Heute: Bluthochzeit

Soll das Luzerner Theater, wie es die Stadtregierung vorschlägt, aufgelöst werden? Ja, unbedingt. Aber nicht aus Spargründen.

Bald wird es heissen, der Stapi wolle den Kindern das Weihnachtsmärchen wegnehmen, und dann ist die Salle modulable politisch tot. Die Diskussion um die Auflösung des Luzerner Theaters, wie sie die Stadtregierung anfang November vorgeschlagen hat, läuft. Doch läuft sie gar nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte.

Zu diskutieren wäre ja, wie ein Jahresbetrieb mit Musiktheater in der Salle modulable finanziert werden kann. Zu diskutieren wäre, ob es sinnvoll ist, Schauspiel und Tanz wie vom Stadtrat vorgeschlagen der freien Szene zu übergeben, und wie das konkret umgesetzt werden könnte. Es gibt ja die groben Kostenschätzungen, wieviel Geld die Salle modulable braucht, dieses neue, flexible Kulturhaus, das man spätestens 2015 eröffnen will. Und es gibt die Ideen und Modelle, wie eine freie Theater- und Tanzszene mit einem öffentlichen Leistungsauftrag angebunden werden kann.

Es wird diese Diskussion auch geben, aber, wie sich abzeichnet, nicht dort, wo sie am besten wahrgenommen wird, nämlich in der «Neuen LZ». Dort schrieb Benno Mattli schon am zweiten Tag nach der Medienkonferenz des Stadtrates: «Der Luzerner Stadtrat will das Schauspiel wegsparen.» Die freie Szene und nachgerade auch der Tanz waren aus der Diskussion bereits verschwunden. Da hat den Stadtrat den Dreck! Hat er doch seine Vorschläge selber als Sparübung kommuniziert: Das Luzerner Theater mit allen drei Sparten – Musiktheater, Schauspiel, Tanz – in die Salle modulable zu zügeln, sei zu teuer. Das rücke «andere Szenarien in den Vordergrund», heisst es im Planungsbericht zur Salle modulable.

So klingt es wie eine Notlösung, dass die freie Szene jetzt für maximal 1,5 Millionen Franken pro Jahr eine «Grundversorgung» mit Schauspiel und Tanz garantieren soll. Der Stadtrat tut hier das Richtige, aber aus den falschen Gründen: Der Vorteil der freien Szene gegenüber einem Stadttheater liegt nicht darin, dass sie wesentlich billiger produziert. Er liegt darin, dass das Publikum ein vielfältigeres, schnelleres und tendenziell innovativeres Theater zu sehen kriegt, als wenn ein einzelner Intendant über fast das ganze Tanz- und Theaterbudget der Region herrscht. Wenn sich die Diskussion jetzt aber auf die Frage zuspitzt: Schauspiel ja oder nein, dann dürfte der Konsens für die Salle modulable, der eben noch sehr breit war, sehr schnell bröckeln. Der Stadtrat hätte sich dann von seinem Hauptziel, nämlich die Salle modulable rasch zu realisieren, in kurzer Zeit sehr weit entfernt.

Gesucht: 7 Millionen Franken.

Fatal ist, dass der Planungsbericht zwei wichtige kulturpolitische Themen auf Gedeih und Verderb miteinander verstrickt. Das ist erstens die Frage, wie Musiktheater, Schauspiel und Tanz in der Zukunft, in der hoffentlich die Salle modulable zur Verfügung steht, in Luzern zu organisieren sind. Und da ist zweitens die Frage eine ganz grundsätzliche Geldfrage: Stadt und Kanton sind offenbar nicht bereit, nochmals in die Kultur zu investieren. Sie wollen für den Betrieb der Salle modulable nicht mehr aufwenden, als sie es heute fürs Luzerner Theater tun, nämlich 20,2 Millionen Franken. Da auch die anonymen Financiers des neuen Musiksaals erklärtermassen nicht bereit sind, sich an den Betriebskosten zu beteiligen, ächzt die ganze Diskussion unter diesem Kostendeckel.

Diese Kostenvorgabe wäre eine normale politische Vorgabe. Nun formuliert der Stadtrat für die Salle modulable aber hehre und hohe Ziele, die den Betrag von 20,2 Millionen Franken schnell einmal unrealistisch aussehen lassen. Das Projekt sei «für die positive Entwicklung des Standortes Luzern an der Peripherie der Metropole Zürich von grosser Bedeutung», schreibt er im Planungsbericht. Eine mit dem Lucerne Festival und der Musikhochschule eng vernetzte Salle modulable schärfe die «Kernkompetenz» des «Kulturstandorts», sprich: die «nationale und internationale Positionierung» von Luzern als «Musikstadt» und «Bildungsstandort». Was auch in diesem Papier steht: Selbst ohne Schauspiel und Tanz kostet ein Ganzjahresbetrieb mit Musiktheater in der Salle modulable 27,1 Millionen Franken. Was nicht drin steht: Wer die ungedeckten 6,9 Millionen bezahlen soll.

