Scherenschnitt mit der Motorsäge

Am 18. April nahm der Luzerner Dominic Deville sein Soloprojekt «Kinderschreck» auf Grund grosser Nachfrage wieder auf. Der Punkrocker und Pädagoge brachte ein ausverkauftes Kleintheater zum Schreien und Toben: Der Saal ein Kindergarten, das Publikum begeistert. Von Elias Zimmermann
Alle Kinder sind einzigartig, haben ihre individuellen Stärken und Schwächen? «Blödsinn!», schreit Domik Deville. Er muss es wissen. Seit Jahrzehnten arbeitet der Moderator der offenen Kleintheater-Bühne als Kindergartenlehrer. Was nun folgt, ist eine Lektion in bitterschwarzer Pädagogik. Nur vier verschiedene Arten von Kindergärtnern gebe es: Der verstockte «Osim», der hyperaktive «Kevin», die Plaudertasche «Aurelia» und – natürlich! – das frühreife Kind «Savanna-Chayenne» (nicht «Schayenne», verbessert sie ihren Lehrer, «TSCHayenne»). Brennende Kinderfinken Mit diesem Personal führt uns der Entertainer – den Ausdruck Comedian oder Kleinkünstler mag er nicht – durch einen Abend voller Punkrock-Kinderlieder, Elternerziehung und unkonventionellen Bastelanleitungen. Dazu zückt er auch schon mal die Kettensäge für den Scherenschnitt; hier wird nicht gebastelt, «hier wird gewerkt»! Wenn’s sein muss, bis die Spiderman-Finken brennen. Und wenn ein paar Kindertränen kullern – halb so wild, «das Leben ist nun mal keine Märchenstunde». Falls es doch mal eine Märchenstunde im Kindergartenunterricht gibt, so kann man sicher sein, dass der Prinz am Ende in der Hölle schmort. Schliesslich muss man die Kinder auf das Leben und nicht auf Hollywood vorbereiten. Der Kindergärtner darf nicht versagen Der wahre Kinderschreck ist nicht der teuflische Deville, sondern jeder seiner Schützlinge – «Egoisten und Egozentriker», die es, sprechen wir Klartext, in die Gesellschaft einzugliedern gilt. «Dank meiner Arbeit stehen die Erwachsenen im Migros in der Schlange. Versagten wir Kindergärtner, hätten wir von November bis Februar Fasnacht und von März bis Oktober Streetparade.» Hier spielt sich einer seine Erfahrungen vom Leib, immer bissig, niemals gehässig. Würde er Kinder hassen, könnte er ihr Gequengel, ihren Sadismus und ihre Naivität kaum mit so viel Liebe zum Detail schildern. Auf die Frage, wer im Publikum eine pädagogische Grundausbildung hat, strecken gut die Hälfte aller Anwesenden ihre Hand in die Luft. Sex And Violence Der Erfolg ist trotzdem nicht selbstverständlich, was hier geboten wird ist kein typisches Kabarett. Deville experimentiert und stösst die Zuschauer auch gerne mal vor den Kopf. Punkrock ist gewiss nicht jedermanns Sache und doch singt der Saal zum Schluss mit, als er zur Melodie von «Sex And Violence» (The Exploited) ein Heimgehlied anstimmt: «Heigoh ond heigoh» röhrt er mit entblösstem Oberkörper über die Ränge. Diese werden auch noch die verbleibenden Kinderschreck-Aufführungen hindurch komplett ausverkauft sein. Wer Deville sehen will, muss nach einer anderen Bühne Ausschau halten oder auf sein nächstes Programm hoffen.