Staatsgeheimnisse im Stollen

Dokumentarfilm «Mitholz» von Theo Stich

1947 explodierte in einem Dorf im Berner Oberland ein Munitionsdepot der Schweizer Armee. Der neue Dokumentarfilm «Mitholz» von Theo Stich rekonstruiert die historischen Ereignisse und lässt dabei viele Fragen ungeklärt.

Eine kurzfristige Einladung kann in einem Land, in dem alles im Voraus geplant wird, nichts Gutes heissen. Vor allem, wenn es sich um eine Einladung vom Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) handelt. Im Juni 2018 erhielten die Einwohner:innen von Mitholz, einem Dorfim Berner Oberland, alle dasselbe Schreiben. Der Film «Mitholz» von Theo Stich begleitet sie: wenn sie das Kuvert aufreissen, nach ihren Brillen suchen und sich verzweifeltdie Stirn kratzen. DieDorfbewohner:innen wurden aufgefordert, noch am selben Tag einer Infoveranstaltung beizuwohnen, an der die Behörden «neue Erkenntnisse» im Fall Mitholz mitteilen wollten. Die Leute dachten, der Fall sei abgeschlossen.

Stichs Blick in die Geschichte kommt nicht von ungefähr: Der Stanser Regisseur ist Historiker. In seinem neuen Dokumentarfilm rekonstruiert er die Ereignisse aus dem Jahr 2018, als das Dorf das beunruhigende Schreiben erhielt. Der Film greift allerdings noch tiefer in die Vergangenheit. Die Geschichte beginnt mit dem Zweiten Weltkrieg: Damals schien die Schweiz ihre Berge für den Armeedienst rekrutieren zu wollen. Militäringenieure entwarfen ehrgeizige Pläne und Mineure bohrten Stollen in die Berge, um Platz für Munition zu schaffen für den Fall, dass das Land angegriffen würde. Die Fluh bei Mitholz, ein Fels, der einer gigantischen Schublade ähnelt, war ein ideales Versteck. In einem geheimen Lager wurden dort 7000 Tonnen Munition deponiert.

Das unterirdische Arsenal schlummerte friedlich während der gesamten Kriegszeit. Erst nach Ende des Krieges explodierte die Munition, offenbar gelangweilt von ihrer ereignislosen Existenz. In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 riss eine gewaltige Explosion das Panzertor zum Munitionsdepot bei Mitholz auf. Die ganze Felswand stürzte ein. Wie ein künstlicher Vulkan spuckte der Berg Felsbrocken und brennende Munitionsreste. Die Mitholzer:innen flüchteten und nahmen nur das Notwendigste mit. Das Dorf lag in Schutt und Asche. Neun Menschen kamen ums Leben, darunter Angehörige und Bekannte der Protagonist:innen, die in «Mitholz» zu Wort kommen.

 

Anderthalb Jahre dauerte es, bis die Trümmer beseitigt waren. Etwa 3000 Tonnen Munition explodierten in Mitholz. Dies war nicht einmal die Hälfte dessen, was noch im Felsen steckte und einer tickenden Zeitbombe glich. Diese Hiobsbotschaft verkündeten die Vertreter:innen des VBS während ihrer Veranstaltung, zu der sie die Dorfbewohner:innen eingeladen hatten. Die in den eingestürzten Stollen verbliebene Munition sei hochgefährlich, stellten Expert:innen fest und forderten eine endgültige Räumung. Doch damit diese durchgeführt werden könne, müssten die Menschen ihr Dorf auf unbestimmte Zeit, vielleicht sogar für immer, verlassen.

Der Film erzählt diese dramatische Geschichte. Doch er rüttelt das Publikum in seinen Kinosesseln nicht auf. Mit sanfter Stimme informiert eine Erzählerin, dass sich ein Schatten der Ungewissheit übers Dorf lege. Im Film ist davon wenig zu spüren. Das alltägliche Leben geht genauso weiter wie in anderen Dörfern, die nicht auf veralteten Munitionskisten sitzen. Die Mitholzer:innen sprechen zwar über die Explosionsgefahr, aber die Emotionen schlagen nicht besonders hoch. Nun, ist hier die emotionale Zündschnur lang oder hat das Filmteam nicht den richtigen Dreh gefunden, um diese Emotionen zu entschlüsseln?

Sowohl die vergangene Katastrophe als auch die «neuen Erkenntnisse» lassenviele Fragen offen. Der Film trägt wenig dazu bei, sie zu klären. Die Kernfrage, weshalb erneute Untersuchungen erst 70 Jahre später durchgeführt wurden, bleibt unbeantwortet. Wie hängt die Lager-Aufbewahrungspolitik mit der Tatsachezusammen, dass sich die Schweiz viele Jahre lang im Krieg zu befinden schien, diesmal im Kalten Krieg? Weshalb wurde nie jemand für den Fall Mitholz zur Rechenschaft gezogen? Wie ist es möglich, dass die von der Explosion halbzerstörte Anlage als Armeeapotheke genutzt wurde, ohne Rücksicht auf den gefährlichen Inhalt? Und vor allem: Warum schwieg der Staat so lange? «Mitholz» ist ein Film über politische Ereignisse, der ohne Politik auszukommen versucht.

Stich präsentiert nicht nur aktuelle Bilder, sondern auch Archivmaterial. Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus dem Jahr 1949 zeigen den Wiederauf bau des Dorfes: Das neue Mitholz sollte ein «Schmuckstück» werden! In der offiziellen Laudatio dankten die Behörden der Dorfbevölkerung dafür, dass sie angesichts der persönlichen Tragödie stoische Ruhe bewahrte. Derselbe Staat, der grosszügig Häuser aufbaute und die Menschen mit Lob überschüttete, versäumte es jedoch, für angemessenen Informationsfluss zu sorgen. Eine Mitholzerin erwähnt, dass die Behörden behaupteten, das Depot beherberge keine Fliegerbomben, sondern... Nudeln. In einem Staat, der sich damit rühmt, bürgernah und transparent zu sein, kann eine solche Schwindelei überraschen.

In «Mitholz» gibt es aber nicht nur Findlinge, sondern auch Perlen. Als ein Mitholzer an einer öffentlichen Führung durch das Munitionsdepot teilnimmt, fasst er seine Beobachtungen in einem Satz zusammen: «Da weiss man etwas mehr und weiss trotzdem nichts.» Wie typisch für die Informationspolitik eines Staates, der nicht Wissen, sondern nur Informationen vermittelt. Derselbe Protagonist liest den Leitfaden für das Verhalten im Falle einer Evakuierung: Man solle das Licht ausschalten und Fenster schliessen... Die Naivität dieser Ratschläge bringt ihn zum Lachen: Helfen geschlossene Läden ernsthaft, wenn Felsen durch die Luft fliegen? Diese Worte sprechen Bände. Das Kinopublikum könnte sich mehr solcher Szenen wünschen, welche die Problematik auf den Punkt bringen.

Der Fall Mitholz ist ein Paradebeispiel für das Versagen des hochgepriesenen Schweizer Staates. Stich entdeckte eine brisante Geschichte von akuter politischer Relevanz. Dennoch hinterlässt der Film das Gefühl, das Filmteam habe sich nicht genug reingehängt: Dem Film fehlt der Zündstoff. Die Frage bleibt, warum.


Text: Emilia Sulek
Foto: Frenetic Films

Dieser Beitrag erschien in der Oktoberausgabe 10/2021 von 041 – Das Kulturmagazin.

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