Es gibt für Stadt und Kanton nur zwei ehrliche Wege, die Debatte weiterzuführen:

1. Man sagt, dass der Kostendeckel sakrosankt ist. Dann muss man bereit sein, über die Salle modulable zu reden.

2. Oder man sagt, dass man die Salle modulable unbedingt will. Dann muss man bereit sein, übers Geld zu reden.

Natürlich ist aus kultureller Sicht die zweite Variante zu bevorzugen. Erst recht ist sie es, wenn es Luzern ernst ist mit der Standortpromotion und der Bildung eines Musikcampus. Voraussetzung wäre dann vermutlich das Eingeständnis, dass man Geld investieren muss, wenn man das Musiktheater auf das internationale Niveau des Lucerne Festivals anheben will – zum Beispiel beim Sinfonieorchester, das sich zehn zusätzliche Stellen wünscht. Das KKL hat gezeigt, dass es sich nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell lohnt, in der kulturellen Infrastruktur einen Quantensprung zu machen: Die Wertschöpfung beträgt dort laut einer Studie über 50 Millionen Franken im Jahr.

Ohne die Budgetguillotine könnte man in Ruhe darüber reden, ob es sinnvoll ist, in der Salle modulable nur das Musiktheater oder allenfalls auch das Schauspiel und den Tanz zu integrieren. Die «Befreiung» der letzteren beiden Sparten, für die sich das «Kulturmagazin» ja schon früher ausgesprochen hat, ist so oder so eine attraktive Option: Es gälte dann, bestehende Modelle in Schottland und Holland, aber auch in den Kantonen Bern und Aargau genau anzuschauen und in aller Ruhe den Preis- und Qualitätsvergleich zu machen. Eine durchschnittliche Schauspielproduktion kostet in der freien Szene (inklusive Tourneeförderung) rund 200 000 Franken, wie Claudia Galli von Act, dem Berufsverband der Freien, erklärt. Mit den 1,5 Millionen Franken, wie sie der Stadtrat vorschlägt, wären also etwa 7 bis 8 Produktionen zu haben – vielleicht aber auch mehr, wenn z.B. die freie Szene auf die Werkstätten und den Fundus des Luzerner Theaters bzw. der Salle modulable zurückgreifen kann.

Noch ein paar Vergleichszahlen: Laut Direktor Dominique Mentha wendet das Luzerner Theater pro Jahr rund 1,5 bis 2 Millionen Franken für Schauspiel und Tanz auf (allerdings sind die Anteile der Sparten an den fixen Strukturen des Hauses dabei nicht berücksichtigt). Im Kanton Aargau, wo es kein Stadttheater gibt, arbeitet die Theater- und Tanzszene mit insgesamt 2 Millionen Franken im Jahr: Damit werden Spielstätten, freie Gruppen, aber auch Gastspiele finanziert. Und in der Stadt Bern wird derzeit ein Modell diskutiert, das die Grenzen zwischen Stadttheater und freier Szene durchlässiger macht, und das für beide ein Jahresbudget von 7 Millionen Franken vorsieht.

Vision und Gemurks.

Wer die Freien nur als Platzhalter für ein weggespartes Stadttheater sieht, verkennt das Potenzial, das darin liegt, wenn sich Luzern in der Schweiz als wichtigster Produktionsstandort der freien Szene positionierten könnte. Niemand will im Ernst die Schauspielhäuser von Zürich oder Basel auflösen, die seit Jahrzehnten auf höchstem Niveau arbeiten. Daneben könnte aber ein innovativer Theaterwerkplatz, auf dem regionale, nationale und internationale Namen produzieren, attraktiver sein als das etwas betuliche Stadttheater, das Luzern heute zu bieten hat. «Die freie Szene kann unmöglich das Gleiche leisten wie der heutige Theaterbetrieb», wie Ina Brückel, Präsidentin des Theaterclubs, in der «Neuen LZ» sagte? Hält sie die Freien denn für Amateure? Sind nicht auch gefeierte Leute wie Christoph Marthaler, Stefan Kägi oder Ruedi Häusermann Exponenten der freien Szene? Unmöglich, dass sie nicht nur in Sils Maria, sondern auch in Luzern arbeiten?

Aber klar, das muss alles nicht sein. Man kann sich auch für den Status Quo entscheiden, sprich: für die 20,2 Millionen Franken. Und das muss noch nicht einmal bedeuten, auf die Salle modulable zu verzichten. Vielleicht wird sie etwas kleiner und peripherer, als sie in den Träumen der notorischen Standortpromotoren jetzt erscheint, aber bestimmt werden gelegentliche Spitzenleistungen im Musiktheater möglich sein. Wie heute schon. Und natürlich lässt sich auch so noch darüber diskutieren, Schauspiel und Tanz in die freie Szene zu verlagern. Vielleicht wäre es aber ehrlicher, diese Variante nicht eine Vision zu nennen, wie es der städtische Planungsbericht tut, sondern ein finanzpolitisch gewirktes Gemurks. Vielleicht wäre es ehrlicher, das Theater an der Reuss für 15 bis 30 Millionen Franken zu sanieren und alles so zu lassen, wie es ist.

Eine Vermutung zum Schluss: Die Gratisdiskussion, wie sie jetzt um das Luzerner Theater eingesetzt hat, gefährdet die Salle modulable weit mehr, als es ein Bekenntnis zu einer wirklichen, vielleicht nicht ganz billigen Vision je könnte. Die Luzerner Stimmbevölkerung hat mit schönen Mehrheiten dem KKL, dem Südpol, dem neuen Stadion zugestimmt. Wer sagt, dass sie nicht auch einer Salle modulable zustimmt, die etwas mehr kostet als das Luzerner Theater heute?

Das vollständige Dossier zur Salle Modulable gibt`s hier.

Öffentliche Diskussion zum Thema: MI 2. Dezember, 19.30 Uhr, Südpol Luzern