Moralischer Overkill

Im Südpol gibt die Campus Bühne Luzern «Moral Kill» unter der Regie von Julian M. Grünthal (u. a. «Nico’s Love»). Sehr diffus und nicht wirklich packend. Von Pablo Haller
Es wird schwierig. Das zeichnet sich bereits zu Beginn ab: Ein Moderator (Kaj Späth) stellt die Zuschauer vor Dilemmas: Was würdet ihr tun, wenn ihr Tramfahrer wärt, die Bremsen versagen, auf eine Gruppe Leute zurast, und in letzter Sekunde seht ihr eine Weiche, die ihr nehmen könnt, da würdet ihr nur eine Person überfahren? Oder: Würdet ihr einen belustigt zuschauenden Nazi auf die Gleise werfen, um die Gruppe zu retten? Und so weiter und so fort. Fragen über Fragen, die uns alle im Schul- und Religionsunterricht zig Mal gestellt worden sind. Ich hoffte, das Theater habe seinen Interaktivwahn hinter sich gelassen. Die Akteure kommen irgendwann aus den Reihen des Publikums hervor, als erste eine junge Dame (Sahra Styger), die sich künstlich über den Pseudomoralismus des Moderators aufregt. Nach einer grossartigen Szene, die das angekündigte Thema, die Geiselnahme im Dubrovka-Theater, behandelt, mit erzählten Schicksalen der schwarzen Witwen und den Fakten rundherum, zu denen auch die seltsame Rolle der russischen Regierung bei der Geiselbefreiung gehört – raffiniert: Die TerroristInnen sprechen Mundart, während sonst Hochdeutsch gesprochen wird – fällt das Stück wieder ab. Es fällt ab in Befindlichkeiten, in Teenager-Fragen. «Wie wäre es, wenn wir Studenten uns radikalisieren würden?», fragen sich die Akteure. Die Antwort ist einfach: Leute wie ihr werden sich nie radikalisieren. Das ist weder authentisch noch erkenntnisbringend. Das alles ginge ja noch, wäre das Stück zudem nicht noch mies dramatisiert. Es wirkt lieblos und nicht wirklich stringent zusammengeschustert. Das wäre Aufgabe des preisgekrönten (Premio 2011) Regisseurs, Autors und Schauspielers Julian M. Grünthal gewesen. Es erwartet niemand Perfektion von einer Campusbühne und das Spiel der Akteure ist völlig okay. Es liegt vor allem an dem, was sie sagen, dass man irgendwann einen Hirnkrampf bekommt. So geht es auch der Rolle von Alexey Andrushevich, der als Figur und Schauspieler das absolute Highlight des Abends ist. Der Weissrusse hinterfragt das Gebrabbel der «ahnungslosen Studenten». Aber reicht das? In einem total unreflektierten Stück einen Reflektor einzubauen und dann ist's getan? Leider nein. Obschon das Stück ewig zu dauern scheint, kommt der Schluss unvermittelt. Völlig zusammenhangslos, und damit fügt er sich hervorragend in den Rest von «Moral Kill» ein. Weitere Aufführungen: SA 24. bis DI 27. März, 20 Uhr, Südpol Luzern