Spontane Raumdehnung

Mullbau, 22.03.14: Das Impro-Jazz-Quartett Le Pot orientierte sich für einmal am Komponisten Benjamin Britten. Das war interessant zum Zuhören. Trotzdem überzeugten die Musiker vor allem in ihrem Kerngeschäft.

(Von Flavio Marius)

In überschaubarer Anzahl sass das Publikum still auf seinen Plätzen. Man wollte noch abwarten, ob sich die letzten leeren Stühle nicht doch füllen liessen. Mag sein, dass die eingebrochene Kälte und der strömende Regen die einen nicht aus dem Hause liess, dafür die anderen in Windeseile noch in den Mullbau trieb. Zwanzig Uhr wäre eigentlich die beste Zeit, um vor dem nächtlichen Treiben einem Konzert in der abgelegenen Fluhmühle zu lauschen. Danach begann die Reise: «Le Pot», vier nicht unbekannte Jazzmusiker, die sich mehrheitlich der spontanen Improvisation verschrieben haben. Heute Abend spannen sie ihr Set aber für einmal um ausgewählte Kompositionen des klassischen Komponisten Benjamin Britten. Wenn man die Augen schloss und sich treiben liess, drohte man, davonzuschweben. Hans-Peter Pfammatter an den Tasten übernahm den Einstieg mithilfe von Britten, worauf ihm Trompete und Gitarre unisono Folge leisteten. Bemerkenswert war die Ruhe, mit der die Musiker sich ihrem Spiel widmeten. Man spürte, wie erprobt das Zusammenspiel in diesem Quartett war. Sie liessen sich Zeit, Momente musikalisch zu entfalten, ohne dem Druck einer Erwartung gerecht werden zu müssen. Dieser Eindruck kam insbesondere durch den Schlagzeuger Lionel Friedli zustande, der während den ersten zehn Minuten nur zuhörte und nicht um des Publikums Willen den Einstieg suchte. Als sich Friedli dann doch noch regte, begann eine klangliche Verdichtung, die nach oben offen schien. Ein musikalischer Steigerungslauf, der an Dynamik nicht zu übertreffen war. Es wurde lauter, ja, aber da war noch mehr. Das Klanggebilde gewann auch an Raumwirkung, wurde weiter und breiter. Gitarrist Manuel Troller gelang darin das bemerkenswerte Kunststück, das Klangspektrum auszudehnen, ohne dabei seine Mitmusiker zuzupflastern. Und als dann Friedli in der absoluten musikalischen Dichte seine satten Beats zum Besten gab, waren auch diejenigen unter uns glücklich, die sich ab und an konkrete Rhythmen wünschten. Es spricht überdies für diese Formation, dass diese Momente beinahe nebenbei deftigste psychedelische Rockmusik hervorbrachten. Einzig Manuel Mengis schien sich an diesem Abend beinahe hinter seinen Effekten zu verstecken. Unbestritten nahm er eine zentrale Rolle in dieser experimentellen Klangarchitektur wahr. Seine Trompete blieb aber oftmals stumm, als der Rest der Band kreischte. Lediglich während Brittens Komposition übernahm sie den Lead. Dabei hätte Blech das Klangspektrum nochmals erweitern können. Brittens Kompositionen mögen gefallen haben. Sie dienten dem Quartett aber lediglich als Einstieg in ihr freies Spiel der Klangdichte und freien Rhythmen. Darin überzeugten sie auch und machten den kleinen Mullbau bei geschlossenen Augen ganz gross.