schauspielenden, die ihre verschiedenen Stimmen darstellen, die Zweifel, die Widersprüche, die Ängste. Die Protagonistin bleibt namenlos, sie spricht kaum, es werden keine wirklichen Ereignisse inszeniert, sondern bloss aneinandergehängte Szenen gezeigt. Es fehlen Held*innen, es fehlt der böse Gegenpart, es fehlt Moral – es passiert alles nur im Kopf der Hauptfigur, sie selber vereint sämtliche Rollen, die üblicherweise in Märchen anzutreffen sind, in sich.

Einzig eine Schar von Ratten begleitet das Mädchen auf ihrem Weg hinab in die Dunkelheit, den Keller. Dort steht eine riesige Pappmaschee-Figur. Sie verkörpert jene Angst, die tief im Keller – im Unterbewusstsein – sitzt und eigentlich nichts weiter tut als zu existieren. Begleitet wird das Stück von einem dröhnenden elektronischen Soundtrack, der diese Furcht, die immer existenzieller wird, verstärkt, drückender macht.

Intelligent gestaltet, wenig gesprochen

Die Bilder wirken, sie sind intelligent gestaltet und – sowohl zufällig wie gewollt – in den Kontext eingebunden. Das Mädchen hat Angst davor, vergessen zu werden, nicht mehr zu existieren. «Sie erzählen mir Dinge, bei denen ich selbst dabei war», klagt sie. In der Stille zwischen den Worten hört man Gelächter aus der Bar von oben, Unterhaltungen aus diesem sozialen Leben, dem das Mädchen sich nicht zugehörig fühlt. Der Raum entpuppt sich so immer mehr als perfekter Spielort für das Märchen.

Fetter Vetter & Oma Hommage im Neubad-Keller

Die einzelnen Szenen werden mit Bewegung gefüllt, mit Musik, mit überstilisiertem Grinsen und teilweise bleiben die Passagen absichtlich leer, es passiert nichts oder minutenlang werden repetitive Gesten ausgeführt. Alles hat einen Zweck, die Bilder sind nicht zufällig – doch vermisst man zeitweise die Sprache. Wird sie dann eingesetzt – jede*r Schauspieler*in hält einen längeren Monolog – ist sie stark, ist sie eindringlich, bedrückend. Die Szenen mit minutenlanger Stille vermögen an diese Wirkung nicht ganz heranzukommen.

Am Ende gibt es für die Schauspielenden eine Mutprobe zu bestehen. Wie diese aussieht, soll nicht verraten sein. Nur soviel: Es ist ein gelungenes, witziges letztes Bild. Somit gelingen Ein- und Ausstieg eindrucksvoll, und die Zuschauenden verweilen sogar freiwillig noch kurz im dunklen Keller des Neubads, bevor es wieder nach oben geht.

Spiel: Noah Beeler, Hannah Boldt, Amélie Hug, Maximilian Preisig

Regie: Gilda Laneve und Béla Rothenbühler; Szenographie: Elke Mulders; Dramaturgie: Béla Rothenbühler; Choreographie: Gilda Laneve; Kostümbild: Rose-Lilian Gut

Ein Stück über ein Mädchen, das die Treppe hinabsteigt
SA 20., MI 24., DO 25. & FR 26. Juni
Neubad-Keller, Luzern